Warum es kein Drama ist, wenn die Geschäfte Heiligabend geöffnet haben.

In eineinhalb Monaten haben wir wieder Weihnachten. Die ersten Glühweinstände sind schon geöffnet, in den Geschäften stapelt sich die Weihnachtsdeko, sogar Bäume kann man schon kaufen und heute Morgen durfte ich „endlich“ das erste Mal in diesem Jahr Last Christmas über mich ergehen lassen. Also alles wie immer. Nur eine Sache ist dieses Jahr anders: Heiligabend fällt auf einen Sonntag. Und das ist Anlass einer großen Debatte geworden.

 

Da Heiligabend an sich ein Werktag ist und die Geschäfte normalerweise geöffnet haben, gibt es eine Sonderregelung – in Bayern heißt das konkret: Drei Stunden dürfen die Läden geöffnet haben, allerdings müssen sie spätestens um 14 Uhr schließen.  Das sorgt für Empörung. Nicht nur unter Privatpersonen – die Gewerkschaft ver.di ruft sogar zum Boykott auf.  Alles in allem ein ziemliches Drama.

Man braucht nur mal in der Kommentarsektion unter den entsprechenden Artikeln nachsehen und hat schnell einen guten Eindruck davon, wie die Regelung ankommt: ziemlich schlecht. Von Beleidigungen an schlecht organisierte und faule Leute bis hin zu ausschweifender Kapitalismuskritik ist alles dabei und es ist vor allem eins: emotional aufgeladen. Mir ist das definitiv zu viel des Guten. Ich finde es lächerlich und irgendwo auch heuchlerisch. Mir persönlich ist das ziemlich egal, ob die Geschäfte offen oder geschlossen haben, aber es ist nun wirklich kein Problem, wenn sie geöffnet haben.

 

Was sollen die Gastronomen sagen?

Es wird gerne argumentiert, dass die Angestellten im Einzelhandel doch einen Tag Pause haben können, Heiligabend mit ihrer Familie verbringen können und nicht noch mittags zur Arbeit hetzen müssen, um da auch noch großem Stress ausgesetzt zu sein. Das ist auch richtig und eigentlich will ich diese Argumentation auch nicht widerlegen.

Hier wird mir allerdings viel zu oft mit zweierlei Maß gemessen. Es ist eine Katastrophe, wenn der Einzelhandel auf der Matte stehen muss, aber wenn beispielsweise die Gastronomen bereitstehen müssen, stört das keinen. Viele gehen sogar an den Weihnachtsfeiertagen essen und an Heiligabend haben mehr Gaststätten geöffnet, als man es vielleicht vermuten würde. Ich spreche hier tatsächlich nicht von Berufsgruppen, die immer einsatzbereit sein müssen, wie die Polizei, die Pflege, Ärzte und Feuerwehr, sondern von den Berufsfeldern, auf die wir eigentlich auch an Heiligabend verzichten könnten, darunter auch der ÖPNV. Dann nimmt man halt das Auto, oder das Rad, das wird doch kein Stress sein?

Oder ist man zu unorganisiert, um vor Heiligabend dahin zu gelangen, wo man hin möchte, hm? Ihr wisst bestimmt worauf ich hinaus will. Es ist einfach heuchlerisch, es katastrophal zu finden, dass der Einzelhandel antreten muss, aber dann an den Feiertagen essen zu gehen, oder erst an Heiligabend zu seinen Lieben nach Hause zu fahren. Diese Menschen haben dann anscheinend weniger Recht darauf, Weihnachten mal Luft zu holen – zumindest verstehe ich das so.

 

Trennt endlich mal Kirche und Staat!

Vielleicht hören das viele Menschen nicht gerne, aber wir sind kein rein christliches Land. Ja, wir sind christlich geprägt – aber hier leben auch Menschen mit anderen Religionen. Nicht jeder feiert Weihnachten und nicht jeder hat den Sonntag als Ruhetag. Grundsätzlich ist die Sonntagsruhe überholt – sie zeigt auf, dass die Kirche noch viel zu viel Einfluss auf unsere Gesetzgebung hat. Und das ist für einen modernen Staat wie Deutschland eigentlich inakzeptabel.

Wäre es nicht möglich, den Arbeitnehmern individuell frei zu geben? Jeder, wie er es braucht? Oder brauchen wir bestimmte religiöse Feste, damit sich Arbeitgeber an Gesetze halten?

 

Der Kaufstreik kann auch nach hinten losgehen.

Ver.di ruft dazu auf, Heiligabend nicht einkaufen zu gehen. Das mag auf den ersten Blick gut klingen, aber ich halte den Aufruf für sinnlos. Die, die einkaufen müssen, weil sie was vergessen haben (und nein, die machen das mit Sicherheit nicht absichtlich!), werden sowieso gehen müssen. Sollten sich diesem Streik tatsächlich sehr viele anschließen, werden einige Einzelhändler wahrscheinlich umsonst in die Arbeit gekommen sein – und wenn ich da an große Ketten denke, denke ich auch, dass deshalb nicht unbedingt früher geschlossen wird.

Ich will damit nicht sagen, dass es „wohltätig“ wäre, einkaufen zu gehen, aber ich bezweifle, dass dieser Streik etwas bringen wird.

 

Wird nicht abends gefeiert?

Klar, jede Familie feiert anders Weihnachten, aber ich habe noch nie von einer Familie gehört, die schon mittags feiert. Den Tag nutzt man für Vorbereitungen für den Abend und viel Familienzusammensein habe ich in der Zeit bis 14 Uhr nie gehabt. Also wird niemandem der Heilige Abend weggenommen. Bis 14 Uhr zu arbeiten halte ich für einen guten Kompromiss. Und wer weiß: Vielleicht ist es für den ein oder anderen die Chance, dem Familienchaos für ein paar Stunden zu entkommen? Das zählt natürlich nicht als ein wirkliches Argument, aber ich glaube auch nicht, dass es jeder für total katastrophal hält, an diesem Tag arbeiten zu müssen.

 

Fazit

Ich finde, es ist ein schwieriges Thema. Ich bin völlig dagegen, wegen möglichem Profit die Geschäfte zu öffnen, aber ich fände es auch nicht schlimm, wenn die Geschäfte geöffnet wären. Es ist eigentlich überholt, dass religiöse Feiertage für alle gelten. Meinen Vorschlag habe ich ja schon deutlich gemacht: Individuelle Feiertage.

Und natürlich: Wenn man sich für die einen empört, sollte man sich auch für die anderen empören – und das sage ich nicht nur, weil ich die Feiertage wahrscheinlich ohne meine Mutter (die Bedienung ist), verbringen muss.

 

Von Joana Hammerer

 

Die Gegenmeinung: Warum die Geschäfte an Heiligabend geschlossen bleiben sollten

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