Warum ich nicht beim Geschenke-Baum mitgemacht habe

Zwischen Dolmetscher-Gutscheinen und “Kaffee bio, fair, gemahlen” findet sich nichts, was ich gerne geben würde. Ein Kommentar über eine Aktion, die besser gemeint als gemacht wirkt.

 

Es ist eine schöne Idee: Festliche Weihnachtsbäume schmücken die Uni und ermöglichen es, “Menschen zu beschenken, die wirklich etwas brauchen”. So jedenfalls steht es auf den Internetseiten der Hochschulgemeinden, und sie erklären das Prinzip wie folgt: Kärtchen vom Baum nehmen, das darauf beschriebene Geschenk – “z.B. ein Paar Socken, ein VGN-Ticket oder ein Stück Seife” – besorgen, schön einpacken und bei einer der Hochschulgemeinden abgeben. Auf der Karte steht auch, an welche Hilfsorganisation die Spende dann weitergeleitet wird. Ein bisschen weihnachtliche Wohltätigkeit für jeden, der sich keinen Zacken aus der Krone brechen und trotzdem etwas Nettes tun möchte. Wenn es denn nur so wäre.

Bei jedem Bibliotheksbesuch im Advent gehe ich an diesem Bäumchen vorbei, und jedes Mal suche ich nach den Socken und der Seife. Es gibt sie nicht. Nicht mehr? War ich zu langsam? Waren all die Kärtchen, die um Socken bitten, schon am ersten Tag vergriffen? Möglich, aber der Baum ist immer noch erstaunlich voll. Was übrig geblieben ist: Gutscheine. Hier die Bitte um einen 20€-Arcaden-Gutschein, dort die über 5€ für Müller, daneben Thalia, zehn Euro. Und dawischen: Haufenweise ‘Dolmetscher-Gutscheine’ für die Erlanger Flüchtlingsbetreuung.

Geschenk-Baum in der Unibib. Foto: Julia Weller

Zweifellos alles nützliche Dinge, aber ich hätte wirklich gerne Socken verschenkt. Hätte sie vielleicht sogar selber gestrickt oder mir im Laden ein schönes, besonderes Exemplar aussuchen können. Gut, gestrickt habe ich tatsächlich schon sehr lange nicht mehr, aber zumindest hätte ich Kreativität, Energie und Liebe in den Auswahlprozess investieren können. Eine schöne Verpackung basteln. Einen netten Gruß dazuschreiben. So stelle ich mir einen Geschenke-Baum vor: Bei den Beschenkten soll etwas Praktisches ankommen, über das sie sich freuen und das sie eben wirklich gebrauchen können. Damit in der Spendenaktion kein totaler Krempel zusammenkommt, stehen die Vorgaben ja extra auf den Kärtchen.

Aber Gutscheine? Diese absolut unpersönliche, lieblose und uninspirierte Art, Geld auszugeben? Schon im persönlichen Umfeld verschenke ich nie Wertgutscheine, weil ich dem Beschenkten genauso gut einen bloßen Geldschein in die Hand drücken könnte. Und überhaupt, was ist denn bitte ein Dolmetscher-Gutschein? Wo kauft man so etwas? Bin ich die einzige, die mit dieser Aufgabe überfordert wäre? Anscheinend nicht, sonst würden nicht noch so viele dieser Kärtchen am Bäumchen in der Hauptbib baumeln.

 

Gute Tat für Faule

Der Kassiererin einen Schein in die Hand drücken und dafür ein Stück Papier mit dem entsprechenden Wert erhalten, das ist kein sonderlich weihnachtlicher Akt. Nicht einmal schön verpacken kann man das Ergebnis noch, mit einem simplen Umschlag ist alles erledigt. Ich habe das Gefühl, dass diese Reduzierung der guten Tat auf das reine Geldausgeben viele Leute vom Mitmachen abschreckt. Oder, genauer gesagt: Sie einfach gar nicht dazu motiviert. Dabei geht es gar nicht um den Preis der Sache, denn für schöne Socken kann man auch gut und gerne mehr als 20 Euro ausgeben.

Oder sollen diese Kärtchen etwa gerade faule Studenten zum Mitmachen bewegen? Die vielleicht nicht die Zeit aufbringen möchten, um noch mehr Geschenke zu besorgen, sondern sich stattdessen ganz schnell und einfach ein gutes Gefühl erkaufen wollen? Doch bei der enormen Menge an Gutschein-Bedarf, die noch an den Geschenke-Bäumen hängt, scheint die Taktik nicht ganz aufzugehen. Es sei denn, die Zweige werden regelmäßig mit neuen Nachfüll-Karten bestückt.

Immerhin, wer tief in die Knie geht, findet am Baum in der Hauptbib noch zwei Kärtchen, die nicht um Gutscheine oder Geldspenden bitten. Ein VGN-Ticket wird gebraucht und außerdem eine Packung Kaffee in “bio, fair, gemahlen”. Mir fällt noch Einiges ein, das man anstatt der Gutscheine auf die Karten hätte schreiben können. Vielleicht die geläufigsten und meistgebrauchten Schuhgrößen von Flüchtlingen, Obdachlosen, Bedürftigen? Altersangaben, um passende Bilder- oder Lesebücher für Kinder besorgen zu können? Beliebte Gesellschafts- oder Kartenspiele? Ich bin mir sicher, dass die Empfänger der Hilfsorganisationen viele verschiedene Wünsche haben. Und dass zumindest Kinderaugen deutlich heller leuchten, wenn sie unter dem Geschenkpapier ein weiches Stofftier oder ein dickes Buch entdecken, statt einen Gutschein überreicht zu bekommen. Vielleicht finde ich ja nächstes Jahr eine Karte, die mir wieder Lust aufs Verschenken macht.

 

von Julia Weller

 

Lies hier die Meinung von unserem Autor Christoph zum Geschenkebaum.

 

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