Die alljährlichen Axtmorde

Warum müssen jedes Jahr im Winter Millionen von Tannen sterben? Eine theologisch- historische Kritik von Julius Geiger.

 

Alle Jahre wieder: Während langsam Ruhe einkehrt, suchen grausame Axtmörder unsere Forstbestände heim. Doch um Licht ins Dunkel jener mysteriösen Metzeleien zu bringen – die sich alle alljährlich zur frühen Winterszeit ereignen – muss man zunächst theologisch-historische Hintergrundaspekte des Weihnachtsbaumbrauchs inspizieren. Wieso werden Tannen gefällt, in leuchtende Ketten geworfen und zwei Wochen künstlich am Leben gehalten? Hat geschmücktes Nadelgewächs oder Coca Cola mehr Bezug zum Christentum? Weshalb füllt Nikolaus leere Stiefel mit Süßem? Warum benutzt der Typ keine verdammte Tupperbox?! Immerhin Frage eins muss geklärt werden, auf der Suche nach dem Grund für jährlich 25 Millionen Nadelbäume in deutschen Wohnzimmern.

Die Wurzel der christlichen Interpretation sitzt im Mittelalter. Während des Festauftakts wurden damals vor Kirchenpforten Mysterienspiele aufgeführt. Diese Mysterienspiele verbildlichen den Sündenfall in Genesis 3. So soll uns nachts vom 24. auf den 25. Dezember durch Christi Geburt allumfassende Sühne geschehen. Daher kommt also der Weihnachtsbaum, gleichsetzbar mit dem Baum des Paradieses. Heidnische Einflüsse lassen sich dabei dennoch nicht leugnen. So zeigt volkskundliche Literatur, dass es über viele Jahre hinweg sogar verboten war sogenannte Meyen im Haus aufzustellen – seitens der Kirche.

 

Das Weihnachtswunder

Es lässt sich hier möglicherweise von einem neuen Kultzweig unter religiösem Einfluss sprechen. Parallel zum Ursprungszweig fand er um 1604 seinen dokumentierten Anfang. Für die Standfestigkeit besagter Interpretation musste zuerst der verrottete, heidnische Zweig abgesägt werden. Weil dies nur schwer gelang (er)fand die Kirche zweckmäßig – geknüpft an uralten Aberglauben in puncto gesundheitsfördernde Naturkräfte – eine neue Deutungsvariante vom Symbol Jesu, des wahren Lebensbaumes und Weltenlichts. Vor jetzt höchst orthodoxem Hintergrund legalisierte man die Meyenaufstellerei, aber eben nicht als Meyen, sondern als Christbaum. Welch Weihnachtswunder!

Wegen des Trubels vergessen Menschen nicht nur den historischen, sondern auch den theologischen Kontext. So schreibt Jeremia der Prophet: „Man fällt im Walde einen Baum, und der Bildhauer macht daraus mit dem Schnitzmesser ein Werk von Menschenhänden, und er schmückt es mit Silber und Gold und befestigt es mit Nagel und Hammer, daß es nicht umfalle (…) Sie sind Alle Narren und Toren, denn dem Holz zu dienen ist ein nichtiger Gottesdienst“ (Jeremia 10: 2-4, 8).

Außerdem besagt Gebot Nummer eins: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ (Exodus 20: 2,3).

 

Glaube, Kultur, Persönlichkeit?

Handelt es sich beim Weihnachtsbaum also um Götzenbildnerei, ein verbotenes Heidentum, das unserer Gott-Menschen-Beziehung schadet? Jain. Alles kann, aber nichts muss Götze sein. Indem Menschsein mit Freiheit einhergeht, verpflichtet es zur Selbstachtung. Was das heißt? Ganz egal, wer oder was für Individuen Gewicht hat – sobald man die eigene Persönlichkeit einem Gegenstand, einer Handlung, oder einem Mitmenschen unterordnet, muss Reflexion betrieben werden.

Beispielsweise Reflexion darüber, ob Christbäume uns wirklich wichtig sind, oder ob dieser Brauch aus Kultur resultiert (wobei eins und zwei sich nicht automatisch ausschließen). Sonst schlagen wir neben dem Baum gleich unsere Charaktergestalt per Axt entzwei. Du solltest niemals vergessen, wer du eigentlich bist. Daraus ergibt sich bloß Unzufriedenheit. Außerdem verliert man jeden Anstand vor sich selbst.

Also schlage den Christbaum, weil du ihn schlagen möchtest, nicht, weil es Brauch in deiner Familie ist. Oder gerade weil es Brauch ist, aber nicht um des Brauches Willen, sondern weil dir persönlich der Brauch gefällt. Egal, ob gläubig oder nicht – tu verflixt noch mal, was du möchtest!

 

Von Julius Geiger