Es beginnt nicht mit Schlägen. Es beginnt mit einem Märchen

Wie stellt ihr euch eine gute Beziehung vor? Was gehört dazu?
Wahrscheinlich sagen die Meisten von euch das Gleiche: Vertrauen, Liebe, Ehrlichkeit, die Beziehung als Ort an dem man sich fallen lassen kann, nicht immer funktionieren muss – die Beziehung als Ort der Gleichberechtigung.
Doch nicht jeder erlebt eine solche Partnerschaft. Für Manche unter uns wird die Liebe zur Hölle.

 

Ich denke, jeder von euch hat schon mal von Partnerschaftsgewalt gehört. Meist über die Presse, reißerisch als „Beziehungsdrama“ betitelt. Es gibt Tote, oft ist es eine Frau, manchmal eine ganze Familie. Für die Meisten unter uns etwas Unvorstellbares – Partnerschaftsgewalt kann doch in unserer aufgeklärten Gesellschaft nicht stattfinden, das gehört doch in gewisse Kulturkreise!

Nein. Partnerschaftsgewalt gibt es erheblich öfter als wir denken. Im Jahre 2016 wurden circa 17,1% von Straftaten wie Mord und Totschlag, Körperverletzungen, Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, Bedrohung und Stalking in Verbindung mit Partnerschaftsgewalt gebracht. 81,8 % der Opfer sind Frauen (Partnerschaftsgewalt – Kriminalstatistische Auswertung – Berichtsjahr 2016, Bundeskriminalamt, unter diesem Link).

Aber das sind nur die erfassten Fälle, somit ist von einer viel höheren Dunkelziffer auszugehen. Außerdem beginnt eine Misshandlungsbeziehung nicht mit Schlägen, sondern oft mit einem Märchen.

 

Das Märchen

Zwei Menschen treffen sich, sie verlieben sich und wirken nach außen wie ein Traumpaar. Auch innerlich gibt es für das spätere Opfer keinen Grund zum Zweifeln. Der Partner versteht, er gibt einem das Gefühl, ein Zuhause gefunden zu haben, man erlebt quasi eine wunderschöne Zeit mit dieser Person. Im Fachjargon wird das Honeymoon genannt. Es ist zu perfekt, um wahr zu sein, denn es wird nicht so bleiben. Es gehört zur „Masche“ des Misshandelnden. Ob bewusst oder unbewusst genutzt.

Aber wieso merkt man nicht, dass „etwas faul“ ist, wenn anfangs doch alles so perfekt erscheint? Nun, erstens gehört die sogenannte rosarote Brille – wie auch in gesunden Beziehungen – dazu und leistet erhebliche Arbeit – wenn man mal auf eine Misshandlungsbeziehung zurückschaut, fallen einem die ersten Anzeichen sogar schon in der Kennenlernphase auf – und der Übergang ist fließend. Nur wie passiert das?

Stellen wir uns einmal ein Pärchen vor. Hannah, die Misshandelte. Dann gibt es noch Lukas, den Menschen, den sie kennen gelernt hat, der aber zu Philipp wird, dem Misshandelnden. Man nennt sie auch Jekyll und Hyde. Lukas wäre Jekyll und Philipp Hyde.

Hannah und Lukas kommen zusammen, Hannahs Familie und FreundInnen mögen Lukas, er trägt sie auf Händen, gibt ihr das Gefühl, der perfekteste Mensch auf dieser Welt zu sein, er hört zu, versteht sie, er scheint der Richtige zu sein. Und seien wir mal ehrlich – wer hatte dieses Gefühl in der ersten Verliebtheitsphase noch nicht?
Hannah denkt also Philipp, denn das ist er eigentlich, ist Lukas. Und während Philipp nach außen hin noch immer Lukas mimt, wird er im Privaten immer mehr zu sich selbst.

 

Getarnt als Kompromiss

Es fängt mit den kleinen Dingen an. Philipp fängt an, zu kritisieren, im Kleinen, aber immer so, dass Hannah sich schuldig fühlt und das ist Philipps Ziel: Hannah klar zu machen, dass SIE Schuld ist. Es sind oft Kleinigkeiten, sei es die äußerliche Erscheinung, die Art zu reden, vielleicht geht Hannah zu oft aus, oder sie kichert zu oft in der Öffentlichkeit. Dinge die klein genug sind, um sie noch als Spleen einordnen zu können, aber schon hinterrücks in Hannahs Psyche eingreifen. Da Hannah noch Lukas vor sich hat, nimmt sie es ihm nicht übel. Er liebt sie, davon ist sie überzeugt und sie liebt ihn und will Rücksicht auf den in ihren Augen perfekten Partner nehmen und tut, was er verlangt – getarnt als Kompromiss. Und es wird immer schlimmer.

Die Beziehung wird zu einer Achterbahnfahrt aus Beschuldigungen und Entschuldigungen von Philipp, aus komm her, ich liebe dich; geh weg, ich hasse dich! Ein Strudel aus Beleidigungen, Falschbehauptungen („deine Freunde haben mir gesagt, sie finden dich nervig, immer deine schlechte Laune!“) und Hochphasen beginnt.

Das sieht in etwa so aus: In der „Hochphase“ ist alles normal, Hannah und Philipp verbringen schöne Stunden, Tage, Wochen, vielleicht sogar Monate zusammen. Dann begeht Hannah einen „Fehler“. Aus der Sicht eines Außenstehenden ist es kein Fehler, Philipp schafft es aber, diesen Nicht-Fehler so zu dramatisieren, dass ein Streit entsteht, der sehr heftig werden kann. Es wird mit Schluss machen gedroht, es wird beleidigt, vielleicht auch Gewalt angedroht – Hannah wird in die Enge getrieben, mit Schuldumkehrung. SIE hat ihn verletzt, SIE ist schuld!

Dabei hat sie aus einer ganz normalen, gesunden Sicht aus nichts Schlimmes getan. Wahrscheinlich auch etwas, was in einer normalen Beziehung nie zum Streit führen würde, wie etwa, dass sie alleine mit einer Freundin ausgegangen ist, oder sie will schlafen und keinen Sex mehr haben. Am Ende entschuldigt Hannah sich, weil Philipp ihr weisgemacht hat, dass entweder NUR oder AUCH sie einen Fehler begangen hat. Stellt euch mal vor, euer Freund oder eure Freundin würde euch tagelangen Streit und Stress bescheren, weil ihr keinen Sex wolltet. Absurd, oder?

 

Aber warum trennt sich Hannah nicht?

„Trenn dich einfach!“ ist schnell daher gesagt und es ist auch dumm daher gesagt. Es lässt sich vergleichen mit „Trink einfach nicht mehr!“ oder „Iss einfach mal was!“. Denn Philipp lässt sich mit einer Sucht vergleichen –Hannah ist abhängig von ihm. Selbst, wenn sie begriffen hat, dass sie in einer Misshandlungsbeziehung lebt, frohlocken Versprechungen und Entschuldigungen nach einer Misshandlung wie eine Flasche Wein einem Alkoholiker mit Suchtdruck.

„Aber wenn er mich wieder anschreit/nötigt/beleidigt/schlägt, DANN bin ich SICHER weg!“ ist vergleichbar mit einem „Das ist das ALLERLETZTE MAL, dass ich je Alkohol getrunken habe!“

Es ist nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick aussieht. Als Außenstehender ist es unbegreiflich, sich sowas anzusehen und auch Hannahs FreundInnen wenden sich von ihr ab, da sie glauben, sie WILL diese Beziehung führen. Denn Hannah findet immer wieder Ausflüchte, Ausreden, um bei ihm zu bleiben. Sie sind genervt.

 

Kann man als Außenstehende/r überhaupt etwas tun?

Ja. Sich nicht abwenden. Nicht genervt sein, Zuhören, Sicherheit geben, geduldig sein. Die Dinge, die man in normalen Freundschaften auch tut. Ein Abbruch des Kontaktes oder eine Beendigung der Freundschaft hilft nicht. Viele denken an eine erzieherische Maßnahme: „Meld dich wieder, wenn du ihn abgeschossen hast!“
Hannahs Freunde haben das auch gemacht. Es hat nichts gebracht – sie haben sie damit nur ihrem Schicksal überlassen.

Wenn ihr sonst das Gefühl habt, dass jemand in eurem Umfeld in einer Misshandlungsbeziehung lebt, empfehle ich euch, hier weiterzulesen.

 

Und wenn ich selbst betroffen bin?

Dann kannst du dich als Frau direkt ans Erlanger Frauenhaus wenden, oder du nutzt das bundesweite Hilfstelefon. Und auf https://www.re-empowerment.de/ kannst du dich umfassend über alles informieren, was dir gerade widerfährt.

Als Mann kannst du dich an das Gesundheitsamt im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen oder an die Männerberatungsstelle in München wenden (hier), denn Hannah und Philipp können auch getauschte Rollen einnehmen.

 

Und was ist mit Hannah?

Nach der Trennung ist nicht vor der Trennung. Wenn Hannah sich von Philipp gelöst hat, beginnt erst die eigentliche Arbeit. Misshandlungsbeziehungen hinterlassen psychische Spuren. Posttraumatische Belastungsstörungen, Angststörungen oder Depressionen können die Folgen sein. Eine Misshandlungsbeziehung kann einen Menschen wieder ganz an den Anfang seiner Persönlichkeitsentwicklung zurückkatapultieren. Selbstbewusstsein muss wieder ganz neu aufgebaut und psychische Krankheiten müssen bekämpft werden.

Es ist nur leider so, dass viele nicht wissen, wie viele Formen von Partnerschaftsgewalt existieren, wie die typische Masche eines Misshandelnden aussieht, wie man sie erkennt und wie man aus so einer Beziehung ausbricht.
Es gibt im Bereich psychische Gewalt in Beziehungen viel zu wenig Prävention. Deshalb habe ich mich dafür entschieden, diesen Artikel zu schreiben. Ich hoffe, ich konnte euch etwas näher bringen, was für euch vielleicht nicht nachvollziehbar war, euch gar nicht bewusst war, oder euch einen Anstoß geben, euch selbst oder jemanden in eurem Umfeld zu helfen.

 

Von Joana Hammerer