„What a way to make a living“: Die Entlohnten – eine Koproduktion

Wer die Produktion “Soldaten” im letzten Jahr miterlebt hat, der wundert sich nicht, wenn er nach Betreten des Spielortes als erstes ein Formular zum Ausfüllen überreicht bekommt. Immerhin haben die Künstler dieses „Gesellschaftsspiels“, für die sie den ARENA-Festivalpreis und den Koproduktionspreis verliehen bekamen, dieses Projekt angeleitet. Nur werden mit diesem Formular keine „Soldaten“ rekrutiert.


Nein, auf diesem Formular stehen ein paar Fragen zur „Hauptbeschäftigung“ jedes Befragten, darunter auch, wie gut die persönlichen Fähigkeiten zum Tragen kommen und was die heimliche Traumbeschäftigung wäre. Wie außergewöhnlich freundliche Beamte, händigen Johannes und Mara, zwei der vier Darsteller, sie zusammen mit einem Stift aus. Die anderen zwei, Franziska und Benjamin, tanzen und singen zeitgleich (im Loop) davon, wie sie aufstehen, versuchen, wach zu werden, und „9 to 5“ arbeiten.

Sie lassen davon nicht ab, bis alle Besucher anhand der Formulare auf vier Tische verteilt sind. Auf denen liegen beschriebene Zettel verstreut. Später erzählt mir Johannes, dass es sich dabei um Aufzeichnungen aus der Recherchephase des Projekts handelt. Dann dürfen die Teilnehmer erstmal rechnen: Die Summe aus Arbeitsweg in Minuten, Zahl der Treppenstufen zur Toilette am Arbeitsplatz, Schlucke Kaffee pro Stunde, Tage blau gemacht pro Jahr, Kugelschreiberverbrauch pro Jahr und abschweifende Gedanken pro Stunde. Das Ganze wird geteilt durch Stunden Arbeit pro Woche. Dann ermittelt jeder Tisch seinen Mittelwert aus diesen Zahlen. Was der bedeutet? Keine Ahnung, ist aber auch vollkommen irrelevant. Franziska rechnet auf einem Plakat vor, warum „Leistung = frei“ mathematisch korrekt ist. Benjamin schreddert währenddessen mit viel Freude die zuvor ausgefüllten Formulare in einem Aktenvernichter.

Foto: David Krohne

Im Brainstorming zum Thema „Lohn“ wählt jeder Tisch ein „Kraftwort“, so zum Beispiel „Belohnung“, „schuften“, „Job“ und „Wert“. Zum Hintergrundgeräusch eines leisen Tickens erklärt Benjamin kurz die Ideen der Koproduktion: Sie hätten sich mit Arbeit und Menschen in Lohnverhältnissen beschäftigt, verschiedene Berufstätige bei ihrer Arbeit begleitet – darunter zum Beispiel Bestatter, Fußpfleger und Servicekräfte – und sich dann entschieden, sich frei zu machen von dem Druck, ein Ergebnis präsentieren zu müssen. Alle Anwesenden sollen lieber „glücklich beschäftigt“ sein.

So kommt es, dass alle Teilnehmer mit einem der Darsteller Zeit verbringen – ganz ohne dabei irgendetwas zu produzieren. Es gibt Schokolade, Mate, Pfeffi und Nüsse. Eine Gruppe singt, eine andere macht eine Traumreise, wieder eine andere redet in einer mit Decken und Kissen ausgelegten Ecke des Raumes darüber, Kaffee aus Sektgläsern zu trinken und beim Fasten ein bisschen zu schummeln. Nach einigen Minuten versammeln sich alle in einem Kreis in der Mitte des Raumes und lassen die vergangene, gemeinsame Zeit kurz Revue passieren.

Foto: David Krohne

Mit „Die Entlohnten“ haben die Künstler von „Soldaten“ – das sind Fabienne Fecht, Jonas Feller und Tobias Gralke – nicht nur das Konzept von Arbeit und Lohn hinterfragt, sondern auch den Begriff „Koproduktion“. Wer produziert hier eigentlich was für wen? Wo produziert man im Theater? Kann das Publikum nicht auch mitproduzieren? Ganz klar, ja! Das haben sie schon 2018 sehr eindrücklich gezeigt und mit „Die Entlohnten“ nochmal doppelt und in fett unterstrichen.

 

Von ARENA/Svenja Plannerer

Die Festivalzeitschrift von Arena… of the young arts, das diese Woche stattfindet, erscheint auf unserem Onlineblog. Ihr lest alle Artikel hier.