Chancengleichheit, Leistungsgerechtigkeit und andere Märchen

“Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.” Kaum ein Satz, der die Leistungslogik der sogenannten meritokratischen Gesellschaft besser beschreiben könnte. Aber was steckt eigentlich dahinter? Wie wichtig ist Leistung in unserer Gesellschaft?

 

Als Kind meiner Zeit wuchs ich mit dem Glauben daran auf, dass Leistung ein grundlegendes Prinzip unserer Gesellschaft ist. Bereits in der Grundschule werden Bewertungen vergeben. Da gab es zwar (zumindest zu meiner Schulzeit) noch keine Schulnoten von 1 bis 6, aber für den traurigen Jungen mit der Bewertung “ungenügend” in meiner Klasse war das wohl auch kein Trost. Und so geht das immer weiter, über die weiterführende(n) Schule(n), bis man irgendwann in der Uni landet. Und dann hat sich dieses Prinzip im Hirn festgesetzt. Es wäre ja auch unverantwortlich, wenn Leistung nicht beloht würde. Dann würde sich ja niemand mehr anstrengen. Und die großen Unternehmen Deutschlands würden gar von leistungsunfähigen Mittelmaßmanagern geleitet was für ein Albtraum.

Ich wäre wohl immernoch in diesem Glauben gefangen, den ich gerne als Leistungsdogma bezeichne, wenn ich nicht irgendwann über einige interessante Studien gestolpert wäre und mir den einen oder anderen Gedanken zu dem Thema gemacht hätte. Willkommen auf einer kleinen Spritztour durch die Abgründe der Leistungsgesellschaft.

 

Wie hast du’s mit der Leistung, mein Kind?

Aber wo soll ich anfangen? Nehmen wir doch mal nur so zum Spaß an, es wäre tatsächlich legitim, Menschen nach Leistung zu bewerten und die gesellschftlichen Positionen (z.B. Berufe) nach Leistung zu vergeben. Wer also viel Leistung erbringt, soll auch gute Stellen bekommen und viel Geld für seine/ihre Leistung erhalten.

Da fangen die Probleme aber leider schon in den Grundschulen an. Studien der Psychologen Rosenthal und Jacobson haben schon 1966 gezeigt, dass LehrerInnen SchülerInnen nicht etwa aufgrund der tatsächlichen Leistung bewerten, sondern aufgrund der Meinung, die die LehrerInnen von den einzelnen Schülern haben. Die Bewertung basiert somit in vielen Fällen auf Stereotypen, die sich die Lehrkräfte über ihre Schützlinge gebildet haben. Dies wirkt sich auch auf die Übertrittsempfehlung für die weiterführenden Schulen aus, was zu struktureller schichtbezogener Ungleichheit führt. So müssen SchülerInnen, deren Eltern aus der Arbeiterklasse stammen, 50% bessere Leistungen in Form von Noten erbringen, als SchülerInnen, deren Eltern aus ‘höheren’ Schichten stammen, um von der Lehrkraft für das Gymnasium vorgeschlagen zu werden. Das ergab eine Studie an Hamburger Grundschulen.

 

Von der Grundschule aufs Gymnasium oder auch nicht…

Und selbst, wenn Kinder aus bildungsschwächeren Familien für Gymnasien vorgeschlagen werden, entscheiden sich die Eltern viel häufiger dafür, ihr Kind stattdessen auf eine Mittel- oder Realschule zu schicken. Das ist in erster Linie darauf zurückzuführen, dass für diese Familien das Gymnasium überhaupt nicht als realistische Option erscheint oder die Notwendigkeit von Bildung auf dem Arbeitsmarkt in der heutigen Zeit gar nicht bewusst ist.

Der französische Soziologe Pierre Bourdie stellte fest, dass auch an Gymnasien und Hochschulen eine leistungsferne Bewertung der Schüler stattfindet. Lehrkräfte und DozentInnen bevorzugen demnach SchülerInnen, die ihrem eigenen Verhalten und Sprachstil entsprechen. Personen, die diese Eigenschaften nicht durch die Sozialisation in der Familie oder dem Milieu erfahren haben, werden so systematisch benachteiligt. Die Mittelschicht, die in Form von LehrerInnen und DozentInnen im Bildungssystem vorzufinden ist, sorgt dafür, dass Kinder der Mittelschicht (und Oberschicht) erfolgreich sind  eine Klasse reproduziert ihre eigene Sonderstellung.

 

Soziale Ungleichheit reproduziert sich durch das Bildungssystem

Nach diesen Erkenntnissen wundert es wohl keinen mehr, dass soziale Mobilität bezüglich Bildung in Deutschland mehr Wunschdenken als Realität ist. Statistiken zu diesem Thema zeigen, dass Bildungserfolge enorm davon abhängen, in welchem familären Kontext ein Kind aufwächst. Arbeiterkinder besuchen in der Regel keine Universitäten und werden Arbeiter. Kinder von Beamten, Selbstständigen oder qualifizierten Angestellten hingegen besuchen meist das Gymnasium und machen den Großteil der Studierenden an deutschen Universitäten aus.

Der eine oder die andere will hier vielleicht einwenden, dass ja dennoch jeder die Möglichkeit hat, das Abitur zu schreiben, an einer deutschen Universität zu studieren oder einen sehr guten Beruf zu bekommen und somit einen Schichtwechsel vorzunehmen. Das stimmt soweit auch allerdings eben nur formal. Es gibt diese Fälle, in denen Kinder aus bildungsfernen Familien eine beachtliche Laufbahn hinlegen und so den gesellschaftlichen Aufstieg meistern. Die Frage ist allerdings, ob es gerecht ist, dass diese Menschen für diese Laufbahn wesentlich geringere Chancen haben und gleichzeitig mehr leisten müssen als Menschen mit anderem familiären Kontext. Und das aufgrund von Faktoren, auf die sie keinerlei Einfluss haben.

 

So what?!

Ich möchte an dieser Stelle ein kleines Fazit ziehen. Das deutsche Bildungssystem ist zutiefst ungerecht. Leistung wird ungleich bewertet und der Erfolg im Bildungssystem hängt zu großen Teilen davon ab, in welchen Schornstein der Storch dich (und mich) hat fallen lassen. Und dabei haben wir über die Legitimität des Leistungsprinzipes an sich noch gar nicht gesprochen. Das Gymnasium zu besuchen, zu studieren, einen guten Abschluss zu machen all das sind in vielen Fällen Previlegien, derer wir uns bewusst sein sollten.

Gerecht ist nicht, dass jeder einen Apfel pflücken darf. Gerecht ist, dass der Zwerg eine Leiter bekommt.

 

von Eric Hartmann