Mein Weg nach Deutschland

Sein Traum war es, wieder nach Deutschland zu kommen: Seit seinem ersten Besuch in Deutschland hoffte der ägyptische Student Ayman Khaled, wiederkommen zu können. Nun macht er seinen Master in Erlangen. Hier berichtet er euch von den Hürden auf seinem Weg und Zielen für die Zukunft.

 

Mein Name ist Ayman Khaled und ich komme aus Ägypten, dem Land der Pharaonen – aus der Stadt Gizeh. Ich bin 25 Jahre alt und noch ledig. Ich habe Islamische Theologie auf Deutsch als Hauptfach und Germanistik als Zweitfach an der Fakultät für Sprachen und Übersetzung der Al-Azhar Universität studiert. Ich interessiere mich vor allem für Lesen, nämlich Bücher über Geschichte und verschiedene Religionen. Seit diesem Wintersemester bin ich Student im Masterstudiengang Islamisch-Religiöse-Studien an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Als ich ein Kind war, wollte ich eigentlich Architekt werden. Das war wirklich mein Lebenstraum. Ich habe dafür im Abitur sehr hart gearbeitet, aber leider habe ich es nicht geschafft. Ich konnte die erforderliche Note, um Architektur zu studieren, nicht erreichen. Ich muss zugeben, ich habe viel geweint und war sehr schwermütig. Obwohl viele versuchten, mich aufzumuntern, konnte ich mir gar nichts anderes vorstellen, als als Architekt zu arbeiten.

 

Ayman vor den Pyramiden von Gizeh. Foto: privat

Kann ich das?

Es war mir danach egal, was ich studiere, da ich meinen Traum aus den Augen verloren hatte. Ich überlegte dann, an der Fakultät für Handel zu studieren. Eine “Fakultät des gesamten Volks”, so wird sie bei uns genannt, aber ein Freund schlug mir vor, an der Fakultät für Sprachen und Übersetzung zu studieren. Ich hatte nur die Wahl zwischen Deutsch oder Französisch, aber würde ich mir das zutrauen? War ich sprachbegabt genug, eine Sprache zu erlernen? Das sind nur einige der Fragen, die ich mir damals stellte. Ich entschied mich dann für Deutsch, weil da alle Studenten bei Null anfangen. Im Abitur waren wir in zwei Klassen aufgeteilt, die eine lernte Französisch, die andere nicht. Bei Franzöisch, dachte ich, gäbe es Studenten, die schon besser sind als ich.

Mein Studium dauerte fünf Jahre, im ersten Studienjahr befassten wir uns intensiv mit der Sprache – also Germmatik, Texte, Sprechen, Hören, Übersetzung. Die ersten Sätze waren “Guten Tag”, “Wie geht es Ihnen” und so weiter. Nach dem ersten Jahr konnte ich mich schon mit anderen Deutschen unterhalten und sie soweit gut verstehen. Um die Sommerferien zu nutzen und, statt alles wieder zu vergessen, meine Sprachkenntnisse weiterzuentwickeln, ging ich zum Goethe-Institut. Ich wurde für das Niveau B1 eingestuft und besuchte ein Jahr lang Deutschkurse neben meinem Studium. Das war wirklich eine sehr harte, aber zugleich auch eine sehr spannende Zeit. Ich habe mir stets vorgenommen, diese Sprache zu beherrschen und somit versuchte ich immer, mich zu motiverien.

 

Ayman vor der Fakultät für Sprachen und Übersetzung an der Al-Azhar-Universität in Kairo. Foto: privat

Ein neuer Lebenstraum und 3000 Fotos an einem Tag

Am Anfang meines Studiums hatte ich erfahren, dass die fünf besten Studenten ein Stipendium bekämen und nach dem dritten Studienjahr die Möglichkeit hatten, nach Deutschland zu fliegen und einen kultur- und sprachwissenschaftlichen Kurs zu besuchen. Das war für mich ein neuer Lebenstraum und eine neue Herausforderung. Ich war noch nie im Ausland gewesen und da würde ich die Gelegenheit haben, in ein Land zu fliegen, dessen Sprache ich lerne.

Ayman bei seiner Bachelorabschlussfeier an der Al-Azhar-Universität in Kairo. Foto: privat

Ich schuftete also viel für mein Studium und wurde am Ende zu den fünf besten Studenten gezählt, die nach Deutschland flogen. Das war im Jahr 2014 und ich war damals für einen Monat in einer kleinen Stadt in Niedersachsen, die Vechta heißt. Zudem habe ich auch Hamburg, Bremen, Osnabrück, Münster und andere Städte besucht. Das war eine der besten Zeiten meines Lebens. Ich kann mich sogar sehr gut daran erinnern, dass ich an meinem ersten Tag in Deutschland mehr als 3000 Fotos aufgenommen hatte – das zeigt, wie glücklich ich war.

 

Abschied, Heimkehr, Rückkehr

Bevor ich Deutschland verließ, verabschiedete ich mich von meinen FreundInnen im Kurs. Das war nicht einfach für mich, denn wir hatten eine schöne Zeit miteinander verbracht und ich dachte, dass wir uns vielleicht nie wieder sehen. Ich sah die Stadt und fragte mich heimlich: “Werde ich je wieder hierher oder überhaupt nach Deutschland kommen?” Als ich nach Ägypten zurückkehrte, erzählte ich meiner Familie und meinen Freunden von der Reise.

Militärdienst in Ägypten. Foto: privat

Ich hatte vor, nach meinem Bachelorabschluss wieder nach Deutschland zu fliegen, um den Master zu machen. Ich schloss mein Studium im Jahr 2015 mit der Note “sehr gut” ab. In diesem Jahr begann mein zweiter Kampf nach Deutschland. Ich hatte schon angefangen, meine Bewerbungsunterlagen für einige Universitäten in Deutschland bei einem anerkannten Übersetzer zu übersetzen. Aber leider musste ich nach meinem Bachelorabschluss zum Militärdienst gehen. Doch ich gab die Hoffnung nicht auf. Im März 2017 beendete ich meinen Militärdienst und bewarb mich für das nächste Wintersemester.

Ich entschied mich für die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Ich musste mich erstmal online bewerben und dann meine Bewerbungsunterlagen mit der Post an die Uni schicken. Nach eineinhalb Monaten erhielt ich meinen Zulassungsbescheid per E-Mail und freute mich sehr. Mein Zulasssungsbescheid war an die Bedingung geknüpft, dass ich eine Sprachprüfung in Deutsch bestehe, um mich an der Uni einschreiben zu können.

 

Visum, Flugticket, auf der Straße schlafen?

Ich beantragte ein Visum bei der deutschen Botschaft in Kairo. Davor musste ich in ein Sperrkonto fast 9000 Euro einzahlen, um das Visum bekommen zu können. Diese Summe war für mich eine harte Nuss, aber ich konnte die Summe trotzdem sammeln und einzahlen. Leider wurde mein Visum zu spät ausgestellt und ich verpasste die Sprachprüfung. Deshalb konnte ich mich nicht einschreiben und befürchtete, ein Semester warten zu müssen. Als ich das Visum bekam, buchte ich sofort das Flugticket.

 

Ayman auf dem Schlossplatz in Erlangen. Foto: privat

Ich hatte eine Woche Zeit, um eine Wohnung zu finden. Ich suchte überall im Internet – erfolglos. Ich dachte, ich würde auf der Straße schlafen und bereitete mich wirklich darauf vor. Einen Tag vor dem Abflug schrieb ich verzweifelt in eine Whatsappgruppe für Germinsitikstudierende an der FAU. Da bat mir eine Studentin an, drei Nächte in ihrem Gästezimmer zu übernachten, bis ich eine Wohnung finde. Ich konnte es wirklich nicht glauben, dass mir endlich jemand helfen konnte und mich vor dem Schlafen auf der Straße rettete. Am 27. Oktober ging mein Traum endlich in Erfüllung. Ich werde meine Familie und Freunde vermissen. “Tschüß Ägypten!”, war mein letztes Wort, bevor das Flugzeug abflog.

 

Ich habe es geschafft!

Ich landete in Frankfurt und fuhr mit dem Auto nach Erlangen. Michelle holte mich vom Bahnhof ab und brachte mich zu ihrer Wohnung. Sie war so nett und ich bedankte mich bei ihr hinterher sehr. Am Montag ging ich zur Zulassungsstelle der Uni, um über das Verpassen der Sprachprüfung zu sprechen. Ich konnte dem Leiter alles erklären und ihm meine Zertifikate und Zeugnisse zeigen. Er hatte Verständnis und sagte mir: “Du sprichst perfekt und akzentfrei Deutsch. Aufgrund deines Studiums kannst du dich ohne die Sprachprüfung einschreiben” (später legte ich aber die Prüfung noch erfolgreich ab). Am gleichen Tag fand ich auch ein WG-Zimmer – es war einfach ein “Wundertag” für mich!

In der Bibliothek des Department Islamisch-Religiöse-Studien (DIRS). Foto: privat
In Nürnberg. Foto: privat

Da ich einen Monat meines Studiums verpasst hatte, habe ich jetzt viele Herausforderungen. Nach zwei Wochen an der Universität bekam ich eine Arbeitsstelle in meiner Fakultät als HiWi. Ich wusste nicht, dass ich so ein Glückskind bin.

Am Anfang meines Studiums in Ägypten hatten meine Dozenten mir beigebracht, dass die Menschen im Bundesland Bayern oft “Grüß Gott” und “Servus” sagen und sie einen eigenen Dialekt sprechen. Das merkte ich, als ich hier ankam. Vieles zeichnet Bayern aus, vor allem die netten und gastfreundlichen Menschen, die ich bisher traf [Anmerkung der Redaktion: Erlangen ist Franken, ts! ;)]. Weil ich viel zu erzählen habe und gerne schreibe, habe ich angefangen, meine täglichen Situationen zu dokumentieren. Also wundert euch nicht, wenn ihr Ende dieses Jahres ein Buch mit meinem Namen findet. Ich habe wirklich viele Ziele, die ich erreichen möchte, vor allem möchte ich ein Professoer und großer Schriftsteller werden.

 

Vor dem Studentenhaus am Langemarckplatz. Foto: privat

Ich telefoniere jeden Tag mit meiner Familie in Ägypten und sie teilt mir mit, dass sie und alle meine Bekannten und Verwandten sehr stolz auf mich sind. Sie geben mir viel Mut. So war mein Weg nach Deutschland und ich kann mit Gewissheit und Stolz sagen, dass ich es geschafft habe.

 

Von Ayman Khaled