Meine Meinung – Feminismus

Die Reisekolumnen haben bei uns bereits Tradition. Ab sofort gibt es aber monatlich noch eine zweite Kolumne, die sich mit gesellschaftlichen, alltäglichen oder ausgefallenen Themen befasst. Bühne frei für “Meine Meinung” von Christoph Wusaly!

 

Meine Freunde sind es leid, sich ständig meine Meinung zu jeglichen Themen anhören zu müssen. Selbst wenn ich von einem Thema überzeugt bin, beginnt mein Hirn – sobald ich ein Argument ausgesprochen habe – mit dem Suchen und Finden von Gegenargumenten, die meine eigene Meinung außer Kraft setzen. Hin und wieder gelingt es mir dann aber dennoch, nicht nur meinen Kopf zum Rauchen zu bringen, sondern ebenfalls eine fundierte und – wie ich finde – grandiose Meinung zu entwickeln, an der ihr nun monatlich in dieser Kolumne teilhaben dürft. Herzlichen Glückwunsch dazu!

Beginnen wir für die erste Kolumne mit meiner Meinung zum Feminismus.

Feminismus ist ein wirklich leidiges, leidiges Thema. Auf der Gesprächsthemenbeliebtheitsskala wohl irgendwo zwischen der Beichte und dem Aufklärungsgespräch mit den Eltern. Der Grund dafür ist meines Erachtens, dass Feminismus von vielen falsch verstanden wird, sehr falsch! Wie soll man sich auch eine Meinung über ein Thema bilden, das ein Jeder anders definiert?

Ein Beispiel dafür: Alice Schwarzer, für viele ‘die Feministin’ schlechthin. Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht, denn selbst auf Wikipedia steht: „Schwarzer versteht sich als Feministin“. Allein diese Wortwahl zeigt, dass es anscheinend Menschen gibt, die in dieser Angelegenheit widersprechen würden. Es stellt sich also die Frage, was macht eine*n Feministen*in eigentlich aus?

 

Selbstredend hat Schwarzer in diesem Thema sehr viel erreicht, was auch der Grund dafür ist, dass ich vor etlichen Jahren (genauer gesagt: als ich begann, mich für Menschenrechte und somit auch Frauenrechte zu interessieren) ein kleiner Fan von ihr war. Doch mit fortschreitendem Alter und vor allem fortschreitender geistiger Reife begann ich damit, mich genauer über sie, ihre Ziele und ihre Kampagnen zu informieren und ließ mich nicht mehr von dem „Feministin“-Stempel auf ihrer Stirn täuschen.

Alice Schwarzer mit ihrer „Wir haben abgetrieben“- Titelseite; Quelle: "Wir haben abgetrieben“, Stern, 6. Juni 1971.
Damals noch für die Selbstbestimmung: Alice Schwarzer mit ihrer „Wir haben abgetrieben“- Titelseite; Quelle: “Wir haben abgetrieben“, Stern, 6. Juni 1971.

So erkannte ich, dass Feminismus nicht Feminismus ist, und ihrer vor allem nicht meiner! Gründe dafür gibt es einige. Zum einen versucht die gute Alice mit ihrer PorNO-Kampagne, Medien, die „verharmlosende oder verherrlichende, deutlich erniedrigende sexuelle Darstellung von Frauen in Bildern und/oder Worten“ zeigen, zu verbieten.

Eine „Wir lassen uns im Bett gerne dominieren“-Titelseite wird es also im Gegensatz zum „Wir haben abgetrieben“-Cover nicht geben. Hier beginnt der Stempel auf ihrer Stirn langsam zu schwinden. Sexuelle Selbstbestimmung? Nicht mit Alice Schwarzer!

Ein weiteres Beispiel zu diesem Thema ist ihr Statement zu den Skandalfotos von Emma Watson (könnt ihr hier nachlesen). Weltweit echauffierte man sich über die Tatsache, dass die Schauspielerin sich als Disneystar vor der Kamera entblößt und sich gleichzeitig als Feministin bezeichnet. Schwarzer stärkt Watson den Rücken, da es sich bei dem Bild nicht um Pornografie (=böse), sondern um Erotik (= gut) handle. Deshalb hat “Emmas Foto nichts mit einer (selbst)erniedrigenden Entblößung zu tun, aber alles mit einer selbstbewussten Inszenierung!“.

Aber was wäre so schlimm an Pornografie oder erniedrigender Entblößung, wenn eine Frau es so will? Sollte eine Feministin sich nicht für das Recht aussprechen, dass eine Frau sich so selbstbewusst oder erniedrigt inszenieren darf, wie sie will? Wie kann sich jemand als Feministin bezeichnen und gleichzeitig die ganze weibliche Bevölkerung bevormunden? Während ihr Kampf für das Recht auf Abtreibung Frauen mehr Freiheit verlieh, soll diese Freiheit an einer anderen Ecke wieder eingegrenzt werden. Meiner Meinung nach ziemlich absurd! Und so trennte ich mich von Schwarzers Feminismus und ihren Wertvorstellungen.

 

Wie gerufen wurde ich mit Femen konfrontiert, einer Gruppe junger Frauen, die mit auf ihre Brüste geschmierten Botschaften für Frauenrechte kämpfen. Zunächst war ich sehr angetan von der Protestform dieser Gruppe, was nicht nur an meiner Vorliebe für Skandale liegt! Brüste für Frauenrechte, damit erreicht man ein breites Publikum, großes mediales Interesse und verärgert auch noch Spießer und alteingesessene Feministinnen (wie die Schwarzer). Doch bei genauerer Recherche wurde mir klar, dass auch Femen nicht meinen Vorstellungen von Feminismus entspricht. Kopf und Manager der Gruppierung ist Viktor Swjatskyj, welcher “sich die Brüste der Anwärterinnen zeigen lässt und dann entscheidet, wer für die Nacktproteste geeignet istund ebenfalls festlegt, für welche Ziele protestiert wird. Das hat zur Folge, dass alle Aktivistinnen dem gängigen Schönheitsideal entsprechen. Femen steht zwar auf Oben-Ohne Protest, anscheinend aber nicht, wenn dieser mit dickem Bauch und Hängetitten durchgeführt wird.

Meiner Ansicht nach ziemlich unfeministisch, nicht die Vielfalt weiblicher Körper zu zeigen, sondern sich an Frauen zu halten, die ebenso im Playboy blank ziehen könnten. Die Frage also bleibt: Was ist dann eigentlich Feminismus?

Für Wikipedia ist Feminismus eine „Bewegung, die für Gleichberechtigung, Menschenwürde, die Selbstbestimmung von Frauen sowie gegen Sexismus eintritt.“ Zugegeben, das beschreibt es für mich ziemlich gut! Doch vor allem mit der Selbstbestimmung haben „Feministinnen“ und „Feministen“ – wie ich finde – häufig ihre Probleme. Genau darin liegt für mich jedoch der Schlüssel zum Begriff und Aktivismus, weshalb ich zu der Ansicht gekommen bin, dass wahrer Feminismus nicht von Femen oder Schwarzer ausgeübt wird, sondern von jeder einzelnen Frau, die ihr Ding einfach durchzieht. Von der jungen Mutter, die ganz ‘unemanzipiert’ die Karriere den Kindern opfert, über eine dicke Frau in Minirock und engem Oberteil, bis hin zu Micaela Schäfer, die im Nackt-Sein ihre Berufung gefunden hat.

All das ist für mich Feminismus.

 

Klicke hier, falls du dich fragst, warum man Feminismus überhaupt (noch) braucht!

 

von Christoph Wusaly