Eine Nacht im Langen Johann

Zwei Reporterinnen, ein Hochhaus, ein Flachmann voll Ouzo und zwölf Stunden Zeit: Von 8 bis 8 haben zwei junge Journalistinnen eine ganze Nacht in den Fluren des Langen Johann verbracht. Mit seinen 26 Stockwerken und fast 400 Wohnungen gilt der Johann als das größte Wohngebäude Bayerns – ein eigener Mikrokosmos, den es zu erkunden galt. Die einzige Befürchtung war, dass zwischen Mitternacht und Morgendämmerung einfach gar nichts passieren würde. Diese Sorge war definitiv unbegründet.

 

Foto: Julia Weller

 

20:00 Uhr

Das Abenteuer beginnt bereits vor der Tür. „Wo ist der Scheiß Friedrich?“, schreit eine Frau dreihundertvierundachtzig Klingeln an. Sie findet Friedrich nicht, also muss sie Friedrich anrufen. „Ja komm runter jetzt“, schnauzt sie ins Handy. Dann zündet sie eine Zigarette an, lässt sich auf der Bank vor der Haustür nieder, beschwert sich bei der Reporterin. „Dass Männer immer so unpünktlich sein müssen“.
Um kurz nach acht gehen deutlich mehr Menschen in den Johann rein als raus. Man grüßt sich, obwohl man sich nicht kennt: Nachbarschaftliche Anonymität. Mehrere Bewohner bieten an, die Tür aufzuhalten. Es ist ein Leichtes, hier hereinzukommen.

20:17 Uhr
Betreten des Beobachtungsobjektes. Der Wall aus Briefkästen misst zwanzig Meter. Genaue Inspektion ergibt: Fast alle gegen Werbung hier. Dafür viele kirchliche Prospekte und welche für Vegetarier. „Zu Ihrer Sicherheit wird das Erdgeschoss videoüberwacht“. Nach einer bemerkenswert kurzen Suche findet sich jedoch eine äußerst geräumige, nicht einsehbare Nische zwischen den Aufzügen. Hier wird das Lager aufgeschlagen, der Ouzo bereitgestellt, der Hall bemerkt. Handyempfang: Null, Temperatur: Mild wie Anfang Mai.

20:31 Uhr
Sieben Leute haben das Lager bisher passiert. Skeptische Blicke – eine Mischung aus Verwunderung, offener Abschätzigkeit und dem Gedanken an die 110. Was sagt man eigentlich, wenn jetzt ein Hausmeister vorbeikommt? „Wir machen eine soziologische Studie“, soll die Ausrede des Abends sein.

20:42 Uhr
Erkundungstour rund um die Nische herum. Neue Erkenntnisse: Anti-Werbe-Aufkleber sind kostenlos beim Hausmeister erhältlich. Der Hausmeister spricht anscheinend Spanisch. Und kann sich vermutlich auch deswegen nicht entscheiden, ob im Brandfall das „Benutzen“ oder das „Benützen“ der Aufzüge verboten ist.

 

Aufschrift auf der Tür zum Hausmeisterbüro: “Oficina de servicio tecnico”.

 

21:05 Uhr
Erste Kontaktaufnahme durch Einheimische. Zitat: “A guads Versteck!”

21:07 Uhr
Gefühl wie an der Hauptstraße hier. Fahrräder rasen durch den Flur, Jogger sprinten vorbei, es wird Gassi gegangen.

21:08 Uhr
Diabolisches Hexengelächter dringt aus einer der angrenzenden Wohnungen. Wilma, die wahre Bewohnerin der Nische, hängt mit ihren acht Beinen über der Szenerie.

21:31 Uhr
Ein Mann mittleren Alters mit blondierten Haarspitzen läuft vorbei, erblickt die Belagerungssituation und beginnt herzlich zu lachen.

21:48 Uhr
„Aha, neues Wohnzimmer?“, fragt ein Bewohner. „Fehlen nur noch ein paar Kerzen.“ Auf Nachfrage bietet er sogar Teelichter an, doch dann fällt ihm ein, dass offenes Feuer bestimmt verboten ist. „Komisch“, murmelt er noch beim Betreten des Aufzuges.

 

Auszug aus der Feuerlöschordnung: „9. Personen mit brennender Kleidung nicht fortlaufen lassen; in Decken, Mäntel oder Tücher einwickeln, auf den Boden legen und notfalls hin- und herwälzen.“

 

21:59 Uhr
Es gibt offenbar ein Lagerhaus in den obersten Stockwerken. Wieso bewohnt niemand das Penthouse? Und was ist überhaupt Chromex?

22:02 Uhr
Ronja kommt zu Besuch in die Nische. Sie schnüffelt, sie wedelt mit dem Schwanz, sie stürzt sich zielgerichtet auf den Ouzo. Frauchen zieht Ronja weg. Ronja hinterlässt ein Gefühl der Leere und einen dezenten Geruch nach nassem Hund.

22:29 Uhr
Es wird still im Treppenhaus, deswegen wird ein Kartenspiel begonnen. Ein älterer Herr nickt im Vorbeigehen stattlich, fast schon anerkennend. Es ist Montagnacht. Wann setzt wohl der Strom aufgetakelter junger Damen ein? Es mag ja Montag sein, aber Bombe geht immer.

22:34 Uhr
Eine liebevolle Dame fragt: „Habt ihr kein Zuhause?“ Das bislang längste Gespräch entwickelt sich. Sie kennt angeblich viele ihrer Nachbarn. Das Leben im Hochhaus gefällt. In der Nische wird es jedoch langsam frisch. „Euch geht’s gut, ja?“, fragt der nächste Passant. Ja, und ihm? „Gut, weitermachen!“

22:54 Uhr
Ocker sticht ins Auge. Alle Wände, alle Fliesen, sogar alle Lampen erstrahlen im gleichen scheußlichen Gelbton. Das Licht im Erdgeschoss scheint niemals auszugehen. Laut Putzplan sollte heute das Treppenhaus gewischt werden, die Wollmäuse in der Nische lassen jedoch vermuten, dass das nicht geschehen ist.

 

Auszug aus der Hausordnung: „Wegen Änderung des § 6, Abs. 1 (siehe Fettdruck) bitte diese Seite gegen die Seite 3 der Hausordnung vom Juni 1994 austauschen.“

 

23:28 Uhr
Eine 34-Jährige in Jogginghose setzt sich im Schneidersitz ins Lager. „Hier haste keine Freunde, hier musste schauen wie du überlebst. Aber wir halten hier zusammen!“ Ob sie viele Bewohner kennt? „Nein, überhaupt nicht, aber es gibt halt solche und solche. Ich hatte ein hartes Leben, für mich ist des einfach Erholung hier.“ Ihre Tochter hat Angst, dass das Haus einstürzen könnte. Die Frau wollte hier ja auch eigentlich nicht rein, aber die Wohnung war die letzte Chance. „Ich bring euch nen Kaffee vorbei“, sagt sie und geht.

23:37 Uhr
Die nächste Bekanntschaft: Eine Dame, die nur gebrochen Deutsch spricht, will wissen, warum zwei Mädchen nachts auf dem Boden in einer Nische im Langen Johann sitzen. Der Flachmann steht ein bisschen zu auffällig daneben. Nachdem alle Erklärungsversuche gescheitert sind, kommt Kaffeeangebot, das zweite. Sogar Einladung in die Wohnung. Nach einer Minute, vielen Dankeschöns und einer Welle mütterlicher Fürsorge zieht sie von dannen.

23:39 Uhr
Die Dame in Jogginghose kommt mit dampfendem Kaffee zurück. „Ich will euch jetzt keine Angst machen, aber mit dem Crystal ist das hier mittlerweile krasser als in Frankfurt. Aber wann hat man denn mal keine Angst? Angst gehört ja dazu. Hier in dem Haus haben ja alle dasselbe Problem, die wohnen ja alle hier.“ Ob sie den Langen Johann trotzdem weiterempfehlen würde? „Ja, auf jeden Fall. Also genießt den Kaffee!“

23:59 Uhr
Express-Aufzug-Fahrt in den 25. Stock. 70 Meter in 45 Sekunden.

 

Auszug aus dem “Notfallplan für Ihren Aufzug“: „Beginn einer Befreiung: ca. eine halbe Stunde nach Notrufabgabe.“

 

00:00 Uhr
Blick über den Wiesengrund. Man sieht nicht viel, weil dunkel. Ein bisschen imposant ist es trotzdem, vor allem Richtung unten.
Es geht tatsächlich noch einen Stock höher, aber nur per Treppe. Und alle Türen ins Innere des 26. Stockwerks sind verschlossen – außer die, auf der „Müllabwurf“ steht. Kein erhebendes Gefühl. Nach einer kurzen Exkursion in den 17. Stock wird klar: Die Nische im Erdgeschoss ist kein Einzelfall. Es scheint sie auf jedem Stockwerk zu geben. Ein signifikanter Unterschied zu unten: Bis man den Lichtschalter findet, ist der Gang in völlige Finsternis getaucht. Obwohl die Nischen in höheren Lagen einen erheblichen Vorteil aufweisen (Teppichboden!), wird es Zeit, wieder ins Erdgeschoss und damit zu Wilma zurückzukehren. Der Weg nach unten erfolgt in einem bemerkenswert wackeligen Lastenaufzug, der manchmal wie ein sterbendes Lama klingt.

00:24 Uhr
Ein Studentenpärchen läuft vorbei, bewaffnet mit zwei Familienpizzen. In die Nische kommen wollen sie nicht: „Morgen früh raus, Klausuren und so“.

00:40 Uhr
Noch ein Student. „Was macht ihr denn im Bermuda-Dreieck? Hier kommen immer so einige Dinge weg. Am besten hängt ihr ´nen Zettel auf, dass ihr nicht mitgenommen werden wollt.“

01:05 Uhr
Die Kaffeefrau kommt – immer noch in Jogginghose, aber nun mit Weste und Handtasche bestückt – aus dem Aufzug. Sie passiert die Nische, wünscht noch eine gute Nacht und verlässt zielstrebig das Haus. Die Tasse steht noch hier. „Lass sie einfach stehen, die nimmt schon irgendwer mit.“

01:31 Uhr
Die bislang skurrilste Bekanntschaft: Eine zweiundfünfzigjährige Gaby auf Speed, die laut DHL-Karte früher Stefan hieß („Da sinnse nich so streng“). Sie setzt sich unaufgefordert mit in die Nische. Sie ist Fan von „Die Partei“, von Beruf „Softwareprogrammeuse“, außerdem selbsternannte Whistleblowerin (“Dass hier Kameras sind, wisst ihr, ja? Aber kein Ding, hab ich eh alle gehackt!”). Gaby steht unter Schwierigkeiten auf, winkt überdreht in eine der Überwachungskameras und torkelt wieder in die Nische. Mitten im Redeschwall: Das dritte Kaffeeangebot. Dann Cola. Dann Tee. Dann Kippen. Danke nein. „Wo ist Ingo? Wollte um 10 schon da sein.“ Der kommt wohl nicht mehr. Anruf bei Ingo. Ohne Erfolg. Gaby schreibt uns ihren Namen auf, ihr Stockwerk, die Wohneinheit. Dann die Handynummer („nicht anrufen!“), Festnetz, vier Mailadressen. Nach einer halben Stunde verlässt Gaby endlich den Schauplatz und hinterlässt eine friedvolle Stille im Erdgeschoss.

 

Foto: Julia Weller

02:29 Uhr
Schrecksekunde. Eine Gestalt mit Hut und langem Mantel läuft vorbei, wirft einen Blick in die Nische – und implodiert geradezu. Er zuckt, er hüpft dabei einen halben Meter in die Luft, er reißt den Mund in erschrockenem Unglauben auf. „Meine Fresse, habt ihr mich erschreckt“, sagt er. Und wirkt kurz so sauer darüber, dass ihm unbedingt Ouzo zur Versöhnung angeboten werden muss. Dieses Angebot nimmt er nicht nur an, er holt sich auch glatt noch ein Bier aus dem vierten Stock. Und bleibt dann für die nächsten Stunden mit in der Nische sitzen.

03:01 Uhr
Studententrupp kommt aus der Stadt zurück. „Immer noch hier?“ – Na, war‘s schön? – „Ja, bei euch?“ – Ja, auch. Schlaft gut! – „Ja, ihr auch!“ – Nee, wir nicht! – „Ok, ich bring euch morgen früh nen Kaffee vorbei“ – Womit wir bei Nummer 5 wären.

03:40 Uhr
Die Kaffeefrau kehrt – in Jogginghose, ohne Handtasche – ins Haus und in die Nische zurück. Sie sieht niedergeschlagen aus und erzählt vom Ex, den sie gerade rausgeschmissen hat. Und von ihrem Killerhasen Leila, der mal einen Polizisten angegriffen hat. Sie zündet sich eine Zigarette an und ascht in ihre eigene Tasse.

03:41 Uhr
Die Ereignisse überschlagen sich: Gaby kommt zurück. Die Kaffeefrau, der Erschrockene und Gaby setzen sich zu einer Selbsthilfegruppe zusammen. „Meinem Hasen geht’s gut“, sagt die Kaffeefrau. „Rammstein ist geil“, sagt der Erschrockene. „Gib mir meinen MP3-Player zurück“, pläkt Gaby. „Ich hab ihn rausgeschmissen“, grölt die Kaffeefrau. „Ist das Kitzmann?“, fragt Gaby. „Kann ich mir nicht leisten, so ne tolle Sache“, sagt die Kaffeefrau. „Ich bin ein bisschen gereizt. Kannst du mir mal meine Cola geben, ich will was trinken.“ Gaby weigert sich, den Arm auszustrecken, er ist zu kurz. „Ich hab ihn rausgeschmissen und meine Hasen findens gut!“ Der Erschrockene rülpst herzhaft. Irgendwann singen alle zusammen My Bonnie is over the Ocean. Gaby schaltet “Lasse reden” von den Ärzten an und behauptet, das sei Vivaldi. „Das sind die Ärzte!“, sagt der Erschrockene. „Also ich brauch keinen Arzt“, sagt die Kaffeefrau. „Das ist Vivaldi, nur die eine Stelle ist anders!“, sagt Gaby. „Zieh mich mal hoch bitte.“

Die Kaffeefrau zieht Gaby hoch. „Was ist jetzt mit der Cola?“ – „Lass ma se stehen!“, sagt die Kaffeefrau. Gaby und die Kaffeefrau steigen zusammen in den Aufzug, nicht bevor Gaby die Cola eingesteckt hat.

Der Erschrockene verbleibt in völligem Unglauben über das gerade Erlebte. Als einziger der übrigen Nischenbesetzer hat der Erschrockene nicht den Vorteil, nach dieser Nacht einfach nach Hause gehen zu können. Er ist ja schon da, er wohnt schließlich hier. „Ist es komisch, wenn ich dich jetzt frage, ob du mich ganz kurz kuscheln kannst?“, fragt er. Ja. Ist es. Mimimi. Akzeptanz. Der Ouzo ist schon lange weg.

04:27 Uhr
Einladung auf eine Runde Pinkeln in die WG des Erschrockenen im vierten Stock, die dankend angenommen wird. Der Erschrockene stattet sich mit einem weiteren Bier und einer Decke aus und begibt sich mit den Reporterinnen wieder nach unten. So langsam durchstreifen die ersten Frühaufsteher den Johann. Mittlerweile begrüßt man sich mit „Guten Morgen“. Erstaunlich, wie viele Leute um diese Zeit bereits wieder das Haus verlassen.

05:05 Uhr
Gaby ist schon wieder da, diesmal ohne Schuhe. Der Erschrockene tut das Netteste, was irgendwer in dieser Situation tun könnte: Er packt Gaby in den Aufzug und geleitet sie endgültig zu ihrer Wohnung. In der Nische wird es zum ersten Mal seit Stunden wieder richtig still.

05:44 Uhr
„Alles gut?“, fragt ein Mann mit arabischem Akzent. „Seid ihr seit gestern Abend hier?“ Er hat selbst gerade Feierabend von der Nachtschicht und lässt eine fast unangebrochene Tafel Schokolade in der Nische. „Ich wohne erst seit einem Monat hier, aber ich fühle mich nicht gut. Ich habe gehört, dass viele Leute hier Selbstmord machen und immer wenn ich jemandem sage, wo ich wohne, finden sie das komisch. Man fühlt sich hier wie eine Ameise im Bau.“

06:20 Uhr
Der Strom an Menschen wird stärker. Alle raus hier, die Welt erwacht, aus der Ferne dröhnt die Autobahn bis in die Nische. Wilma der Weberknecht ist verschwunden. Mit jeder Minute wird der kalte Steinboden härter.

07:31 Uhr
Der gefürchtete Hausmeister ist jetzt schon ein paar Mal vorbeigelaufen. Er hat nicht die Polizei gerufen, er hat gelacht. „Naja, ist aber keine Penner-Ecke hier“, hat er noch gesagt. Das ist der letzte Kontakt zu den Bewohnern des Langen Johann.

07:49 Uhr
Bestandsaufnahme: Viel Kaffee wird in diesem Haus getrunken, viel geraucht, viel geschrien. Es gibt stinkende Hunde, viele Fahrradfahrer und mindestens einen Killerhasen. Es gibt aber auch: Den Familienvater, der kurz vor acht seine Tochter zur Grundschule bringt. Das alte Ehepaar, das sich hier schon vor langer Zeit niedergelassen hat und auch nie mehr irgendwo anders hingehen wird. Viele Studenten-WGs, die während der Prüfungszeit kaum vor die Tür kommen. Den Pizzaservice im Erdgeschoss, für viele Bewohner anscheinend täglich Brot. Eine fantastische Aussicht über alles, was sich in Erlangen sonst noch tummelt. Und viele Nischen, die meisten sogar mit Teppichboden.

Beim Verlassen des Gebäudes, hinaus in den kalten Februarmorgen, die Kissen noch unterm Arm, auf die man sich eigentlich nie wieder setzen möchte, erscheinen die Ereignisse der Nacht schon wieder ein bisschen weiter weg. Der muffige Geruch der Nische haftet an den Klamotten, vermischt mit getrockneten Resten des schrecklichen Instant-Kaffees und kalter Asche. Gabys Parfum ist glücklicherweise im Langen Johann geblieben. Der dringende Wunsch nach einer Dusche, Schlaf und echtem Kaffee bleibt.
Um den Langen Johann herum wird es hell.

 

von Hannah Schabert & Julia Weller

 

Dieser Artikel erschien bereits in der 5. Printausgabe der “V”.