Der Folk und ich: The Paper Kites im E-Werk

Jeder hat einen eigenen Musikstil und bevorzugt bestimmte Musikgenres, so auch ich. Im Folk allerdings habe ich absolut keine Ahnung – noch nicht.

Ich nehme euch mit zu einem Konzert der Indie Folk-Rock-Band ‘The Paper Kites’ im E-Werk und betrachte das Ganze aus den Augen eines Neulings…

 

Gitarrengeklimper und deepe Texte

Vor der eigentlichen Band, der die Veranstaltung gewidmet ist, betritt ein junger Mann mit Gitarre die Bühne. Er singt mehrere Lieder und begleitet das Ganze mit seiner akustischen Gitarre. Schönes Geklimper trifft auf sanfte Stimme und deepe Texte. Ob die Texte wirklich so deep sind, ist schwer zu beurteilen, wenn man ein Lied das erste Mal hört. Aber von der Inszenierung her müssen sie sehr deep sein.

Der Sänger kommt aus Kanada, im Nachhinein kann ich herausfinden, dass er Joshua Hyslop heißt. Er erzählt eine kleine Anekdote über das nächste Lied namens ‘Time Alone’, das er spielt: Es handelt davon, wie zwei Menschen, die er kaum kannte, vor ihm ihre Beziehung beendet haben. Das Lied enthält Zitate aus dieser Situation, der Sänger war wohl so inspiriert, dass er das Lied direkt im Anschluss an die Situation fertiggestellt und einer der beiden traurigen Personen vorgesungen hat. Irgendwie finden das alle, mich eingeschlossen, ungemein lustig. Das Lied, das daraufhin folgt, ist sehr traurig und leise und melancholisch.

Nach diesem ersten Beitrag überlege ich, was denn jetzt die Quintessenz war. Meine Begleitung erklärt mir auf die Nachfrage, ob das jetzt schon Indie-Folk war, dass das eigentlich nur ‘ganz normaler’ Folk war. Indie steht für ‘alternativ’ und wird einfach davor gehängt, wenn man als KünstlerIn oder Band die Alternativität betonen will. Soso. Ich komme zu dem Schluss, daas Folk wohl leise Gitarrenmusik mit heller Männerstimme und tiefgründigen Texten ist. Zumindest nach dem, was ich bisher gehört habe…

 

Gehörsturz und der kleine Unterschied

10 Minuten später betritt die Band ‘The Paper Kites’ die Bühne und bereits beim ersten Lied denke ich mir: Wie konnte ich mich nur so irren. Die Band besteht aus einem Schlagzeuger, dem Frontsinger, der immer auch irgendwie Gitarre mitspielt, und drei weiteren Gitarristen und Bassisten, die gelegentlich zu Keybord und Synthesizer wechseln. Das bedeutet vor allem eins: Lautstärke. Bei den ersten Tönen platzt mir fast das Trommelfell, von leisem Gitarrengeklimper keine Spur mehr. Das ‘Indie’ bei ‘Indie-Folk’ bewirkt scheinbar, dass Indie-Folk mit Folk so viel zu tun hat wie Ramstein mit Mozart so zumindest mein erster Eindruck. Schade finde ich, dass, obwohl eigentlich immer drei bis vier Bandmitglieder Gitarre/Bass spielen und singen, ich eigentlich nur den Frontsinger singen und spielen höre, obwohl ich mein Gehör durchaus als geschult bezeichnen würde.

The Paper Kites im E-Werk. Foto: Eric Hartmann
The Paper Kites im E-Werk. Foto: Eric Hartmann

Die Songs von ‘The Paper Kites’ unterscheiden sich allerdings maßgeblich voneinander, wie ich im weiteren Verlauf merke. Auf die anfängliche Klangexplosion kommen auch leise Schnulzen im Drei-Viertel-Takt und Lieder mit Mundharmonika. Je länger ich zuhöre, desto besser gefällt mir das Ganze. Ob das an den Liedern liegt oder ich mich einfach mit der Zeit daran gewöhne, ist natürlich schwer zu sagen. Meine Highlights sind zwei Lieder, die ganz ohne Beleuchtung gespielt werden. Der Frontsinger fordert uns auf, in die Dunkelheit hineinzuhören. Wirklich dunkel wird es dank Notausgangsschildern allerdings nicht, also mache ich die Augen zu. Und da kommt es wieder: Leises Gitarrengeklimper, leises Schlagzeug und eine vierstimmige Gesangseinlage. Und da zeigen die Paper Kites, dass sie richtig gut singen können, sodass das Lied vierstimmig und fast ohne Begleitung einfach super klingt. Davon hört man aber leider bei den anderen Liedern dank ohrenbetäubender Lautstärke nichts.

Gegen Ende hin trifft die Band meinen Geschmack immer mehr. Als Zugabe wird eines der bekanntesten Lieder gespielt so versichert mir meine Begleitung wissend. Nach einigem googeln finde ich heraus, dass das Lied ‘Bloom’ heißt. Auch das wird wieder nahezu Acapella mit ein wenig Gitarrengeklimper präsentiert. Die Menge kennt das Lied scheinbar auswendig und singt, pfeift und summt mit. Das bleibt dann sogar mir im Kopf.

 

Der Folk und ich

Abschließend denke ich nochmal darüber nach, was Folk eigentlich ist und was dieses ‘Indie’ heißen soll. Wirklich wissen tu ich es immernoch nicht. Vieles war nicht so mein Ding, aber immer wenn es in Richtung Gitarrengeklimper ging, war ich begeistert. Alternativ war die Band sicher in mancher Hinsicht. Ich fand vor allem lustig, dass es scheinbar weder Anfang noch Ende der Stücke gab. Der Fronsinger stimmt noch fröhlich seine Gitarre vor sich hin, da pfeift der Synthi schon munter rum und das Schlagzeug spielt seit gefühlten zwei Minuten den Anfangsbeat. Das Ende ist ähnlich. Irgendwann mündet alles in stehenden Tönen von der Vielzahl an Gitarren und Bässen und das Publikum fängt einfach mal an zu klatschen, dann wird geklatscht und schon fängt der linke Gitarrist mit den nächsten stehenden Tönen an, die den ‘Anfang’ des nächsten Stücks einleiten. Faszinierend.

Ich werde bestimmt mal wieder in den (Indie-)Folk reinschnuppern. Für mich als außenstehenden wirkte alles ein bisschen inhomogen. Aber wer aufgeschlossen ist und entweder auf Gehörsturz oder leise Gitarrenmusik mit dominantem Gesang und tiefgründigen Texten steht, dem kann ich ‘The Paper Kites’ nur empfehlen.

 

von Eric Hartmann