Last-Minute-Geschenke und Konsumbewusstsein

Die zunehmende Digitalisierung hat unser aller Leben verändert und in vielen Punkten vereinfacht – auch in der Weihnachtszeit. Bei Amazon kann man beispielsweise noch bis zum 21.12. Geschenke einkaufen, rechtzeitige Lieferung bis zum Weihnachtsfest inklusive.

Aber hat das vielleicht Konsequenzen, derer wir uns zum Fest der Liebe bewusst sein sollten?

 

Jedes Jahr aufs Neue bekomme ich Anfang Dezember Panik, wenn ich realisiere, dass ich nur noch einen knappen Monat Zeit habe, um mir zu überlegen, was ich Freunden und der Familie zu Weihnachten schenken könnte. Im Unistress des neuen Semesterts bleibt zwischen Referaten, Essays und Hausaufgaben kaum Zeit, sinnvolle Geschenke auszumachen und zu besorgen. Soweit also nichts Neues.

Neu ist allerdings, dass wir durch Onlineportale und Versandhandel bis kurz vor Weihnachten problemlos übers Internet shoppen können und so ganz stressfrei noch was besorgen können, wenn es eigentlich schon längst zu spät ist. Bei Amazon kann man dieses Jahr zum Beispiel noch bis zum 21.12. Weihnachtsgeschenke einkaufen und bekommt die rechtzeitige Lieferung bis zum 24.12 sogar garantiert wer kann da schon nein sagen?

 

Amazon und die Arbeitsbedingungen

In den letzten Jahren kamen von verschiedenen Seiten Zweifel bezüglich des Onlineversandgeschäfts von Amazon und Co auf. Im Fokus stehen vor allem die Arbeitsbedinungen der ArbeiterInnen bei Amazon und die Monopolbildung im Einzelhandelsbereich.

Die Arbeitsbedingungen bei Amazon werden von verschiedener Seite kritisiert. Die Autoren Jörn Boewe und Johannes Schulten werfen Amazon in ihrem Buch “Der lange Kampf der Amazon-Beschäftigten” vor, dass das Unternehmen gezielt in strukturschwachen Gebieten neue Logistikzentren aufbaut. Durch die Lage in strukturschwachen Gebieten wird Amazon zum wichtigen Arbeitgeber in der Region und macht ArbeitnehmerInnen von sich abhängig. Amazon wird so zur besten Alternative in strukturschwachen Gebieten, wodurch die ArbeitnehmerInnen ihre Interessen an besserern Arbeitsbedingungen hinten anstellen.

Auch die Gewerkschaft Verdi kritisiert Amazon für dessen Umgang mit ArbeitnehmerInnen: Es sei zwar gut, dass Amazon Arbeitsplätze schaffe die Frage sei allerdings, warum Amazon sich dabei nicht an verbreitete Tarifverträge des Einzelhandels hält. Seit 2011 engagiert sich Verdi für die ArbeitnehmerInnen von Amazon, doch bisher gelang es nicht, die Forderung nach Tarifverträgen durchzusetzen. Dies liegt auch und vor allem daran, dass bei Amazon viele ArbeitnehmerInnen lediglich befristet oder als Saisonarbeiter eingestellt werden. Dies führt zu einer Entsolidarisierung der Belegschaft: Saisonarbeiter haben kein Interesse am gewerkschaftlichen Engagement, da sie ja lediglich Saionsweise angestellt werden (zum Beispiel in der Wintersaison für den Weihnachtsverkauf). Wer lediglich befristet angestellt ist, kann ohne Angabe von Gründen nach Ablauf des Vertrags aus dem Unternehmen ausscheiden, wenn der befristete Vertrag nicht verlängert wird, was viele befristete Angestellte von gewerkschaftlichem Engagement abhält. Die Autoren Boewe und Schulten kommen zu dem Schluss, dass Amazon gezielt agiert, um gewerkschaftliches Engagement zu beschränken und so die Einführung von Tarifverträgen zu verhindern.

Der englische Nachrichtensender BBC setzte sich in Form einer Dokumentation mit dem Titel ‘The Truth Behind The Click’ mit den Arbeitsbedinungen bei Amazon auseinander. BBC schleuste Versuchspersonen in das Unternehmen ein und konnte so Erkenntnisse über die Arbeitsprozesse in den Logistikzentren von Amazon erlangen. Die Logistik basiert schlussendlich auf den ArbeitnerhmerInnen, die als sogenannte ‘Picker’ arbeiten: Die Picker tragen spezielle Geräte mit sich herum und bekommen über diese Informationen, welches Paket sie als nächste heraussuchen sollen. Die Picker laufen also tagtäglich durch die riesigen Logistikhallen und suchen die Pakete, die wir alle bestellen. Dabei legen sie täglich mehrere Kilometer zurück und werden durch die Scangeräte enorm unter Druck gesetzt: Für jedes gesuchte Paket hat der Picker nur eine bestimmte Zeit, denn das Scangerät zählt jeweils einen Countdown herunter. Falls das Paket nicht rechtzeitig gefunden wird, ertönt ein Signalton und das Scheitern wird in eine Fehlerrate eingerechnet. Die Picker stehen also ununterbrochen unter Druck und Kontrolle durch das Unternehmen. Auch wird dem Unternehmen vorgeworfen, die jeweiligen Zeiten pro Paket seien gar nicht schaffbar. Die Entlohnung für diese körperlich anstrengende und geistig belastende Arbeit liegt dabei kaum über Mindestlohn, die Verträge sind wie gesagt häufig befristet oder lediglich für eine Saison ausgelegt.

 

Amazon und die lokalen Einzelhändler

Auch von anderer Seite wird die Entwicklung rund um Onlineversandhäuser kritisiert. Der deutsche Philosoph Richard David Precht prognostiziert, dass Buchläden zunehmend aus den Innenstädten verschwinden werden, weil aufgrund des Onlineagebots zu wenig Kundschaft für lokale Buchläden bleibt. Auf der Frankfurter Buchmesse verkündete Precht schon 2011: “Amazon wird alle Buchläden töten, noch bevor sich das E-Book durchgesetzt hat”. Was für den einen oder die andere wie Panikmache klingt, wird durch Statistiken belegt: Amazon hatte 2013 ca. 20 Prozent Marktanteil beim Buchhandel, Tendenz steigend. Gleichzeitig ist der Gesamtumsatz kleinerer Buchhändler rückläufig. Bei E-Books hat Amazon sogar einen Marktanteil von ca. 41 Prozent in Deutschland und drei Viertel des Gesamtumsatzes des Onlineversands von Büchern geht alleine in die Tasche von Amazon.

Die Frage, ob es sich hier nicht um ein Monopol handelt, mit dem sich das Bundeskartellamt auseinandersetzen sollte, drängt sich auf. Durch diese Monopolstellung werden kleinere Buchhandlungen verdrängt, weil sie sich nicht mehr refinanzieren können.

 

Das Weihnachtsfest rückt immer näher und du hast immernoch kein passendes Geschenk gefunden? Dann nimm dir doch mal zwei Stunden Zeit und schlendere entspannt durch die Innenstadt oder besuche den Buchladen nebenan. Oder denk mal darüber nach, ob deine Freunde und Verwandten wirklich noch neuen Weihnachtskrempel brauchen können und du nicht stattdessen irgendetwas Kreatives verschenken könntest. Upcycling liegt im Trend und bei verplanten Tagen und Dauerstress werden ein paar verschenkte Stunden Zeit zum Luxusgut.

In diesem Sinne eine schöne Weihnachtszeit.

 

von Eric Hartmann