STYX – eine Filmkritik

Mit STYX bringt Wolfgang Fischer die gegenwärtige europäische Problematik der Flüchtlingskrise auf die Kinoleinwände. Dort wird Rike (Susanne Wolff) mit einem Dilemma konfrontiert, das die Horrorvorstellung aller Segler*innen widerspiegelt: Auf einem Segeltörn im Mittelmeer mit havarierenden Flüchtlingsbooten konfrontiert zu werden. In bildgewaltigen Aufnahmen zeigt Wolfgang Fischer, dass selbst eine ausgebildete Ärztin als einzelne Person kaum Möglichkeiten hat, alle Menschen zu retten.

 

Die Einführung des Charakters Rike ist sehr eindeutig: Sie ist eine starke Frau, die ihre Profession als Ärztin beherrscht und mit fachlichem Wissen und gut durchdachten schnellen Aktionen Menschen rettet. Dies wird noch stärker sichtbar, wenn der/die Zuschauer*in ihr bei dem Beginn ihrer Segelreise zuschauen darf. Durch geschicktes Handhaben ihres Bootes und einer enormen physischen Kraft besitzt Rike die Kontrolle über jede Situation und ist gegen Unwetter und dergleichen gut gewappnet. Ihr dabei in der ersten Hälfte der Narration zuzuschauen, ist enorm beeindruckend. Durch starke Bildaufnahmen wird das Spiel zwischen Rike und dem Meer eine wahre One-Woman-Show, die keinerlei Sound Effekte oder Musik braucht, um Spannung herzustellen oder zu vergrößern.

Die Annahme der allgegenwärtigen Kontrolle der Protagonistin führt zu einem zweifachen Schock für die Zuschauer*innen, als der Film in eine andere Richtung steuert: Anfangs noch eine abenteuerliche Bootstour gen Paradies, wird es plötzlich zu einem Flüchtlingsdilemma. Die Ärztin und Seglerin, die bis gerade noch alles im Griff hatte, sitzt nun ratlos auf ihrem Boot, und weiß nicht, wie sie handeln soll: Soll sie zu dem Flüchtlingsboot fahren und den Flüchtlingen helfen – nicht nur als Mensch sondern auch als Ärztin – oder den Befehlen der Küstenwache folgen und darauf warten, dass Hilfe von außen kommt? Dieses Dilemma zieht sich durch die komplette zweite Hälfte des Filmes und wird nur noch dramatischer, als Kingsley (Gedion Oduor Wekesa), stellvertretend für die unbekannte Masse der Flüchtlinge, in die Narration eingeführt wird. Er ist der einzige Flüchtling, der es schwimmend in die Nähe ihres Bootes schafft und den Rike ärztlich versorgt.

Rike wird als Europäerin somit als Individuum porträtiert und der Afrikaner als Teil einer bedrohlichen Masse. Dies entspricht unserem Medienbild, was der Film befragen möchte. Auch durch das Framing wird diese Aufteilung verdeutlicht. Die Kamera bleibt durchgehend auf Rikes Boot und entspricht ihrer, also der europäischen Sicht. Das Flüchtlingsboot wird nur aus weiter Ferne gezeigt, zu der man während des Films keine Beziehung aufbauen kann.

Kingsleys Verhalten kann man vielleicht als undankbar interpretieren, als er Rike immer mehr unter Druck setzt, zum Boot zurück zu fahren, um seine Schwester zu retten. Darauf reagiert jedoch Regisseur Wolfgang Fischer in einem Interview bei dem Filmfestspiel Eden folgendermaßen: „Das würden wir doch auch tun, wenn man einen Familienangehörigen zurücklassen muss […]. Er ist ein Mensch, wie du und ich, und der will natürlich auch was, er hat eine Berechtigung zu wollen.“ Dies ist eine wichtige Aussage des Films, weil es nicht darum geht, die gute weiße Frau und ihr Heldentum zu romantisieren, sondern die Schwierigkeit der Situation näher zu bringen und Fragen zu stellen, die sich Europa zu stellen hat. Die Privilegien, die man automatisch als weißer Mensch besitzt, werden hier vorgeführt und vor allem durch die Aktionen Rikes am Ende des Filmes verdeutlicht.

Die Definition des Paradieses der beiden Menschengruppen könnte unterschiedlicher nicht sein: Die Flüchtlinge aus Afrika sehen in Europa das Paradies, ohne den alltäglichen Krieg und die permanente Angst um das Leben, sie flüchten vor Gewalt und Verfolgung. Rike lebt in dem von den Flüchtlingen angesehenen Paradies, aber hat jedoch ein anderes: Eine von Darwin angelegte Natur auf einer weit entfernten Insel. Beide Gruppen, Rike und die Flüchtlinge, folgen ihrem Wunsch nach dem Paradies und auf dieser Fahrt kreuzen sich ihre Wege. Daran erkennt man, dass die Definition von Paradies sehr unterschiedlich aufgefasst werden kann und dass man, egal wo man wohnt und wie viele Privilegien man hat, man sich immer noch nach etwas besserem, etwas anderem sehnen kann.

Ob Europa wirklich das Paradies ist, kommt auf die Perspektive an. Wenn man der griechischen Mythologie um den Fluss Styx folgen möchte, der das Reich zwischen den Lebenden und Toten trennt, könnte Europa auch das Totenreich sein. Der Film STYX lässt offen, von welchem Reich die Reise angetreten wird.

Auch das Ende von STYX zeigt die realitätsnahe Darstellung: Gegen Rike wird ermittelt, da sie gegen die Vorgaben gehandelt hat. Jedoch ist sie der Grund, dass einige Flüchtlinge noch gerettet werden konnten. Dass Seenotretter*innen kriminalisiert werden und sich vor Gericht behaupten müssen, passiert auch in der Realität oft.

Alles in allem ist dieser Film ein wichtiger cineastischer Beitrag zu der Flüchtlingsproblematik und überzeugt mit hervorragender schauspielerischer Leistung, bildgewaltigen Aufnahmen und hinterlässt bei den Zuschauer*innen das moralische Dilemma und die Frage: „Wie hätte ich in solch einer Situation gehandelt?“

 

Von Amrei Wesinger

 

Das oben erwähnte Interview mit dem Regisseur könnt ihr hier anschauen.