Warum geht man denn auch nach Polen?

Wie erlangt man ein Sprachlevel von A1, ohne ein einziges Wort zu verstehen? Und wieso überhaupt ein ganzes Jahr lang in Polen studieren? Unsere Autorin klärt auf.

Foto: Dennis Jarvis, CC BY-SA 2.0
Die Altstadt von Warschau. Foto: Dennis Jarvis, CC BY-SA 2.0 – https://www.flickr.com/photos/archer10.

Ja, aber warum willst du denn in Polen studieren? Warum denn nicht Norwegen, Spanien oder irgendwas anderes cooles? Wenn man sich diese Fragen vor der Entscheidung für ein Auslandsstudium nicht ohnehin schon gestellt hat, so kann man sich sicher sein, dass sie einen spätestens nach der Zusage verfolgt. Nämlich stets sobald das Thema aufkommt, was man eigentlich in der nächsten Zeit so machen wird.

Für mich war schon zu Studienbeginn klar, dass ich mindestens ein Semester lang ins europäische Ausland gehen will. Wer kein Spanisch spricht oder bei wem nach sechs Jahren Französisch nur noch baguette hängen geblieben ist, für den schränkt sich die Länderauswahl allerdings schon einmal ein. Wenn man seinen Auslandsaufenthalt außerdem nicht komplett selbst organisieren will, bietet es sich an nachzusehen, welche Kooperationen mit Partnerunis das eigene Institut hat.

 

Ausschlaggebend: Der Bierpreis

So stand die Entscheidung schließlich zwischen Bergen in Norwegen und Poznan in Polen aus. Nun, Norwegen hat ein gutes Bildungssystem und sicher eine schöne Landschaft. Aber habt ihr schon mal gegoogelt, wie viel ein Bier dort kostet? Und habt ihr das Gleiche mal für Polen gemacht? Das dient natürlich nur zum allgemeinen Vergleich der Lebenshaltungskosten. Und da Bergen außerdem die regenreichste Stadt Europas ist, war die Entscheidung schnell gefallen.

Poznan also erst einmal nachsehen, wo das überhaupt ist: Zwischen Berlin und Warschau, ziemlich genau auf dem halben Weg. Wer  früh bucht, kann schon für 8€ von Poznan in die deutsche Hauptstadt fahren; 3,5 Stunden braucht der Bus. Es gibt auch einen Zug, aber natürlich etwas teurer.

Um sich selbst von der Entscheidung zu überzeugen und Argumente zu sammeln für zukünftige „Warum denn Polen“-Gespräche bietet es sich an, die Erfahrungsberichte vorheriger Studenten durchzulesen. Für Poznan gibt es da nicht so viele, scheinbar braucht es noch ein bisschen bis zum großen Polen-Hype.

Auch in diesem Jahr bin ich die Einzige, die in die 550.000-Einwohner-Stadt geht – von der ganzen Uni wohlgemerkt, nicht nur vom Institut. Was es zu lesen gibt, klingt aber eigentlich ganz cool, die Stadt hat immerhin 160.000 Studenten, das ist Taschenrechner raus 364%? Kann ja nicht sein. Naja, Mathe ist ja auch schon ein bisschen her. Um die 30% macht dann doch mehr Sinn. Das klingt für mich nach einer ziemlich coolen Stadt.

Wenn man vom eigenen Institut nominiert wurde, muss man sich nur noch bei der Partneruniversität, in meinem Falle der Adam Mickiewicz Uniwersytet, einschreiben. Spätestens ab jetzt ist es wohl normal, gelegentlich auszurasten, während man von einem Büro zum nächsten geschickt wird auf der Suche nach einer Unterschrift oder einem Formular.

Auslands-Bafög beantragen, Untermieter suchen, ein fehlendes Formular für das Auslands-Bafög beschaffen. Herausfinden, wie ein Mietvertrag auszusehen hat, sich auf die Suche nach einem anderen Formular fürs Auslands-Bafög machen, weil das letzte nicht das richtige war. Ein polnisches Wohnheim kontaktieren, um nicht in einem 10-m²-Raum mit drei Mitbewohnern zu landen, den Zug nach Poznan buchen und nebenbei ein bisschen studieren. Alles kein Problem, wer braucht schon Schlaf?

 

Als scheinbar alles geschafft ist, lädt die EU zum Sprachtest

Da freut man sich natürlich ganz besonders über die verpflichtende Einladung der EU, am OLS-Sprachtest teilzunehmen, um das eigene Level der Sprachkenntnisse für das jeweilige Auslandsstudium zu erfahren. Naja, mein Studium ist ja auf Englisch… der Test aber trotzdem für Polnisch. Die sind ja witzig, ich muss doch mein Sprachlevel nicht erfahren, ich weiß ja schon, dass ich kein Polnisch kann! Bestimmt wird man das irgendwie gleich am Anfang angeben können, um den Test zu überspringen…

Falsch gedacht! Aber der Multiple-Choice Test, der eigentlich etwa eine Stunde Zeit in Anspruch nehmen sollte, ist schneller gemacht als gedacht. Klar, ich bin ja ein Naturtalent! Nie jedz/ zjesz /zjedz/ jesz tych ciastek! Są okropne! Sind wir mal ehrlich, die Antwort hätten wir ja alle gewusst! Der Test ist aufgeteilt in Grammatik, Vokabeln, Hörverstehen und Leseverstehen. Ich habe natürlich keine Ahnung von all diesen Sachen.

Als beim Ergebnis A1 herauskommt, das Niveau von Anfängern mit grundlegenden Sprachkenntnissen, staune ich nicht schlecht. Scheint wohl doch nicht so eine schwere Sprache zu sein, wie mir immer alle gesagt haben. Wenn ich in 20 Minuten schon auf A1-Niveau komme, spreche ich Polnisch am Ende des Auslandsjahres bestimmt fließend. Vielleicht ist das aber auch nur der Beweis dafür, dass Multiple-Choice manchmal mehr mit Glück als mit Wissen zu tun hat.

Am Ende des Tests bekomme ich eine kostenlose Lizenz für einen Online-Sprachkurs, den scheine ich ja auch nötig zu haben. Auch in Poznan werde ich Polnischunterricht bekommen. Mal sehen, wie dann der zweite Teil des Tests am Ende der Auslandszeit ausfallen wird.

Am 1. Oktober geht das Semester in Poznan los, bis dahin gibt es noch eine Menge Papierkram zu erledigen und „Aber warum denn Polen“-Fragen zu beantworten. Eine einfache Antwort darauf habe ich übrigens immer noch nicht gefunden, aber warum muss ich mich eigentlich rechtfertigen? Immerhin habe ich jetzt schon A1 in Polnisch, das muss ich ja irgendwo anwenden. Wer mehr über meine beiden Erasmus-Semester erfahren möchte, kann gerne auf meinem Blog vorbeischauen.

 
 von Verena Knöll