“Das Echo der Straße”: FAU-Studentin schrieb Buch über Syrienkonflikt

Syrien – dieses Wort haben wir in den letzten Jahren alle sehr oft in den Nachrichten gehört. Die Politik streitet sich um den Umgang mit der Flüchtlingskrise, rechte Parteien, die sich gegen Ausländer aussprechen, bekommen mehr Zuspruch denn je und das Gefühl wird immer stärker, dass Deutschland sich in die unterschiedlichsten Meinungen aufteilt. Doch was genau ist in Syrien passiert und was waren die Wurzeln dieses Bürgerkriegs? Das erläutert die ehemalige Erlanger Studentin Janine Scherer in ihrem Buch „Das Echo der Straße“. Bei Kaffee und Kuchen habe ich mit ihr darüber geredet.

 

V: Du hast an der FAU Physik studiert und erfolgreich abgeschlossen. Wie bist du auf die Idee gekommen, ein Buch zu schreiben?

Scherer: Ich habe mich immer schon für Literatur interessiert und habe vor „Das Echo der Straße“ auch schon einen Roman geschrieben. Ich interessiere mich allgemein politisch, 2015 wollte ich mich über die Entstehung und die Anfänge des Syrienkonflikts informieren, jedoch habe ich nichts Vernünftiges online gefunden. Daraufhin habe ich englische, syrische und deutsche Quellen miteinander verglichen. Tag für Tag, für die ersten drei Wochen. Da die Unterschiede gravierend waren, wollte ich daraus einen Artikel machen und habe deswegen meinen Blog Syriens Geschichte und Gegenwart gegründet. Der Artikel hat mit 42.000 Klicks so viel Anklang gefunden, dass ich weitermachen wollte. Ein Verlag ist auf meinen Blog aufmerksam geworden und fragte mich, ob ich ein Buch darüber schreiben möchte.

 

V: Das Internet explodiert seit der Flüchtlingskrise über das Thema Syrien, jeden Tag kommen neue Artikel und Berichte dazu. Fiel es dir leicht, gute Lektüre und hilfreiche Quellen zu finden, oder wurde deine Recherche durch die brisante Aktualität erschwert?

Scherer: Gerade in diesem Themengebiet war die Recherche im Internet unheimlich schwierig und auch der Hauptaufwand des ganzen Prozesses. Deswegen habe ich in verschiedenen Archiven, wie zum Beispiel dem des Spiegels, gesucht und habe mich daran orientiert. Alle geschichtlichen Teile sind aus Büchern, meistens Universitätslektüre. Die meiste Literatur, die ich verwendet habe, ist englischsprachig. Mir kam es auch am Anfang so vor, dass viele deutsche Reporter und Reporterinnen das Thema Syrien nicht so richtig verstehen. Zum Beispiel kommt in Artikeln nicht klar ‘rüber, was Ursache und Wirkung war. Zünden sie erst die Gebäude an oder ist das Anzünden durch Demonstranten die Reaktion auf etwas? Jetzt im Nachhinein wurden viele Bücher über Syrien geschrieben, wenn auch nicht so viele über die Anfänge.

 

V: Wie ist dein persönlicher Bezug zu Syrien? Warst du schon mal dort bzw. willst du hin?

Scherer: Persönlich habe ich eigentlich keinen Bezug. Ich kenne aber Spezialisten, die dort viel Zeit verbracht haben und mir wertvolle Informationen gegeben haben. Aber persönlich war ich noch nie in Syrien. Mich würde es interessieren, aber ich denke, jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt. Ich lerne auch gerade Arabisch, aber es ist eine sehr schwierige und anspruchsvolle Sprache.

Karten im Buch “Das Echo der Straße” von Janine Scherer. Karte: Janine Scherer/Alexej Volkov. Foto: Amrei Wesinger

 

V: Als ich dein Buch gelesen habe, war ich überrascht, wie modern und fortgeschritten Syrien vor dem Konflikt war. Wissen über die Kultur und die Geschichte von Syrien ist wenig verbreitet in Deutschland. Was hat das für Auswirkungen? Was hat das für Konsequenzen für das allgemeine deutsche Bild über Syrien?

Scherer: Mir kommt es immer so vor, als würde man in Deutschland denken, man wäre in einem der besten Länder der Welt und alles andere ist automatisch sehr viel schlechter. Mit dieser Einstellung geht der Leser an das Thema und denkt „Ach ja das ist schon wieder so ein diktatorisches Land, das nicht so entwickelt ist wie wir“ und da ist man sehr schnell dabei, zu denken, dass, wenn der Diktator weg wäre, es dem Land besser gehen würde. Man macht sich es dadurch zu einfach und hat ein falsches Bild. Sehr viele Länder sind höher entwickelt als man denkt, sie haben einfach ein anderes System. Gerade bei sozialistischen Systemen ist Gleichberechtigung und Bildung sehr wichtig. Syrien war eigentlich vor diesem Bürgerkrieg ein sehr schönes Land. Es wäre gut, wenn sich die Leute ein bisschen mehr informieren, aber es ist auch schwierig, gerade über solche Themen etwas zu finden. Wenn sich die Leute bewusst wären, dass Syrer und Syrerinnen aus einem hochentwickelten Land kommen, dann wären die Leute auch nicht dazu geneigt, sich gleich aufhetzen zu lassen.

 

V: Was hat der Staatspräsident Baschar Hafiz al-Assad deiner Meinung nach falsch gemacht?

Scherer: Es gibt immer islamistische Strömungen in einem islamischen Staat. In einem mehr, in dem anderen weniger. Die Assads waren ziemlich bemüht, das zu unterdrücken. Nach dem 11. September hat es einen Boom der Islamisten gegeben. Sein Fehler war, dass er sich nicht für eine Linie entschieden hat. Entweder er tritt ab, oder er schlägt die Demonstration nieder. Beide Entscheidungen jedoch sind nicht die perfekten Lösungen. Sein Vater war mit etwas Ähnlichem konfrontiert, er hat die Stadt Hama umzingelt und den Aufstand niedergeschlagen mit 10.000-20.000 Toten [Anmerkung der Redaktion: Angaben reichen von 10.000 bis 40.000 Tote (1)]. Das ist nicht schön, und man könnte es in der heutigen Zeit auch nicht mehr machen, weil dann der Westen sofort interveniert. Selbst wenn es Terroristen waren, was man hier jetzt schwer sagen kann. Ich weiß auch nicht, was da die richtige Lösung gewesen wäre. Der letzte Schah des Iran hatte auch die gleiche Situation und er ist abgetreten. Zu was hat es geführt? Die Islamisten haben die amerikanische Botschaft gekidnappt, haben 200 Hinrichtungen durchgeführt. Der Iran öffnet sich so langsam wieder, aber man hat dann eben eine Mullah-Diktatur, was auch nicht schön ist. Also wie hätte er reagieren sollen? Hätte er den Aufstand niederschlagen sollen? Im Nachhinein kann man vielleicht sagen ja, aber dann hätte es auch wieder Tote gegeben.

 

V: Du sagst in deinem Buch, dass der Syrienkonflikt sich nicht nur innerhalb des Landes entwickelt hat, sondern dass es im Mittleren Osten Tradition ist, Oppositionelle aus den Nachbarländern aufzunehmen und Aufständische zu sponsern und auszubilden. Was hatte das für einen Einfluss auf den Konflikt?

Scherer: Das ist ein sehr wichtiger Faktor und hatte definitiv eine Auswirkung auf den Konflikt. Die Aufhetzung von außen geht vor allem über Propaganda in der katarischen Zeitschrift Al Jazeera, teilweise mit Fälschungen oder zumindest einseitiger Berichterstattung, die man auch nachgewiesen hat. Noch eine weitere Sache waren die Waffenlieferungen von außen. Ohne die Waffenlieferungen hätte der Konflikt so nicht ausbrechen können, aber das ist eben das Problem. Die Grenzen, die durch die Wüsten laufen, kann man gar nicht kontrollieren und abschirmen, darüber kommen dann die Waffen. Vor allem durch die Türkei. Die einzige Grenze, die einigermaßen dicht ist, ist die zum Libanon. Ohne diesen Einfluss wären die Demonstrationen im Sand verlaufen. Ich meine, man kann es nicht wissen, aber ich halte es für wahrscheinlich.

 

V: Wie sieht die Zukunft für Syrien aus?

Scherer: Im letzten Jahr hat sich ziemlich viel getan, viele Bereiche wurden durch Assad wieder zurückerobert. Eigentlich ist alles mehr oder weniger unter Kontrolle. Nur Idlib nicht, da sitzen die moderaten Rebellen und die Nachfolgeorganisation von Al-Qaida. Ich denke, dass der Bürgerkrieg beendet ist, aber wie lange das noch dauert, noch weiterschwillt in Idlib, ist eine gute Frage. Und jetzt in den letzten Tagen marschiert auch noch Erdogan ein in diesen Bezirk und bringt Unruhe in die ganze Sache, unter dem Vorwand, die Kurden in Syrien hätten ‘was mit der PKK [Anmerkung A. W.: kurdische, sozialistisch ausgerichtete militante Untergrundorganisation innerhalb der Türkei] zu tun. Ich denke die Flüchtlinge, zum Beispiel im Libanon, werden wieder nach Syrien zurückkehren. Flüchtlinge, die nach Deutschland oder Europa gekommen sind, denen wird an der Grenze das Geld abgenommen, um den Aufenthalt in Flüchtlingslagern zu finanzieren. Wenn jemand in ein fremdes Land flieht und alles aufgibt und hier ein neues Leben aufbauen will, wird er wahrscheinlich nicht zurückkehren. Es sind ganze Städte dem Erdboden gleichgemacht, also wo soll man da mit dem Aufbau anfangen? Assad hat immer gesagt, sie sollen zurückkommen, aber wie viel das bringt, weiß ich nicht.

 

V: Wie sieht deine Zukunft aus?

Scherer: Im Moment bin ich freischaffende Autorin, ich habe vor, Romane zu schreiben. Vielleicht schreibe ich auch ein Buch über Iran. Ich denke, über Syrien gibt es nicht mehr so viel Neues zu schreiben, deswegen glaube ich, dass ich Neuigkeiten aus Syrien eher auf meinem Blog veröffentlichen werde.

 

Von Amrei Wesinger

 

(1): Amnesty International spricht im Jahresbericht 1983 (über das Jahr 1982) von der unüberprüfbaren Angabe von 10.000 Toten. Scherer zitiert in ihrem Buch Amnesty International mit einer Schätzung von 10.000 bis 25.000 Tote. Weitere Quellen gehen von etwa 20.000 Toten (taz / Helberg / 2012) beziehungsweise zwischen 10.000 und 40.000 Toten (Zeit / Speckmann / 2012) aus.

 

“Das Echo der Straße. Eine Analyse der Wurzeln des Syrienkonflikts” erschien 2017 im Taugenichts-Verlag. 168 Seiten. 12,95€ / 5,95€ als E-Book.

Vorschaubild dieses Beitrags: Cover des Buchs: Simone Stricker/Anna Reußwig

 

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