Let’s Talk: Politik am Wohnzimmertisch

Politische Diskurse und Entscheidungen finden immer öfter in Hinterzimmern statt. Im alltäglichen Leben und in der öffentlichen Debatte geht es häufig nicht um Inhalte, sondern um Ämter und Personalien. Die Initiative Let’s Talk will das ändern und die Politik wieder an den Wohnzimmertisch bringen. Ein Interview mit Kai Klede von Let’s Talk.

 

V: Was ist Let’s Talk eigentlich?

Kai Klede: Let’s Talk bietet eine Plattform, wo wir alle Menschen aus allen Milieus und auch über alle politischen Grenzen hinweg dazu einladen, über gesellschaftliche Themen zu reden. Wir vertreten dabei nicht eine politische Richtung, sondern wollen alle politischen Lager zusammen an einen Tisch bringen.

Wir wählen dabei Themen, die eine gesellschaftliche Relevanz haben, aber vielleicht nicht im Fokus der Medien stehen. Wir wollen eher einen neuen Blickwinkel in die Debatte bringen, wie zum Beispiel bei unserem ersten Thema, da ging es um Lobbyismus. Bei der Veranstaltung selbst arbeiten wir an Lösungen und beobachten nicht nur den Status quo.

 

Du hast jetzt ja beschrieben, wie das Format aufgebaut ist. Was ist euer Ziel mit Let’s Talk?

Ich kann ja mal erzählen wie wir zu der Idee gekommen sind. Das war bei der letzten Bundestagswahl. Da saß ich zu Hause bei meinen Eltern vor dem Fernseher, die Wahlergebnisse kamen an, wir waren ein bisschen überrascht von den Ergebnissen und im Fernsehen ging es dann um Ampeln und um Jamaika.

Um eines ging es aber nicht, und zwar um Inhalte. Dann sah man Anton Hofreiter und mein Papa sagte „Der hat ne unmögliche Frisur“ und da fiel mir dann irgendwie auf: ja, wir sind auch nicht besser. Deshalb haben wir dieses Gesprächsformat gegründet, in dem wir über Inhalte reden können und nicht so sehr über politische Köpfe.

Wenn man sich die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl ansieht, dann zeigt sich, dass diese seit 2009 jedes Mal gestiegen ist. Wir glauben, dass politisches Potenzial da ist und das wollen wir nutzen, um an Lösungen zu arbeiten. Wir wollen die Demokratie wieder an den Wohnzimmertisch holen.

Viele Fragestellungen werden in Ausschüssen diskutiert, in denen Experten in Hinterzimmern Lösungen erarbeiten. Wir glauben aber, dass es auch andere Wege geben könnte und dass gute, neue Lösungsideen entstehen können, wenn sich viele Menschen gemeinsam hinsetzen und diskutieren – am Wohnzimmertisch oder eben bei Let’s Talk.

 

Wie laufen denn eure Veranstaltungen ab?

Wir haben ein dreistufiges Modell. Wir fangen mit einem allgemeinen Informationsteil an, bei dem wir erstmal über das Thema informieren, damit alle auf dem gleichen Stand sind. Wir versuchen dabei nicht nur Bekanntes zu wiederholen, sondern auch neue Aspekte herauszugreifen, damit es für alle Leute interessant ist – sowohl für die, die sich schon sehr viel mit dem Thema beschäftigt haben, aber auch für die, die vielleicht zum ersten Mal mit dem Thema in Berührung kommen.

In der zweiten Stufe machen wir eine Gruppenarbeitsphase. Da hatten wir bei der Veranstaltung zu Lobbyismus Texte konkret zum Cum-Ex-Skandal ausgeteilt. Die Texte werden dann in den Gruppen bearbeitet.

In der dritten Arbeitsphase versuchen wir dann, Lösungen oder Lösungsansätze, die in den Gruppen entstanden sind, gemeinsam zusammenzutragen und eine gemeinsame Handlungsoption zu finden: Wenn ich teilgenommen habe und mich das Thema gepackt hat, was kann ich morgen machen, um weiter daran zu arbeiten?!

 

Du hast ja gesagt, dass ihr immer lösungsorientiert vorgeht und am Ende auch zusammen ein Ergebnis erarbeiten wollt. Wie könnte so ein Ergebnis denn aussehen?

Das sind zwei Komponenten. Das eine ist diese Lösungsorientierung. Beim Lobbyismus haben wir zum Beispiel verschiedene Vorschläge von LobbyControl e.V. diskutiert. Da ging es zum Beispiel um eine legislative Fußspur, also dass man nachvollziehen kann, woher welche Passagen eines Gesetzes kommen, wer diese vorgeschlagen hat, ob das beispielsweise eine Lobbygruppe war oder die Passage selbst von dem Ministerium verfasst wurde. Das ist die Komponente Lösungsorientierung.

Die Komponente Handlungsoption war dann konkret im Lobbyfall zu der Frage, wie man für die Lösungen, die wir gemeinsam als sinnvoll identifiziert haben, mehr Aufmerksamkeit generieren kann.

 

Die nächste Veranstaltung von Let’s Talk dreht sich passend zur Europawahl um Europa. Warum ist das für euch ein wichtiges Thema und was wollt ihr gemeinsam mit den Teilnehmer*innen diskutieren?

Wir behandeln die Szenarien für Europa, die die Juncker-Kommission erarbeitet hat. Das sind fünf Szenarien zur Zukunft Europas, zum Beispiel sowas wie ein Europa der zwei Geschwindigkeiten oder eine Beschränkung nur auf den gemeinsamen Wirtschaftsraum. Es handelt sich also um verschiedene Szenarien, die man verwirklichen könnte. Wir glauben, dass es gerade vor der Europawahl wichtig ist, dass jeder einzelne Bürger Europas eine klare Vision von Europa hat. Deshalb glauben wir, dass es wichtig ist, über die Zukunftsszenarien für Europa zu reden.

Wir werden uns dann auch verschiedene Teilaspekte ansehen, zum Beispiel die Arbeitswelt – wie beeinflussen die Szenarien meinen Arbeitsplatz, wie beeinflussen sie die digitale Infrastruktur und so weiter. Damit man sich ein bisschen die verschiedenen Möglichkeiten vorstellen kann und eine Idee bekommt, wie es mit Europa weitergehen könnte.

Let’s Talk ist aber explizit keine Wahlveranstaltung, wir stellen nicht das Parteiprogramm von irgendwelchen Parteien vor, sondern es geht wirklich nur um die Arbeit der europäischen Kommission im Allgemeinen.

 

Welche Themen findet ihr noch spannend, die vielleicht in Zukunft noch von euch thematisiert werden?

In der engeren Auswahl war auch die VGN und der öffentliche Nahverkehr. Letztendlich haben wir uns wegen der Aktualität für Europa entschieden. Aber das Thema öffentlicher Nahverkehr und VGN werden wir sicher in einer zukünftigen Veranstaltung behandeln. Wir glauben, dass sich das Thema sehr gut eignet, weil es erstens gesellschaftliche Relevanz hat, zweitens, weil sich dort auch sehr konkrete Handlungsoptionen ergeben und drittens, weil es viele auch praktisch betrifft und daher auch interessiert.

 

Am 23.05.19 findet passend zur Wahl zum EU-Parlament am kommenden Wochenende die Let’s Talk-Veranstaltung „Let’s Talk About Europe“ statt (ab 18.30 Uhr, KH 0.011). Die Teilnahme ist kostenlos.

 

Ein Interview von Eric Hartmann