Contemporary Muslim Fashion – Viel mehr als nur Kopftuch!

Unsere Autorin schreibt über die Ausstellung – und was sie an der Medienkritik dazu ärgert.

 

In der Ausstellung ist vielfältige Kleidung zu sehen. Foto: Sabrina Ahmed

 

Vor einiger Zeit besuchte ich eine Freundin in Frankfurt. Als Studentin der Nahostwissenschaft nutzte ich natürlich die Gelegenheit, die Ausstellung „Contemporary Muslim Fashion“, die noch bis zum ersten September im Museum Angewandte Kunst zu sehen ist, zu besuchen.

Die Ausstellung wurde von Max Hollein in San Francisco erarbeitet und ist nun als erste Station in Europa in Frankfurt angesiedelt. Auf der Website des Frankfurter Museums ist die Ausstellung als Modeausstellung betitelt, die „…die vielfältigen, in diesen unterschiedlichen Ländern [Länder des Nahen und Mittleren Ostens, Malaysia, Indonesien, Europa und USA ] regional geprägten aktuellen Interpretationen muslimischer Bekleidungstraditionen in den Blick [nimmt] und dabei nicht nur regionale Besonderheiten [zeigt], sondern auch die Gemeinsamkeiten sichtbar [macht].“

Und dies wird schon beim Eintritt in die ersten beiden Räume der Ausstellung deutlich. In dem einen sind Puppen in schwarzen und weißen Gewändern zu sehen. Eine Puppe trägt eine weiße Gebetskleidung, die aus einem weiten Kleid und einer Kopfbedeckung, die bis auf die Höhe der Fingerspitzen reicht, besteht. Daneben ist eine Puppe in einem enger geschnittenen, schwarz-weißen Kleid und ohne Kopfbedeckung.

 

Mit Kopfbedeckung und ohne Kopfbedeckung. Foto: Sabrina Ahmed

 

In dem anderen Raum tragen die Puppen eine Art Sweatshirt-Kleid mit verschiedenen Graffitidrucken. Je weiter man sich in der Ausstellung vorarbeitet, desto deutlicher wird die Vielfalt der sogenannten „Modest Fashion“, was übersetzt so viel wie „bescheidene, mäßige Mode“ bedeutet.

„Modest Fashion“ beschreibt den Trend hin zu einer dezenteren und weniger körperbetonten Mode, bei der nicht viel Haut gezeigt wird. Sie muss allerdings nicht zwingend islamisch oder muslimisch sein.

In den nächsten Räumen reihen sich Kleider, Hosenanzüge, Röcke und Oberteile in den verschiedensten Formen, Farben und Stilen. Von traditionellen Hochzeitsgewändern, über Gewänder in afrikanischen Mustern bis hin zu einer Bomberjacke, die auf dem Rücken die amerikanische Verfassung in arabischer Schrift aufgedruckt hat, scheint die Vielfalt keine Grenzen zu kennen.

Der Nebenraum beschäftigt sich mit der globalen „Modest Fashion“ die mittlerweile auch von den etablierten Modelabels, wie Dolce & Gabbana oder Karl Lagerfeld, für sich entdeckt wurde. Doch der Fokus der Ausstellung liegt auf Designer*innen aus der Region, in der „Modest Fashion“ ihren Ursprung fand. Und das ist auch gut so.

Westliche Modelabels beginnen bereits, „Modest Fashion“ als ihre Erfindung zu präsentieren, was unter keinen Umständen der Fall ist. So erntete beispielsweise Nike viel Kritik für die angebliche Erfindung eines Sport-Hijab (Sport-Kopftuch). Designer*innen aus muslimisch geprägten Ländern hatten jedoch bereits schon vor Nike Sport-Hijabs designt und vermarktet.

 

Foto: Sabrina Ahmed

 

Obwohl die Vielfalt in jedem Raum präsent und nicht zu übersehen ist, wurde die Ausstellung im Vorfeld leider wieder einmal auf ein einziges Detail reduziert: das Kopftuch. Die vermeintliche Feministin Alice Schwarzer wettert in ihrer Zeitschrift Emma gegen die Ausstellung und bezeichnet sie als Schleierausstellung und einen Skandal.

Schwarzer ist bekannt für ihre kritische Haltung gegenüber dem Islam und unterstellt muslimischen Frauen, die sich verschleiern, sich unterdrücken und von Männern fremdbestimmen zu lassen. Das Kopftuch wird in regelmäßigen Abständen in der Emma als Symbol des fundamentalistischen politischen Islams verteufelt.

Doch auch in der Süddeutschen Zeitung (SZ) wurde kritisiert, dass die Ausstellung den „Zwangscharakter“ der muslimischen Mode, der in einigen Ländern der Welt vorherrscht, außer Acht lässt. Es wird behauptet, dass Millionen Frauen keine Wahl haben, wenn es um das Tragen eines Kopftuches geht.

Foto: Sabrina Ahmed

Bei mir lösen diese Positionen Enttäuschung aus. Ich frage mich, ob Alice Schwarzer oder die Autorin der SZ in der Ausstellung waren und sich die ausgestellten Stücke dort wirklich angesehen haben. Dann wäre ihnen vielleicht aufgefallen, dass ungefähr die Hälfte der Puppen überhaupt keine Kopfbedeckung tragen. Denn darum geht es bei „Contemporary Muslim Fashion“ gerade nicht.

Es ist eben keine reine „Schleierausstellung“, sondern eine Ausstellung, die die Vielfalt der Mode präsentiert und dazu gehört die Option Kopftuch genauso wie die nicht-verschleierte Version.

Ich möchte auch nicht abstreiten, dass es in einigen muslimisch geprägten Ländern einen Zwang zur Verschleierung gibt. Allerdings wird bei den Debatten in Deutschland nur allzu gerne übersehen, dass dies die Ausnahme und nicht die Regel ist. Viel zu oft werden Saudi Arabien oder der Iran als stellvertretende Beispiele für die gesamte Region genommen, was schlichtweg falsch ist. Diese Länder sind vielmehr Extrembeispiele – und negative noch dazu.

Des Weiteren sollte man nie aus den Augen verlieren, wer die Zielgruppe der Ausstellung ist. Die Ausstellung richtet sich an ein westliches Publikum, das vermutlich bisher wenig Kontakt zur muslimischen Kultur hatte. Das Ziel ist es, meiner Meinung nach, westliche Vorurteile abzubauen und deutlich zu machen, dass muslimische Mode mehr als nur Kopftücher, Gesichtsschleier und lange schwarze Gewänder ist.

Keinesfalls hat die Ausstellung den Anspruch, unterdrückte Frauen in anderen Ländern von ihrem Kopftuchzwang zu befreien. Sie dafür zu kritisieren, den „Zwangscharakter“ des Kopftuches, wie er in wenigen Ländern besteht, nicht zu thematisieren, spiegelt das postkoloniale Denken, das immer noch die europäischen Debatten über andere Kulturen prägt, wider.

Ein Teil der amerikanischen Verfassung auf einer Jacke. Foto: Sabrina Ahmed

Es ist nicht die Aufgabe einer Alice Schwarzer, Frauen in anderen Ländern nach ihren westlichen Maßstäben und Konzepten von Feminismus zu beurteilen. Und es ist nicht und darf auch nie die Aufgabe einer in den USA entwickelten und in Deutschland präsentierten Ausstellung sein, Frauen anderer Kulturen zu „befreien“. Vielmehr ist dies die Aufgabe der Frauen dort. Und dem sind sich diese Frauen auch bewusst.

Zum Beispiel zeigt die Ausstellung das Bild einer iranischen Frau, die bei Straßenprotesten ihr Kopftuch abnahm und als weiße Fahne über ihrem Kopf schwang. Leider dringen Geschichten wie diese viel zu selten bis nach Deutschland vor. Das deutsche Verständnis der arabischen Welt und des Islams ist dominiert von Geschichten über Krieg, Terror und Unterdrückung.

Dass es dort Frauen gibt, die sich für ihre Rechte einsetzen und dafür kämpfen, wird ignoriert. Menschen wie Alice Schwarzer, die das Kopftuch immer wieder in Verbindung mit dem fundamentalistischen Islam bringen, erschweren den Frauen den Kampf für ihre Freiheit, anstatt sie zu unterstützen. Indem sie ein stigmatisiertes Bild des Islams schaffen, das auf Vorurteilen und falschen Behauptungen basiert, reduzieren sie die Region und die dort lebenden Frauen auf ein einziges Bild: Das der unterdrückten muslimischen Frau.

Die Ausstellung „Muslim Contemporary Fashion” dagegen versucht gerade, dieses stigmatisierte Bild zu wiederlegen. Sie versucht, einer westlichen Gesellschaft, die tagtäglich mit einseitigen Bildern der muslimischen Gemeinschaft konfrontiert wird und eine von kolonialen Vorurteilen geprägte Weltsicht hat, eine Alternative zu bieten und auf zu zeigen, dass die Welt bunt ist und nicht schwarz-weiß. Und dies ist der Ausstellung meiner Ansicht nach exzellent gelungen.

 

Von Sabrina Ahmed

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