Psychische Gesundheit 2.0 – Internet und Prävention

Digitalisierung verändert nicht nur unseren Alltag, sondern auch die Mittel und Wege, wie man Menschen mit psychischen Problemen helfen oder diesen gar vorbeugen kann. Einige davon werden euch hier vorgestellt.

 

Der Gedanke an die Psychologie und die psychische Gesundheit ist bei den meisten Menschen mit dem Bild des Psychotherapeuten verbunden. Wahrscheinlich hat man dabei Siegmund Freud im Kopf: Therapeut mit Rauschebart und Patient liegt auf der Couch. Wirft man jedoch einen Blick in die Gegenwart, fällt einem auf, dass der Umgang mit psychischer Gesundheit mittlerweile deutlich vielschichtiger geworden ist. Der klassische Therapeut nutzt mittlerweile wissenschaftlich fundierte und weiterentwickelte Therapiemethoden, aber auch abseits der therapeutischen Praxis gibt es zwei Strömungen, die heutzutage nicht mehr wegzudenken sind: Das Prinzip der Prävention und die Verbesserung der psychischen Gesundheit über das Internet. Zwei Bereiche, in denen die FAU Vorreiter ist.

 

Das Prinzip Prävention

Die enorme Verbreitung von psychischen Störungen – allein 38% der Europäer sind betroffen – ließen Wissenschaftler bereits in den 1970er Jahren aufhorchen. Schon damals kam der Gedanke auf, dass es neben der Behandlung bestehender psychischer Störungen noch eine andere Möglichkeit geben muss: Das Verhindern der Krankheiten. Der Psychologe Rappaport verglich den Umgang mit Krankheiten 1977 mit dem Retten von Menschen, die in einen Fluss gefallen sind. Man kann versuchen, diejenigen wieder herauszuholen, die hineingefallen sind, doch er stellte die Frage: “Warum nicht den Fluss hinaufgehen und den suchen, der die Leute hineinstößt?” Diesem Grundsatz folgt seitdem das Prinzip der Prävention.
So wurden seitdem immer mehr Programme entwickelt, die Menschen mit Belastungen unterstützen, diese zu verarbeiten und erste Symptome zu lindern. Der Erfolg dieser Maßnahmen zeigte sich deutlich, sodass sich bald weniger die Frage stellte, ob es sinnvoll sei, Präventionsprogramme zu entwickeln, sondern, wie man sie am besten verbreiten kann, um möglichst vielen Menschen zu helfen. Dabei hilft vor allem die größte Entwicklung der letzten Jahrzehnte: das Internet.

 

Psychische Gesundheit im Internet

Die Gründe, warum Menschen mit psychischen Belastungen keine professionelle Hilfe aufsuchen, sind vielzählig: lange Anfahrtswege, Vorurteile, Scham bis hin zu Schwierigkeiten, sich selbst seine Probleme einzugestehen. Fast allen davon kann die ortsunabhängige und weitestgehend anonyme Natur des Internets etwas entgegensetzen.
Hatten Selbsthilfe-Bücher vor der Zeit des Internets bereits vorsichtig versucht, die Grenzen klassischer Therapie zu lockern, bot das Internet nicht nur die Möglichkeit der fast grenzenlosen Verbreitung, sondern erlaubte es auch, interaktive Elemente einzusetzen. So ermöglichten erste Programme zunächst lediglich den direkten Kontakt mit einem Therapeuten über Chat- oder Videosysteme, doch zunehmend wurden immer komplexere Programme entwickelt. Diese verringerten den Bedarf therapeutischer Betreuung und setzen zunehmend auf angeleitete Übungen, Videos und Handy-unterstützte Integration in den Alltag der Personen.
Die rasche Verbreitung von therapeutischen Maßnahmen über das Internet rief schnell Kritiker auf den Plan, die darauf beharrten, dass eine Besserung der psychischen Gesundheit ohne persönlichen Kontakt zu einem Therapeuten nicht möglich sei. Verschiedene wissenschaftliche Studien, die die Effektivität der onlinebasierten Programme untersuchten, belegten jedoch das Gegenteil: Die Effektivität der Programme stand den sogenannten face-to-face-Angeboten in nichts nach. Hinzu kommt, dass internetbasierte Angebote vorrangig von Personen genutzt werden, die sich ansonsten gar keine Hilfe suchen würden. So kommt es, dass beide Formen der psychologischen Unterstützung seitdem weitestgehend friedlich koexistieren.

 

Die Rolle der FAU

Dieses Bild spiegelt sich auch an unserer FAU wider. So gibt es hier am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie weiterhin Forschungsprojekte, die sich mit klassischen Interventionsprogrammen beschäftigen. Bemerkenswert ist hier sicher, das vom Lehrstuhlinhaber Herr Prof. Dr. Berking entwickelte “Training Emotionaler Kompetenzen”, das in Gruppenkontexten Personen mit verschiedenen psychischen Problemen hilft. Auch die an diesem Lehrstuhl ansässige Hochschulambulanz für Psychologische Psychotherapie praktiziert Therapie im klassischen Sinne.
In Ergänzung dazu hat sich die FAU im Laufe der letzten Jahre jedoch auch unter Leitung von Dr. David Daniel Ebert zu einem der Vorreiter im Bereich onlinebasierter Verbesserung psychischer Gesundheit und Prävention psychischer Erkrankungen entwickelt. In Kooperation mit renommierten Universitäten aus der ganzen Welt entstehen hier onlinebasierte Programme verschiedenster Art, die von den Wissenschaftlern auf ihre Wirksamkeit untersucht werden. Die folgenden 3 Projekte sollen aus diesem Grund stellvertretend für die Bandbreite der Studien stehen, an denen die FAU beteiligt ist.

 

ICare Prevent – das “klassische Präventionsprogramm”

ICare Prevent ist ein transdiagnostisches Online-Training zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens und zur Prävention von Depression und Angststörungen. Transdiagnostisch bedeutet, dass das Training gleichzeitig zur Minderung von anhaltenden Ängsten und Sorgen, sowie zur Verbesserung von anhaltend niedergeschlagener Stimmung und depressiven Symptomen eingesetzt werden kann. Das kann deswegen funktionieren, da der Entwicklung beider Störungsbilder ähnliche Wirkmechanismen zugrunde liegen und das Training zudem individuell auf die Beschwerden und individuellen Präferenzen der Teilnehmenden angepasst werden kann.

ICare Prevent richtet sich an alle Personen, die sich von niedergeschlagener Stimmung, negativen Gedanken oder Ängsten und Sorgen eingeschränkt fühlen, ihre Lebensfreude vermissen und ihr psychisches Wohlbefinden steigern möchten. Dass dies erfolgreich sein kann, konnten die Forscher der FAU schon zeigen. In Vorläuferprogrammen konnte das Risiko, eine Depression zu entwickeln, um 40% gesenkt werden.

ICare Prevent wurde im Rahmen des europäischen Projektes ” ICare – Integrating Technology into Mental Health Care Delivery in Europe“ in Kooperation mit den Universitäten in Zürich und Bern entwickelt und durchgeführt und wird zusätzlich an der Universidad de Valencia, Universidad Jaume I, der Freien Universität Amsterdam, der Harvard University und dem MIT in Boston implementiert werden.

Mehr Informationen findest du unter https://icareprevent.com.

 

Paivina-Care – Hilfe bei Schwierigkeiten und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr

Paivina-Care ist ein internetbasiertes Training, das Frauen hilft, die unter Genito-Pelviner Schmerz-Penetrationsstörung (kurz: GPSPS) leiden. Die Erkrankung, die auch unter den Begriffen Vaginismus oder Dyspareunie bekannt ist, kennzeichnet sich dadurch, dass betroffene Frauen unter Schwierigkeiten und Schmerzen beim vaginalen Einführen leiden. Dadurch ist es den Betroffenen häufig unmöglich, Geschlechtsverkehr zu haben, obwohl sie sich diesen wünschen.

Das Selbsthilfe-Training kombiniert die Vermittlung von Informationen über GPSPS und ihre Entstehung mit konkreten Übungen. Die Teilnehmerinnen lernen Methoden zum Umgang mit negativen Gedanken und Gefühlen kennen sowie Entspannungsübungen und Strategien zum schrittweisen vaginalen Einführen. Dabei werden sie im Training durch eine geschulte Betreuerin begleitet, die Feedback auf bearbeitete Module und Übungen gibt und für Fragen zur Verfügung steht.

Das Online-Training Paivina-Care ist eines der ersten seiner Art und wurde von einem engagierten Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der FAU entwickelt und aktuell in einer wissenschaftlichen Studie untersucht.

Mehr Informationen findest du unter https://paivina-care.info/.

 

StudiCare – das Rundum-Paket für Studierende

Seit 2016 hat sich die FAU zudem darauf spezialisiert, Angebote speziell für Studierende zu entwickeln und zu evaluieren. Im Rahmen des Projektes StudiCare wird unter Leitung von Dr. David Daniel Ebert gemeinsam mit einem Expertennetzwerk von Universitäten aus dem deutschsprachigen Raum (FAU, Universität Ulm, Leuphana Universität Lüneburg, Universität Bern, Universität Zürich), internationalen Universitäten (u.A. Harvard University, VU Amsterdam, Universität Jaume I, Universität Valencia) sowie der Weltgesundheitsorganisation WHO das Ziel verfolgt, die psychische Gesundheit von Studierenden zu verbessern. Dieses Vorhaben steht dabei auf den zwei Säulen: Problemidentifikation und Problembehandlung.
Zur Problemidentifikation erfasst das StudiCare: Panel in einer studienbegleitenden Befragung die Bedürfnisse und Probleme Studierender weltweit. So sollen neue Informationen über die psychische Gesundheit sowie Risiko- und Schutzfaktoren für emotionale Belastungen im Studium gewonnen werden. Auf dessen Grundlage können dann im Umkehrschluss bestehende Beratungsangebote verbessert und neue Unterstützungsangebote entwickelt werden.

Zur Problembehandlung werden bereits jetzt eine Vielzahl onlinebasierter Programme angeboten, die typische Probleme des Studiums adressieren. Es werden Online-Trainings gegen Prüfungsangst und soziale Ängste, achtsamkeitsbasierte Programme oder ein Training zur Stärkung der inneren Widerstandsfähigkeit gegenüber Stress und Belastungen im Studium angeboten.

Mehr Informationen findest du unter http://www.studicare.com.

 

Fazit

Das Feld der psychischen Gesundheit umfasst weit mehr als die klassische Therapie zwischen einem Therapeuten und einem Patienten. Sind diese Bereiche zwar immer noch wichtig, so zeigen die Projekte an der FAU jedoch auch die Bedeutsamkeit von Prävention und onlinebasierten Ansätzen. Durch die zunehmende Akzeptanz und Anzahl an Studien, die die Effektivität solcher Ansätze belegen, wird die Verbreitung dieser in den nächsten Jahren sicher immer weiter zunehmen. Mit der Weiterentwicklung der Technik werden auch die Möglichkeiten, Menschen zu helfen, immer fortschrittlicher werden. Wer weiß; vielleicht berichten wir bereits in 5 Jahren von Angeboten, die Vorteile virtueller Realität oder künstlicher Intelligenz nutzen.

 

von Marvin Franke