Mein schwieriges Schweigen

Wie gehe ich mit einem Menschen um, der mir all die nötige Unterstützung für mein Studium zukommen lässt, sich aber auf eine Art und Weise äußert, der ich nicht mehr als pure Verachtung entgegen bringen kann? Diese Frage stellt sich mir nicht erst seit den Weihnachtsfeiertagen – und ich finde keine Antwort.

 

Beginnen wir mal von vorn: Mein Opa und ich hatten schon immer ein recht gutes Verhältnis – es ist distanziert, aber gleichzeitig herzlich. Schon als ich klein war hat er immer nach Möglichkeiten gesucht, Zeit mit mir zu verbringen, und seit ich nicht mehr Zuhause wohne, ist er der Mensch aus meiner Familie, der mich am Öftesten anruft. Meine Nestflucht hat er anscheinend nie ganz verkraftet und trotzdem sorgt er dafür, dass ich während meines Studiums nicht nur überleben, sondern auch leben kann.

Eigentlich habe ich meinen Opa immer als sehr fortschrittlich wahrgenommen. Für ihn war es immer selbstverständlich, dass auch Frauen arbeiten gehen, er hat mich, soweit ich mich erinnern kann, nie nach meinem Kinderwunsch gefragt – stattdessen wollte er immer wissen, was ich werden will – auch heute noch.

Doch vor circa zwei Jahren tat sich eine Seite an ihm auf, die ich einfach nicht erwartet hatte: Er wollte mir als Ostergeschenk ein wenig Geld zustecken, doch dann hielt er inne und meinte er überweise es lieber – nicht dass ein Asylant es klauen würde wenn ich unterwegs sei. Ich erwiderte, dass das höchstwahrscheinlich nicht vorkommen wird und dass die Geflüchteten in meiner Stadt alle sehr nett und höflich seien. „Jetzt noch!“ kam dann von ihm. Ob ich noch mehr dazu gesagt habe? Ich weiß es nicht mehr, aber ich glaube nicht.

Seitdem gab es immer mal wieder Aussagen gegen Geflüchtete, die ich bei allen anderen niemals dulden würde, aber gegenüber ihm sage ich entweder gar nichts, oder wechsle das Thema – denn ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Wenn ich daran denke, dass ich gegen Fremdenfeindlichkeit demonstriert habe, dass ich Instagram-Accounts unterstütze, die sich eindeutig gegen Rassismus positionieren und dass ich eindeutige Statements gegen Diskriminierung weiterverbreite, fühle ich mich in dieser Beziehung wie ein heuchlerisches kleines Würstchen, das um seine Unterstützung fürchtet.

Und diesen Vorwurf habe ich nicht nur von mir selbst gehört. Das traf mich ziemlich hart, denn so etwas ist absolut nicht meine Art. Aber ich gebe zu: Ich habe Angst, dass es unterbewusst wirklich so ist. Meine Versuche, ihm zu erklären, dass ich anders denke, waren eher halbherzig und verliefen in langes Schweigen. Es ist nicht so, dass er nicht um meine Einstellung weiß, aber es ist auch nicht so, dass ich ihm gegenüber laut geworden bin – wie es zum Beispiel meine Mutter das letzte Mal tat.

Ich habe Rassismus und Diskriminierung nie wirklich nachvollziehen können und in den letzten Jahren wurde ich immer wütender. Es scheint mir, als würden immer mehr Menschen Ausreden dafür zu suchen, um Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer Religion oder ihrer sexuellen Orientierung ausschließen und bewerten zu können. Wer mich kennt, weiß das und ich mache dies auch deutlich, wenn es nötig ist – nur bei meinem Opa fahre ich die Strategie der Vermeidung. Das Thema Flüchtlinge spreche ich von selbst niemals an. Ich rede mir ein, dass er mein Schweigen richtig deutet, höchstwahrscheinlich tut er das auch.

Im Endeffekt drehe ich mich im Kreis. Ich habe versucht, nachzuvollziehen, woher seine Einstellung kommt, aber ich finde keine Antwort – es wird auch sicher keine geben, denn es gibt keinen nachvollziehbaren Grund für Rassismus gegen Geflüchtete oder für Rassismus allgemein. Ihn muss ich nicht verstehen. Mich und mein Verhalten aber schon – nur kann ich das nicht.

Vielleicht schaffe ich es das nächste Mal, eine klare Ansage zu machen. Von seiner Einstellung werde ich ihn nicht mehr abbringen können, aber ich fühle mich verantwortlich, verantwortlich, ihm klipp und klar zu sagen, was ich von diesen Aussagen halte. Warum ich diesen Schritt nicht mache, weiß ich selbst nicht ganz genau. Aus Dankbarkeit? Aus Angst? Weil ich nicht mehr mit Leuten diskutieren will, die so denken, weil ich es so satt habe?

Die nächste Gelegenheit wird nicht so bald kommen. Aber dann hoffe ich, dass ich mich an diesen Text zurückerinnern werde und mein Schweigen endlich in die Worte fasse, die er sich sicher schon denken kann.

 

Anonym