„La Dolce Vita“ oder die italienische Version des Laissez-faire: Mein Auslandssemester in Siena

Beim Stichwort “Toskana” oder “Italien” erscheint bei den wohl meisten Menschen das Bild einer mit Zypressen gesäumten Hügellandschaft im orange-roten Sonnenuntergang vor dem geistigen Auge – und das ist auch eine ziemlich treffende Beschreibung des Sieneser Umlands.

 

Meine Entscheidung, ein Erasmussemester in Italien – am liebsten natürlich in der Toskana – zu machen, traf ich schon, bevor ich überhaupt anfing zu studieren. Das ist vielleicht etwas überzogen, aber dennoch habe ich Italien schon lange ins Herz geschlossen und kannte viele Städte und Orte durch zahlreiche Urlaube bereits.

Blick auf den Dom von Siena. Foto: Louisa Behr

So habe ich auch Siena schon vor drei Jahren kennengelernt und wusste, ich möchte unbedingt einmal dort oder in Florenz leben. „La Dolce Vita“ wie man so schön sagt – inmitten einer italienischen Stadt mit kleinen Gassen, atemberaubenden Palazzi, gutem Essen und freundlichen Menschen. Mein Traum ging in Erfüllung und im September letzten Jahres ging meine Reise dann los – ich war unfassbar aufgeregt, als ich mich von meiner Familie am Bahnhof verabschiedete und als ich nach einer 14-stündigen Zugfahrt am Bahnhof von Siena ausstieg, war mein erster Gedanke: „Was machst du eigentlich hier?“ Es war wohl eine der größten Herausforderungen für mich, sich in einer Stadt, in der man keine Menschenseele kennt und die Sprache nicht perfekt beherrscht, einen Alltag aufzubauen und sich einzuleben.

 

Aber damit ist man ja zum Glück nicht auf sich alleine gestellt – die Erasmusorganisatoren der Universität in Siena und auch eine Vereinigung von Studenten hatten schon die erste Woche von morgens bis abends komplett durchgeplant mit Veranstaltungen. Außerdem gab es auch immer noch das Studium: für mich war von Anfang an wichtig, nicht mit leeren Händen zurückzukehren und deshalb besuchte ich einen Sprachkurs und absolvierte einige Lehrveranstaltungen, die mich interessierten und zu meinem Studium passten. So verbesserte sich zum einen mein Italienisch und zum anderen war es sehr spannend mitzubekommen, wie Seminare und Vorlesungen in anderen Ländern ablaufen. In Italien funktioniert das alles eher nach dem Motto: Die Dinge regeln sich schon von selbst. Bürokratie? Brauchen wir nicht!

Der Piazza del Campo. Foto: Louisa Behr

So schön der lockere Lebensstil auch ist, wenn man die deutsche Organisation gewohnt ist, ist man schon erst mal ein wenig verwirrt. Die Dozenten sind nicht sehr strikt, die Prüfungen teilweise unorganisiert und ich brauchte volle fünf Monate, um den ganzen „Erasmuspapierkram“ zu erledigen, da man unfassbar viele Unterschriften benötigt und auf E-Mails antworten nicht zu der Leidenschaft der italienischen Dozenten gehört.

Aber ich kam zu dem Entschluss, dass einer der Hauptgründe, warum ich Italien liebe, auch der Lebensstil ist und deshalb versuchte ich, mich darüber nicht zu ärgern und schlussendlich hat auch alles – wenn auch holprig – funktioniert! Zurück zu den Veranstaltungen: Man konnte sich vor lauter Partys und Exkursionen kaum retten und so kam es, dass ich innerhalb der ersten Woche so viele neue Freunde kennenlernte, mit denen ich bis zum Schluss alles unternahm – von zahlreichen Städtetrips, über Wanderungen bis hin zu gemütlichen Kochabenden. Ich lernte auch in den ersten Tagen genauso kunstbegeisterte Studenten wie mich kennen und hatte so immer Begleitung, wenn es darum ging, Museen zu besuchen oder Kirchen anzuschauen.

 

Eine weitere Herausforderung war es zudem, die geeignete Unterkunft zu finden: ich zog zweimal um, bis ich die perfekte WG gefunden hatte – alleine und überfordert fühlte ich mich dennoch nie, da wir von Anfang an zu einer großartigen Gemeinschaft zusammengefunden haben. Das ist wohl auch der Größe der spätmittelalterlichen Stadt geschuldet: Bei einem Stadtkern, den man innerhalb von 30 Gehminuten durchqueren kann, ist es fast unmöglich aus dem Haus zu gehen und keine bekannten Gesichter zu sehen. Und da der Cappuccino überall höchstens 1,50 € kostet, war das Kaffee trinken mit Freunden oder Kommilitonen eines der ersten Dinge, die man unternahm, um in den Tag zu starten.

Prunkvoller Lichtschmuck in der ganzen Stadt. Foto: Louisa Behr

Außerdem erlebte ich die Weihnachtszeit in Italien – wenn man der Meinung ist, Erlangen sei viel beleuchtet, war man noch nie in einer toskanischen Stadt in der Adventszeit. Jede einzelne Gasse war mit wunderschönen Lichterketten behangen und es gab so viele traditionelle Weihnachtsveranstaltungen, dass ich fast traurig war, als ich über Weihnachten zu meiner Familie nach Hause flog. Dementsprechend fiel mir der Abschied, als ich nach Deutschland zurückkehrte, schwer, und ich habe mir jetzt schon vorgenommen, dass es nicht das letzte Mal sein wird, dass ich in Italien wohne.

 

Alles in allem war mein Auslandssemester eine der schönsten und lehrreichsten Erfahrungen, die ich je machen durfte. Angefangen beim zurechtfinden in einer fremden Stadt, über das Organisieren einer Unterkunft in einer anderen Sprache, bis hin zum Kennenlernen vieler neuer Freunden aus aller Welt – all das sind Herausforderungen, die mir viel neues Wissen vermittelten und mich in allen Bereichen des Lebens unglaublich bereichert haben.

 

 

Von Louisa Behr