Schreiben, statt sich beschreiben zu lassen: Ein Workshop mit Geflüchteten

Majed, Zidan und Abd sind weltbekannt. Viel ist über sie geschrieben worden, noch mehr gestritten. Denn sie sind ‘die Flüchtlinge’. Als Teil dieses Klischees hört ihnen oft niemand zu. Vergangenes Wochenende hat sich das geändert. In einer Schreibwerkstatt mit dem Studentenmagazin V haben sie gemeinsam mit anderen Geflüchteten gelernt, ihre Geschichten aufzuschreiben.

 

Foto: Julia WellerDie Sache mit dem Schnee kann Abd einfach nicht mehr hören. „Die Deutschen denken immer, wir kennen keinen Schnee und müssen bei diesen Temperaturen erfrieren“, erzählt der Syrer. „Aber bei uns ist es auch sehr kalt im Winter. Es ist kein großer Unterschied.“ Und nicht nur beim Wetter haben die Deutschen oft falsche Vorstellungen von Abds früherem Leben: Das Bildungssystem, das Essen, alles eigentlich gar nicht so anders. Erklären kann er das seinen neuen Landsleuten aber nicht so wirklich, denn für viele Flüchtlinge ist es sehr schwierig, mit normalen Bürgern in Kontakt zu kommen. Deshalb ist Abd heute hier.

Zwölf Geflüchtete sitzen an diesem Tag in einem Seminarraum der philosophischen Fakultät. Nichts Außergewöhnliches, denn sie alle studieren seit dem laufenden Wintersemester an der FAU. Das Ungewöhnliche: Es ist Samstag, und die Uni ist ansonsten menschenleer. Kreatives Schreiben wollen die Teilnehmer dieses Wochenend-Workshops lernen, und zwar von den Redakteuren des Magazins V. Die Flüchtlinge haben bereits viele Sprachkurse hinter sich, mussten Vokabeln und Grammatik pauken, sogar Aufsätze schreiben. Fast alle sprechen fließend Deutsch, natürlich nicht fehlerfrei, dafür aber ohne Scheu. „Übung macht den Meister“, zitiert ein Teilnehmer aus Syrien. Bevor es jedoch an die praktischen Übungen geht, wird ein bisschen Theorie besprochen – wie das in der Uni eben so sein muss.

 

Mit Mind-Map und Wörterbuch

Ein Überblick über mögliche Textsorten, Tipps zum Einstieg in die Geschichte und verschiedene Stilmittel werden vorgestellt. Dann geht es endlich an die Themen: Die beiden Stichworte „Sprache“ und „Ankommen“ sollen die Teilnehmer inspirieren, in ihrer Themenwahl sind sie aber letztlich frei. Alle Geflüchteten haben auf ihrem Weg eindrucksvolle Erlebnisse und Erfahrungen gesammelt, sie warten schon lange darauf, diese in Geschichten zu verarbeiten. In Kleingruppen sammeln und sortieren die Flüchtlinge zusammen mit V-Redakteuren ihre Ideen, es entstehen Mind-Maps und Wortfeldsammlungen. Abd äußert seine Idee mit dem Schnee. Zidan erzählt, dass er hier an der deutschen Uni noch einmal ganz von vorne anfangen muss, obwohl er längst einen syrischen Bachelor-Abschluss besitzt. Majed möchte einen wissenschaftlichen Artikel schreiben, über die Flüchtlingspolitik und Schwierigkeiten bei der Integration. Ein Teilnehmer aus dem Iran schreibt über die persische Sprache, die uns nicht nur ‘1000 und eine Nacht’ geschenkt hat; ein anderer plant eine fünfteilige Kurzgeschichte über die Frage, wann man eigentlich an einem fremden Ort angekommen ist.

Fotos (2): Julia Weller
Fotos (2): Julia Weller

Die Teilnehmer haben Zerstörung, Flucht, Angst und Ungerechtigkeiten erlebt, doch wen interessiert das schon noch? Es ist viel über sie geschrieben worden. Zumindest über das Phänomen der ‘Flüchtlinge’, dem sie ja auch irgendwie angehören. Nur über sie selbst, über Majed, Zidan und Abd, gibt es noch keine Geschichten. Für die persönliche Seite des abstrakten Phänomens interessiert sich niemand, schon gar nicht die großen Medien. Also müssen die Flüchtlinge eben selber zum Bleistift greifen. Und sie tun das mit bewundernswerter Leichtigkeit: Keine Schreibblockade, kein Sprachhindernis scheint zwischen den neuen Autoren und den noch leeren Seiten zu stehen. Nach einer Stunde hat Zidan schon zwei Seiten geschrieben, immer wieder um Formulierungshilfe gebeten, parallel dazu in der Wörterbuch-App geblättert. Es ist ohnehin schon eine Kunst, sich im geschriebenen Wort auszudrücken. In einer anderen als der eigenen Muttersprache ist es noch einmal viel schwieriger. Doch die Teilnehmer haben etwas zu erzählen, also schreiben sie es auf.

 

Und am Sonntag früh um zehn werden sie wieder hier sein. Um weiterzuschreiben. Übung macht schließlich den Meister.

 

von Julia Weller

 

Der Workshop fand in Kooperation und mit Unterstützung von FAU Integra statt. Die Texte, die am Wochenende entstanden sind, werden Stück für Stück auf diesem Blog oder in unserem Printmagazin veröffentlicht.

3 Gedanken zu „Schreiben, statt sich beschreiben zu lassen: Ein Workshop mit Geflüchteten

Kommentare sind geschlossen.