Arena: Sorry not Sorry

Sorry not sorry – wenn Kunst bewegen soll, dann doch auch Inhalte vermitteln! Die Performance schwankte zwischen Selbsterfahrungstrip der Darsteller und dem Versuch, Themen um Sexualität, Schuld und Sünden durch Körpereinsatz und -präsenz ästhetisch und symbolisch zu vermitteln.

 

Performance “sorry not sorry”. Foto: Tim Lassmann

Ein Unterfangen, dem Respekt zu zollen ist – der Anspruch nämlich hoch gesetzt: Es sollte eine Performance sein, die das Erbe und die Konsequenzen biblischer Lehren bezüglich Sexualität in der heutigen Gesellschaft in Frage stellt. Zeitgenössisches spirituelles Bewusstsein und Geschlechteridentität stehen im Fokus.

Jedoch gelingt der Spagat zwischen ästhetischen Eindrücken und zu vermittelnden Inhalten nicht. Die provokante Sinnfrage ist zu stellen: Reicht es der Kunst, lediglich ihre Audienz emotional zu bewegen und nur Diskussionen anzuregen – sei es durch Ästhetik oder Worte – oder muss sie ihr Game emporheben und zugleich Inhalte, Fakten, Sachbestände liefern, sodass nicht nur Diskussionen angeregt, sondern Meinungen gefestigt werden, die auch den politischen Diskursen sachlich standhalten? Das ist eine offene Frage.

Performance “sorry not sorry”. Foto: Tim Lassmann

 

Sorry not sorry – Gray Box, Budapest – Berlin

Die Künstler, die das Kollektiv Gray Box 2014 in Berlin gründeten, stammen ursprünglich aus Budapest. Im Talk Art erzählen sie, dass sie ihre Performance niemals in Budapest aufführen könnten, da ihre Bewegungen zu sexuell aufreizend seien, zu provakant und besonders nicht dem Bild von der klassischen, kirchlichen Liebesvereinigung zwischen Mann und Frau der Kirche entsprächen. Noch immer hat Ungarn also ein Problem mit einem offenen Umgang um Geschlechtsidentitäten. In Deutschland – in Berlin, Frankfurt oder auch Erlangen – sehe ich positive Entwicklungen, was die Rechte von Homosexuellen (und anderen Geschlechtsidentitäten) und ihrer Akzeptanz in der Öffentlichkeit betrifft.

Rollen wir den Fall auf: Welches Bild von Sexualität hat uns die Kirche hinterlassen und welche Konsequenzen haben wir bereits gezogen? Die Vereinigung von Mann und Frau in der Ehe galt als das Idealmodell menschlicher Beziehungen, dass durch die Kirche propagiert wurde. Vokabeln, wie Schuld, Unschuld und Sünde waren in Verbindung mit Sexualität gesetzt.

Performance “sorry not sorry”. Foto: Tim Lassmann

Der Einfluss der Kirche ging so weit, dass christliche Teenager in Amerika und Europa mit Parolen wie „wahre Liebe wartet“ gegen die eigene Lust auf Sex vor der Ehe kämpften. Auch Homosexuelle und andere Gedanken zur Geschlechtsidentität wurden unterdrückt. 1957 entschied in der BRD das Verfassungsgericht, dass die Strafbarkeit männlicher Homosexualität verfassungskonform, d. h. mit dem Grundgesetz, vereinbar sei. Erst 1968 wurde in der DDR und ein Jahr später in der BRD gleichgeschlechtlicher Verkehr zwischen erwachsenen Männern entkriminalisiert. (Warum hier nie die Sprache von weiblicher Homosexualität war, zeigt die Rückschrittlichkeit der Debatten um Sexualität in der Zeit.)

Kirchliche Gruppierungen, die für die Gleichberechtigung eintraten, bildetet sich sogar noch später: 1980. Nichtsdestotrotz hatte die Aufhebung des Verbotes von gleichgeschlechtlichem Sex zur Folge, dass sich 1970 erste offene, politische Schwulenbewegungen bildeten.

Die Fragen um eine Zulässigkeit gleichgeschlechtlicher Ehen traten bald in den Vordergrund, jedoch war eine Lösung in Deutschland noch weit entfernt. Dänemark war das erste Land der Welt, das 1989 die eingetragene Lebenspartnerschaft einführte. Im August 1992 stellten rund 250 Homo-Paare in Deutschland einen Antrag auf Eheschließung. Das Bundesverfassungsgericht sollte darüber entscheiden und erklärte, dass die „Geschlechtsverschiedenheit zu den prägenden Merkmalen der Ehe“ gehört. Jedoch lies das Gericht eine Hintertür offen, indem sie in Aussicht stellte, dass, falls ein Wandel im Eheverständnis festzustellen wäre, die Gesetze um die Ehe geändert werden würden.

Performance “sorry not sorry”. Foto: Tim Lassmann

Deshalb ging es in den folgenden Jahren grundlegend darum, diesen Wandel im öffentlichen Verständnis von Ehe und Liebe aktiv herbeizuführen. Ein erster gesetzlicher Schritt hin zur Ehe für alle war das Lebenspartnerschaftsgesetz 2001. Jedoch waren Ungleichbehandlungen zwischen Lebenspartnerschaft und Ehe zu verzeichnen, wogegen erneut geklagt wurde. Einige Kammern des Verfassungsgerichtes verweigerten jedoch eine Angleichung der rechtlichen Situation für gleichgeschlechtliche Paare.

Um es abzukürzen: Erst am 30. Juni 2017 gelang ein Durchbruch auf Grund politischen Drucks auf CDU/CSU und der Bundestag stimmte für den Gesetzesentwurf, der die Ehe gleichgeschlechtlicher Paare legitimierte. Eine lang erkämpfte und längst überfällige Entscheidung und ein bedeutender Schritt zur Gleichberechtigung. Was sagt uns das?

Performance “sorry not sorry”. Foto: Tim Lassmann

Einerseits zeigt es die Relevanz für solche Kunstprojekte wie sorry not sorry nicht nur in Ungarn, sondern auch in Deutschland, andererseits jedoch auch, wie sich die Performance selbst limitiert: Zwar stellt die Performance nicht eine solche Provokation wie in Ungarn dar und trägt gleichsam in Deutschland nicht die Last der Notwendigkeit, radikal für Rechte um Gender zu kämpfen, jedoch gilt es, das Bewusstsein für Genderidentität kontinuierlich durch Kunst am Leben zu erhalten.

Inhaltliche Debatten müssen ständig angestoßen werden. Die Relevanz der Performance ist also gegeben. Aus meiner Perspektive limitiert sich Gray Box in ihrer Umsetzung jedoch selbst: Kunst sollte sich nicht in ihrer Selbsterfahrung erschöpfen, sondern vielmehr soll das eigene künstlerische Schaffen in all seinem Genuss eben die richtigen Fragen stellen und vielleicht auch Antworten liefern.

Das Team versucht Schuld, Leid und Schmerz, aber auch Unschuld, Freude und Erlösung authentisch und ästhetisch darzustellen und überlässt es den Zuschauern, verschiedene Symbole, wie Rosen, Gummibärchen und Konfetti, im Zusammenspiel mit ihren Körperbewegungen zu deuten. Rauschende Technoklänge und sakrale chorische Gesänge unterlegen die Körperperformance.

In dieser ästhetischen Hinsicht ist es ein intensives Erlebnis, das für jeden Performanceliebhaber einen Besuch wert ist. Abseits davon fehlen jedoch klare Punkte der Gesellschaftskritik, wie auch eine Vision, die vermittelt wird, eine Vision, die abseits von Provokation Brücken baut und Türen öffnet oder radikal kritisiert. Oder ist der Kampf um Gender etwa schon gewonnen?

In Ungarn, in dem erst seit Juli 2009 per Gesetz die eingetragene Lebenspartnerschaft legitimiert ist, wie auch in Deutschland, sollten diese klaren Linien der Kritik gefunden und durch Kunst vermittelt werden. Falls nicht die nötigen Strukturen für Kritik bereitgestellt werden, sind die Politik und die zuständigen Institutionen radikal in Frage zu stellen.

Mut zur Klarheit ist in jedem Fall in einer Demokratie unerlässlich, da klare Linien der Konfrontation das Fundament für einen Diskurs der Veränderung zwischen Verständnis oder Ablehnung bilden. Angesichts der Relevanz des Themas um Anerkennung von Geschlechtsidentitäten ist deshalb eine erneuerte, klare Gesellschaftskritik zu fordern.

 

Von Arena / Felix Reiter

Redaktion: Öffentlichkeitsarbeit Arena / Julia Joppich und V – das Studimagazin.

Die Festivalzeitschrift von Arena… of the young arts, das diese Woche stattfindet, erscheint auf unserem Onlineblog. Ihr lest alle Artikel hier.