Inszenierter Vandalismus für ein Stadttheater der Zukunft?

Ein Diskussionsabend zum „Stadttheater der Zukunft“: Unser Autor Christoph hat sich angehört, mit welchen Schwierigkeiten das Theater Erlangen kämpft. Und hat dabei noch größere Probleme aufgedeckt…

 

Das Theater Erlangen will durchstarten und das in Richtung Zukunft. Um diese gemeinsam mit den Einwohnern zu planen, wurde vergangenen Freitag ein Diskussionsabend organisiert, um an Tischgesprächen herauszufinden, was geändert und vor allem zukünftig besser gemacht werden könnte.

Damit möglichst viele Menschen in das Schauspielhaus und vor allem an die sieben Tische gelockt werden, wurden im Vorfeld überall in Erlangen Werbeplakate für bevorstehende Veranstaltungen des Theaters mit Graffiti beschmiert.

Erst nach einigen Tagen stellte sich heraus, dass hier kein verärgerter Zuschauer seiner Wut Luft gemacht hat, sondern das Theater selbst. Eine Einladung zur Diskussion mit der Überschrift „Wir müssen reden“, wurde über die Schmierereien geklebt.

 

Inszenierter Vandalismus für neues Theaterpublikum?

Ein Marketing-Gag, der zwar gut gemeint, aber nicht wirklich gut gemacht ist und bei genauerem Nachdenken das eigentliche Problem des Theaters perfekt verbildlicht. „altmodisch“, „langweilig“ und „zu viel Text“, waren die Parolen, die man zu lesen bekam. Doch wer hat so viel Zorn in sich, um nahezu alle der unzähligen Werbeplakate in Erlangen zu besprayen? Genau, niemand. Desinteresse heißt das eigentliche Problem, welches für schwindende Zuschauerzahlen sorgt. Denn während die Abonnementbesitzer langsam aber sicher wegsterben – und sicherlich nicht zur Spraydose greifen – lässt das Theater die sich in dieser Kulturstätte rar machende Jugend kalt.

Inszenierter Vandalismus für die Zukunft des Theaters? Foto: Christoph Wusaly

Umso erfreulicher ist es, dass sich dies in Erlangen ändern soll, weshalb die Kampagne „Stadttheater der Zukunft“ ins Leben gerufen wurde. Im Gespräch mit den Bürgern will man Ratschläge, Tipps und Ideen sammeln, um in der Zukunft „durchstarten“ zu können, wie das Symbol der Rakete bei dieser Kampagne verdeutlichen soll.

Zur Debatte standen folgende sieben Themen:

1. Theater = Ort von Geschichte(n): Welche Geschichten/Themen sollen zukünftig erzählt werden?
2. Theater = Ort für alle?
3. Theater = Ort der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung
4. Theater = Ort der Veränderung: Zukunftsvisionen für das Stadttheater
5. Theater = Ort der künstlerischen Vielfalt: Welche Ästhetiken gehören auf die Bühne?
6. Theater = Ort für Subventionen: Wie viel darf oder muss Kunst kosten?
7. Theater = Ort der Begegnung: Stadttheater als Zentrum für eine Stadtgesellschaft

 Nach einleitenden Worten sollte man sich anschließend für zwei Tischgespräche entscheiden und diese mit seinen Ansichten und Ideen bereichern.

 

 

Kostenlose Restkarten für Studenten?

An Tisch 4 startete die Diskussion mit Dramaturgin Karoline Felsmann unter der Frage: „Fändet ihr es schade, wenn das Theater Erlangen in, sagen wir 20 Jahren, kurz vor der Schließung stehen würde?“. Felsmann und die  Theaterwissenschaftlerin Prof. Dr. Bettina Brandl-Risi agierten als Expertinnen in dieser Runde. Alle der knapp 20 Personen, die Platz genommen hatten, gaben zu, dass sie mit dem Ende dieser Institution, vor allem unter Berücksichtigung der Geschichte des Theaters, nicht einverstanden wären. Nach etwas mehr als 30 Minuten haben sich einige gute Ideen herauskristallisiert. So gibt es beispielsweise den Plan, das Theater tagsüber als Café zu nutzen, um dem Gebäude auch außerhalb der Aufführungen leben einzuhauchen. Ein anderes Ziel ist es, Studenten vor Vorstellungsbeginn kostenfrei Restplätze im Theater anzubieten, um das Interesse der jüngeren Generationen anzukurbeln. Beide Ideen stießen durchweg auf Anklang, scheitern aber bislang an der dazu notwendigen Finanzierung.

 

Überfordernde Inszenierungen?

In einer anderen Diskussion stand das Thema „Welche Geschichten/Themen sollen zukünftig erzählt werden?“ zur Debatte. Im konträr zum anderen Tisch eher zäh laufenden Gespräch war Katja Ott, Intendantin des Theaters, die Expertin. Sie gab den anwesenden Personen zu verstehen, dass es problematisch sei, den Spagat zwischen Tradition, Innovation und Provokation zu meistern. Sobald eine Inszenierung zu gewagt oder modern ist, werden zwar Abonnements von alteingesessenen Theaterfreunden gekündigt, neue Abonnenten aus der jüngeren Generation kommen aber nicht hinzu. Das mache ihre Arbeit sehr schwierig, gab sie zu und fragte deshalb in die Runde, warum sich junge Menschen nicht mehr fürs Theater interessieren. Einige Studierende waren sich einig, dass Theater oft zu komplex sei. Oder, wie eine Studentin der Theaterwissenschaften treffend preisgab: „Ich bin gerne ins Theater gegangen und ich halte mich wirklich nicht für dumm, aber bei manchen Stücken verlasse ich den Saal, ohne auch nur ansatzweise das Gesehene verstanden zu haben. Ich bin mir bewusst, dass Theater mehr als nur Unterhaltung und Berieselung sein sollte, aber häufig bin ich mit den Inszenierungen einfach total überfordert!“. In Folge dessen wurde darüber diskutiert, wie anspruchsvoll Theater eigentlich sein sollte und ob nicht genau dieses Nicht-Verstehen und die dadurch ausgelöste Suche nach einer Antwort das Ziel einer Aufführung sein sollte. Letztendlich einigte man sich darauf, dass es eine Überlegung wert wäre, Aufführungen für junge Erwachsene anzubieten und häufiger Nachbesprechungen zu besonders anspruchsvollen Thematiken anzubieten. Beides wäre eine Schritt in die richtige Richtung.

 

Im Anschluss an die zwei Tischgespräche wurden die Experten und Expertinnen auf die Bühne gebeten, um „kurz vier, fünf Stichpunkte und Ideen“ aus den Gesprächsrunden vorzustellen. Aus 4-5 Stichpunkten wurden jedoch immer längere Monologe, bei denen es den Anschein hatte, jeder einzelne Redner wolle sich mit seinem Fachjargon profilieren. Und da war es wieder, das Problem des Theaters. Es steht sich selbst im Weg. Zu viel Anspruch, zu viel erzwungene Intellektualität und Zuschauer, die nur körperlich anwesend sind. Denn was bringt eine positive Kritik in der Süddeutschen Zeitung, wenn ein Drittel der Zuschauer*innen die abstruse Inszenierung von Elfriede Jelinkes „Wut“ bereits in der Pause verlässt?

 

von Christoph Wusaly