In was für einer Welt leben wir eigentlich? | Vol. 1

In meinen 24 Jahren auf dieser Welt sind mir in meinem Alltag schon sehr skurille Tatsachen begegnet, die viele Menschen einfach so hinnehmen. Für mich ein Grund, sich darüber zu ärgern. „Reg dich nicht ständig auf!“, sagen meine Freund*innen. Für mich ein Grund, diese Kolumne zu schreiben. Viel zu viele Beobachtungen meinerseits erscheinen mir einfach unfassbar unlogisch, ja meistens sogar wirklich unfair.

 

Hier werde ich mich in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen mit diesen Beobachtungen auseinandersetzen, sie mehr oder weniger wütend auseinandernehmen und versuchen, die Frage zu beantworten, wie man als Einzelne*r damit besser umgehen kann. Erfolg nicht garantiert!
Bühne frei für: “In was für einer Welt leben wir eigentlich?”
(Achtung: Kann Massen an Zynismus und Pessimismus enthalten)

 

„Was du nicht willst, was man dir tut, das füg auch keinem Andern zu.“, sagte meine Oma gerne. Etwas anders hat es Immanuel Kant mit dem Kategorischen Imperativ ausgedrückt: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Man kann von Kant und meiner Oma nun halten was man will, Fakt ist, dass uns dieses Motto schon von Kindesbeinen an eingebläut wird – um es im Erwachsenenalter ganz schnell wieder zu vergessen.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir bewusst, dass gerade die, die davon anscheinend noch nie etwas gehört haben, es etwas leichter im Leben zu haben scheinen. Ihnen wird scheinbar mehr Respekt und Anerkennung entgegen gebracht, als den Menschen, die sich sehr um ein gutes Zusammenleben bemühen. Nettigkeit wird belächelt und ausgenutzt. Geht mal in euch und fragt euch: Wie oft habt ihr schon Zeit und Mühe in einen Menschen gesteckt, der nicht einen Finger für euch rühren würde, wenn es bei euch mal brennt? Wie oft hattet ihr schon das Gefühl, der oder die Blöde zu sein? Kennt ihr diese Menschen, die bei jeder Kleinigkeit direkt sauer werden, sich aber genau diese kackendreist erlauben? Ich denke der*die Eine oder Andere kann da ein Lied von singen. Ich übrigens auch. Ich will nicht sagen, dass mein Charakter das Wunderbarste ist, was die Menschheit hervorgebracht hat, aber ich muss sagen: Ich war schon oft die Dumme.

Ich muss sagen, ich mag es nicht, wenn Menschen Dinge gegeneinander aufwiegen. Ich verachte Menschen, die für Gefallen etwas erwarten und nichts ohne Hintergedanken tun, aber wenn ich daran denke, wie viel Zeit und Mühe ich schon verschenkt habe, die ich in ähnlicher Weise niemals zurückbekommen werde, werde ich sauer. Das ärgert mich nicht nur oder tut weh, nein, man fühlt sich auch wie jemand, der Menschen hinterherrennt, man fühlt sich nicht respektiert. Wenn ich daran denke, wie vielen ich schon eine Geburtstagsfreude gemacht habe, die es dann nicht mal geschafft haben, mir zu gratulieren oder denen ich nur ein lasches „Alles Gute“ auf meiner Facebookpinnwand wert war, fahre ich innerlich wieder auf 180.

Wie ich meine Zeit nach Verabredungen plane und der*die andere mir erst beim Treffen eröffnet, dass er*sie aber früher gehen muss, weil etwas anderes noch Wichtiger war. Es macht mich wütend! Ich kenne Menschen, die verkaufen eine Kleinigkeit, die sie für mich tun als große Ausnahme, während für mich solche Dinge für ein gutes Zusammenleben einfach selbstverständlich sind.

Und doch scheinen die, die alles als „jemandem hinterherrennen“ deklarieren, besser durchzukommen. Was machen sie besser? Machen sie überhaupt etwas besser? Oder bringen wir Eigenschaften wie übertriebenen Egoismus oder eine Ich-scheiß-auf-alle-Attitüde zu wenig Verachtung und zu viel Anerkennung entgegen? Ganz ehrlich? Ich glaube an Letzteres. Wenn man sich das mal im Großen anschaut, sehen wir Menschen wie US-Präsident Donald Trump, den Sternekoch Gordon Ramsay, oder aber auch Heidi Klum. Sie alle sind nicht gerade dafür bekannt, den besten Charakter zu haben, aber sie sind sehr erfolgreich und werden von einigen nahezu vergöttert. Unextremer und kleiner läuft es aber auch im alltäglichen Leben ab.

Die Menschen scheinen irgendwie verlernt zu haben, was es bedeutet, einen guten Charakter zu haben. Wenn man den Leuten gerne eine Freude machen will, wird man sogar manchmal belächelt und komisch beäugt – das habe ich sogar selbst schon erlebt.

Dafür wird oberflächlichen Höflichkeiten immer mehr Bedeutung beigemessen. Auch hier kann ich mich mit persönlicher Erfahrung brüsten. Ich bin ein sehr verträumter Mensch, ab und zu vergesslich und eben mit dem Kopf oft woanders. Es kann gut passieren, dass ich einfach mal irgendwo im Weg stehen bleibe oder etwas verliere – Ich kann Romane darüber schreiben, wie mir Menschen erklärt haben, ich wäre ein rücksichtsloses Charakterschwein und würde mich nicht für andere Menschen interessieren. Weil ich fasziniert von etwas, was ich im Vorbeilaufen gesehen habe, ein wenig abrupt stehen geblieben bin oder etwas verloren habe, womit man höchstens seine alte Bananenschalen entsorgen konnte. Ja, deren Ernst.

Der Fokus liegt zu sehr auf Oberflächlichkeiten, Menschen, die sich wirklich Mühe geben, werden oft übersehen. Tür aufhalten muss sein, sich um Fairness bemühen ist aber zu belächeln.

Ich muss sagen, ich finde es schon sehr besorgniserregend, wie vielen lieben Menschen ich schon begegnet bin, die aber nicht einen Funken Anerkennung dafür bekommen haben. Herzlichkeit und Dinge für jemanden tun, weil man sie gerne macht, kommen immer weniger vor, dafür ist es wichtiger, sich gut verkaufen zu können und ohne Rücksicht auf Verluste sein Ding zu machen.

Versteht mich nicht falsch, es geht hier nicht um gesunden Egoismus, es geht nicht darum, bis hin zur Selbstaufgabe für alle da zu sein, es geht darum, die Mühe, die sich jemand gibt, zu respektieren und anzuerkennen. Hey, da hat jemand Interesse daran, dir zu zeigen, welchen Platz du in seinem Leben hast, scheiß’ da doch nicht einfach drauf!

Ich für meinen Teil habe nur eine Lösung für dieses Problem gefunden, auch wenn ich sie nicht unbedingt mag: Sich zurückziehen und beobachten – und daraus Konsequenzen ziehen. Auch wenn es ‘was von „Dinge aufwiegen“ hat. Du musst nicht jedes Ego mit einem selbstgebackenen Kuchen füttern, auch wenn du dieses Ego vielleicht gern hast – aber das sollte es dir nicht immer wert sein, schließlich bist du es der anderen Person ja auch nicht.

 

Von Joana Hammerer