Orientalistik? Was ist das? Und warum studiert man das?

Unsere Redakteurin Carla studiert seit sieben Semestern Orientalistik und kriegt diese Fragen – natürlich inklusive “Und was macht man dann damit?” – ständig gestellt. Weil sie des Beantwortens müde wird, schreibt sie ihre Antworten einfach mal auf. Ein Loblied auf das Studium von Orchideenfächern.

 

Studis in Orchideenfächern kennen diese Fragen: “Warum studierst du das?”, “Was machst du später mal damit?” und vor allem “Was ist das eigentlich?”. Ich möchte euch hier erzählen, was meine Lieblingsantworten sind – und vielleicht spare ich mir dann ja in Zukunft Arbeit, indem diejenigen, die mir diese Fragen stellen, einfach diesen Artikel vorgesetzt kriegen. Ach ja, und seid nicht enttäuscht: Die Frage nach dem “Warum?” werde ich nicht zufriedenstellend beantworten können (ich gebe mir dennoch Mühe!). Ich weiß aber sicher, dass die richtige Antwort nichts mit einem Fetisch zu tun hat.

Ich beginne einfach mal mit einer kleinen Anekdote: Ich war in der Schule total begeistert von Geographie, war gut darin und hatte Spaß an meinem Abischwerpunkt. Kulturgeographie klang super, wurde also zu meinem Zweitfach im 2-Fach-Bachelor an der PhilFak (als Erstfach kombinieren ging damals noch nicht). Orientalistik hatte ich mir bei den Uniinfotagen einfach mal angeschaut und beschlossen, dass das spannend klingt (das war die Kurzversion – Langversion folgt).

Als ich mitten im Abi war bekam meine Mutter die Frage, was ich denn nach der Schule vor hätte, vermutlich noch öfter zu hören als ich. Ihre Standardantwort – und das ist meine Anekdote – war damals, frei zitiert: “Kulturgeographie ist wahrscheinlich genau das Richtige für Carla. Bei Orientalistik schauen wir mal, ob sie wirklich dabei bleibt, oder das vorübergehende Interesse nicht reicht, um den Aufwand zu bestreiten, sogar Arabisch zu lernen”.

Kulturgeographie – oder wie Kommilitonen gerne umschreiben, was andere Menschen glauben, was sie da machen: “Stadt-Land-Fluss” – finde ich immer noch super. Was Kulturgeo eigentlich ist, erklärt euch Hannah hier. “KG” war damals allerdings im 2-Fach-Bachelor nur bedingt kombinierbar, d. h. es gab Zeitüberschneidungen zwischen meinen Fächern, die dazu führten, dass ich in der Vorlesung “Einführung in die Kulturgeographie” schon nicht anwesend sein konnte und nach dem ersten Semester aufgab. Zum nächsten Wintersemester wechselte ich zu Politikwissenschaft als Zweitfach – im Nachhinein betrachtet eine super Entscheidung. PolWi passt gut zu meinen Interessen und zu meinem Erstfach, zumal ich in der Erlanger Politikwissenschaft viele Seminare zum “Nahen Osten” wählen kann. Und für den “Nahen Osten” und die arabische Sprache war ich nach zwei Semestern Feuer und Flamme. Voilá, Mama.

 

Aber von vorn: Was genau ist “Orientalistik”?

Diese Frage belegt Platz drei unter den Top 3 der Reaktionen auf “Ich studiere Orientalistik und Politikwissenschaft”. Fasst man sie allerdings mit den gleichbedeutenden Reaktionen “Ok.”, “Aha.”, “Cool.” und “Interessant!” (Aka “ich bin mir nicht sicher ob ich zugeben darf, dass mir das gar nichts sagt”) zusammen, wäre sie auf Platz 1.

Die Mitschrift meiner allerersten Arabischstunde: Ich versuchte mich noch ziemlich unbeholfen am Alphabet. Foto: Carla Ober

Meine Standardantwort: Das Fach umfasst – so, wie es in Erlangen im Bachelor angeboten wird – vor allem erstmal einen Intensivkurs Hocharabisch über die ersten vier Semester mit 8 Stunden die Woche / 10 ECTS pro Semester. Danach kann man immer noch nichts und ist frustriert, lernt stattdessen arabische Dialekte, oder ist motiviert, es doch noch irgendwann richtig zu lernen. Empfohlen wird für alle drei Varianten in der Prüfungsordnung ohnehin ein längerer Auslandsaufenthalt mit Sprachkurs. Außerdem umfasst “Orientalistik” Geschichte, Kultur-, Islam- und Religionswissenschaft, Literatur(wissenschaft), Sprachwissenschaft und Dialektologie. Hat man Orientalistik als Erstfach, kommt noch als zweite Fremdsprache Türkisch, Persisch oder Hebräisch für zwei Semester dazu.

Gut, dass diese “Standardantwort” jetzt mal zu Papier bzw. Onlineblog gebracht ist, das fühlt sich gut an… ich fühle mich jedes Mal schlecht, dass ich einfach keine kürzere oder einfachere Antwort geben kann.

 

Was macht man später mal damit?

Ich bin mir nicht sicher, ob diese Frage Platz 2 oder Platz 1 verdient hat, wahrscheinlich eher Platz 1. Ich beantworte sie aber der Einfachheit halber vor der “Warum”-Frage, weil sie diese teilweise beantwortet.

Mein eigentliches Berufsziel war nämlich mal Journalismus. Bei Berufsinfo-Veranstaltungen zu Schulzeiten hatten mir Journalisten geraten, satt “Journalismus” lieber ein Fach zu studieren, das mich interessiert und von dem ich dann inhaltlich Ahnung habe, in den Journalismus dafür durch Praktika nebenher zu kommen (puh, mir war damals nicht bewusst, wie anstrengend “Berufserfahrung schon nebenher sammeln” sein kann!). Journalismus kann ich mir auch immer noch vorstellen und fände es spannend, es gibt aber auch so viele spannende Alternativen. Ich könnte vielleicht Politik- oder Unternehmensberatung machen, zu NGOs, zur politischen Bildung, ins Verlagswesen, zu staatlichen Institutionen wie BND, LKA und Polizei, zum Auswärtigen Amt oder internationalen Regierungsorganisationen wie den UN gehen. Ich könnte in die Sozialarbeit oder zum Bamf gehen, in der Wissenschaft bleiben und vieles mehr.

Arabisch ist nicht leicht, ist aber die Basis der Orientalistik. Als zweite Fremdsprache habe ich mich für Türkisch entschieden. Foto: Carla Ober

Für diese ausführliche Antwort habe ich nicht immer die Motivation und vieles hängt sowieso davon ab, für was für einen Master ich mich entscheide. Standardmäßig antworte ich deshalb auf “was machst du später mal damit?” mit: “Master studieren.”

Die Frage “Welchen?” kann ich wiederum noch nicht beantworten – ich finde sie alle spannend, ob Islamwissenschaft, irgend ‘was mit Geschichtsfokus, Arabistik, Islamisches Recht, Politikwissenschaft des Nahen Ostens, Afrikanistik, Iranistik, Semitistik, Turkologie, orientalisches Christentum, Islam in Europa, und und und beziehungsweise “oder oder oder”.

 

Nun also zur mit Abstand schwierigsten Frage: “Warum studierst du Orientalistik?”

Oft begegnet mir diese Frage in Situationen, in denen die Fragenden schon glauben, die Antwort zu kennen. Deshalb fällt es ihnen erst recht schwer, meine niemals zufriedenstellende Antwort zu akzeptieren. Die Wahrheit ist: Ich weiß nicht, warum. Beziehungsweise: Es werden sehr viele verschiedene Faktoren, manche mir selbst mehr, andere weniger bewusst, zusammengespielt haben.

Die Antworten, die die Fragenden manchmal schon im Kopf haben, kann ich aber alle definitiv verneinen:

Nein, ich werde nicht zum Islam konvertieren und hatte das auch noch nie vor. Ob ihr es glaubt oder nicht, man kann sich für eine Religion interessieren und sie tolerieren, ohne an sie zu glauben. Persönlich bin ich Christin, aber das sollte in meinem Studium keine Rolle spielen. Der Teil, der sich in meinem Studium mit dem Islam beschäftigt, ist Islamwissenschaft, also Religionswissenschaft, und nicht islamische Theologie. Islamische Theologie ist eher das Fach “Islamisch-Religiöse Studien”, das man auch in Erlangen studieren kann: Am Department Islamisch-Religiöse Studien, nicht am Institut für Orientalistik. Natürlich, und zum Glück, wird zwischen diesen beiden Instituten sowie den Orient- oder Islam-bezogenen Bereichen der Politik-, Rechts-, Wirtschaftswissenschaft und Kulturgeographie, Religionswissenschaft und christlichen Theologie in Erlangen viel zusammengearbeitet. Ach und übrigens: “Der Orient” – an die Möglichkeit einer einheitlichen Definition, auch von “Naher Osten”, glaube ich nicht – umfasst auch Christentum, Judentum und andere Religionen.

Nein, ich studiere nicht Orientalistik, um nach schrecklichen Terrorattacken mit über hundert Toten in Paris von Freunden ohne Zusammenhang und vorherige Konversation Whatsappnachrichten in Form von “Was hältst du von Paris?” zu erhalten und diese zu beantworten. “Ach, solche Attentate, die finde ich super!”, oder was erwartet ihr?

Nein, der Grund, warum ich Orientalistik studiere, sind nicht irgendwelche Männer, auch wenn mir das schon verdammt oft (und auf verschiedene Männer, auch zur selben Zeit auf verschiedene, bezogen) unterstellt wurde.

 

Ein Teil meines Bücherregals mit auf mein Studium bezogenen Büchern. Foto: Carla Ober

Warum also?

Für die beste Antwort, wenn ich es nicht zu lang und kompliziert machen möchte, aber nach bestem Wissen und Gewissen und ehrlich antworten will, halte ich “Aus purer, großer Neugier.” Ich habe mich auch schon immer sehr breit interessiert und würde noch so vieles andere (besonders weitere “Orchideenfächer”) studieren, wenn ich die Zeit hätte. Aus Erfahrung weiß ich leider, dass vielen diese Antwort nicht genügt, auch wenn sie in meinen Augen wahr ist und sehr viele Punkte umfasst. Deshalb will ich versuchen, die Faktoren, die vermutlich ihren Beitrag geleistet haben, aufzuzählen, das kann ich aber nur in völlig ungeordneter, größtenteils zufälliger Reihenfolge tun. Die meisten der Faktoren neben “weil ich Journalistin werden wollte” gelten vermutlich von Anfang an – ich glaube aber auch, dass ich Orientalistik erstmal “ausprobieren” wollte, als ich mich für das Studium entschied (bis hierhin hatte meine Mama recht) – und es dann eben das Richtige war, mich begeisterte und ich dabei blieb.

Ich hatte das Gefühl, nahezu nichts über den “Nahen Osten”, “den Islam”, die Politik, Geschichte und Kultur der Region zu wissen. Das wurde mir zum ersten Mal wirklich bewusst, als ich als Zehntklässlerin mit meiner Familie für einen All-Inclusive-Badeurlaub für zwei Wochen nach Tunesien flog. Ich hatte kurz vor Abflug immerhin noch nachgeguckt, wo Tunesien eigentlich liegt (hinterher ein Schulfreund zu mir über eine Schulfreundin, die dachte, es liege in Asien: “Sei froh, dass sie nicht dachte, es liege in Afrika.”)

Nach dem Urlaub fing ich aber an, mich über das Land und die arabische Welt insgesamt, über Arabisch und über den Islam zu informieren. Versuche, auf Youtube Arabisch zu lernen, scheiterten. Aber ich ärgerte mich über viele Vorurteile, die man in Deutschland und anderen “westlichen” Ländern gegenüber “dem Islam” oder “den Arabern” hatte – besonders auch über meine eigenen, die mir plötzlich bewusst wurden. Ich würde übrigens auch nicht behaupten, heutzutage von allen Vorurteilen “geheilt” zu sein. Leider hat jeder Mensch Vorurteile – wichtig ist, dass man sich dessen bewusst ist und nie aufhört, zu reflektieren.

Tunesien hatte mich fasziniert. Also das, was ich bei den vielleicht zweieinhalb mal das Hotelgelände verlassen, vor allem aber aus dem Busfenster bei einer Tour in die Stadt El Jem und dem Transfair vom und zum circa 100 km vom Urlaubsort Mahdia entfernten Flughafen sah. Es war der Sommer 2012, noch nicht ganz eineinhalb Jahre nach dem Sturz des Diktators Ben Ali – der “Arabische Frühling” hatte Ende 2010 in Tunesien begonnen – und ich bin mir bis heute sicher, dass man die Umbruchsstimmung damals intensiv spüren konnte. Insofern kann ich die oft auch gehörte Feststellung “Was du studierst ist ja sehr aktuell!” definitiv nicht verneinen, auch wenn ich das, was damit von manchen suggeriert wird, nicht mag und das Ungesagte dahinter verneinen würde.

Auf Youtube war ich zwar gescheitert, aber Arabisch wollte ich immer noch lernen. Ich fand, dass die Schrift toll aussah und mich faszinierte der Klang, auch wenn Freunde fanden, dass ich “die Sprache mit den Kotzlauten” lernen wollte (die haben sich übrigens als teilweise echt schwer herausgestellt…). Bei Arabisch ist es auch nicht geblieben. Ich nutze das Angebot des Sprachenzentrums an der Uni exzessiv aus und sicher ist es berechtigt, dass mich Familie und Freunde als verrückt bezeichnen, weil ich inzwischen 8 Fremdsprachen angefangen habe, zu lernen. Ich bin überzeugt, dass man nur über das Erlernen von Sprachen die Menschen, die diese sprechen, wirklich kennenlernen und verstehen kann.

Für alle, die sich gerade “Oh Gott, solche verblendeten IdealistInnen sind so unerträglich!” denken: Ihr habt es jetzt geschafft, mit dem Teil wäre ich auch fertig. Den letzten Faktor kann ich deutlich nüchterner formulieren: Bei schon erwähnten Uniinfotagen habe ich mir den Vortrag zur Orientalistik “halt mal angeschaut” und die Uniwerbung hatte Erfolg bei mir. Der Aufbau des Studiums klang vielversprechend, der Dozent (unser Arabischlehrer) wirkte nett und die mitgebrachte Studentin stellte sich hinterher geduldig meinen neugierigen Fragen und zeigte mir die Institutsbibliothek. Über das maximal hässliche Gebäude (Bismarckstr. 1), in dem sich diese befindet, konnte ich damals einfach noch hinwegsehen, von anderen Wermutstropfen wusste ich noch nichts.

Ihr merkt, es hat nichts gebracht, dass ich mein Vorhaben “aufschreiben, warum ich Orientalistik studiere” um fast vier Jahre verschoben habe – ich werde die “Warum”-Frage nie beantworten können. Ich kann nur die Frage, warum ich weiter mache, beantworten: Weil ich jetzt weiß, auf was ich mich eingelassen hab. Weil ich Arabisch irgendwann richtig können will, als Hocharabisch und in Form von mindestens ein oder zwei Dialekten. Weil ich die Fächer jetzt nicht weniger spannend finde, nachdem ich eine bessere Vorstellung davon bekommen habe, worum es eigentlich geht. Und weil ich eine Idealistin bin, aus allertiefster Überzeugung.

 

Von Carla Ober