Warum die Vernunft uns nicht retten wird

Eine Position, die in den letzten Jahren immer mehr Befürworter*innen hinter sich vereinen konnte, ist, dass die Politik rational und nüchtern betrieben werden soll. Unser Autor sieht das anders. 

 

Den Trumps und Rechtspopulist*innen dieser Welt wird vorgeworfen, Stimmung zu machen und zu emotionalisieren. Der als inakzeptabel angesehenen Emotionalisierung der Politik wird die – angeblich – vollkommene Ratio gegenübergestellt: Das rationale Abwägen von Optionen, aus dem nur eine Option als vernünftige und richtige hervorgehen kann.

Aber was bedeutet Rationalität im Kontext politischer Entscheidungen überhaupt? Was ist eine vernünftige Entscheidung zwischen mehreren Optionen und wodurch wird eine Entscheidung vernünftig? 

Der Begriff der Rationalität wird im Kontext philosophischer Auseinandersetzungen diskutiert. Häufig wird dabei – wie im heutigen Verständnis der rationalen Politik – das Vernünftige den Emotionen und Affekten gegenübergestellt. Die Vernunft erscheint als Höherwertiges, als Ursprung der Moral. Die Affekte hingegen erscheinen als nieder Triebe, die sich der Ratio unterwerfen müssen. 

Der Philosoph David Hume (1711 – 1776) präsentiert in seinem Werk „Ein Traktat über die menschliche Natur“ einen anderen Ansatz. Hume argumentiert, dass die Vernunft nicht zu mehr im Stande ist, als Zusammenhänge zwischen Dingen der Welt zu erschließen. Wenn ich einen Ball loslasse, so fällt er zu Boden. Wenn ich durstig bin und einen Schluck Wasser trinke, so lässt mein Durst nach. Diese Zusammenhänge zu erkennen ermöglicht die Rationalität. 

Die Rationalität aber ist nie in der Lage, eine Motivation hervorzubringen. Lust und Unlust und das daraus resultierende menschliche Wollen und Streben nach bestimmten Dingen ist nie Resultat der Vernunft, sondern stets Resultat von bestimmten menschlichen Affekten.

Die Rationalität ermöglicht es mir vielleicht zu erkennen, dass ich zum Stillen meines Durstes Wasser trinken muss. Die Quelle des Wollens aber sind Emotionen und Affekte. Rationalität ist nur ein Hilfsmittel. Sie zeigt die Mittel auf, die zum Erreichen bestimmter Ziele notwendig sind. Mit den Zielen an sich hat sie aber nichts zu schaffen.

Was aber hat das mit Politik zu tun? 

In der Politik geht es darum, die Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens der Menschen zu legen. Die Frage danach, wie diese Grundlagen aussehen sollten, ist Gegenstand der politischen Auseinandersetzung.

Wenn ein Gesetz erlassen wird, das das Verletzen und Töten anderer Menschen verbietet, so ist dieses Gesetz Ausdruck eines menschlichen Bedürfnisses, eines menschlichen Wollens: Des Nicht-verletzt-werden-wollens. Dieses Wollen ist Resultat der menschlichen Angst vor Verletzung und Tod und der Fähigkeit des Menschen, den Schmerz und die Angst anderer Menschen nachvollziehen zu können.

Ein Wollen aber ist – wie Hume gezeigt hat – stets Ergebnis eines Affekts. Wenn wir ein Gesetz, dass das Verletzen anderer Menschen verbietet, vernünftig nennen, so sagen wir nichts anderes, als dass das entsprechende Gesetz ein adäquates Mittel ist, um unseren Affekten gerecht zu werden und unser Wollen umzusetzen. 

In diesem Sinne basiert jetzt politische Auseinandersetzung und jeder politische Diskurs in letzter Instanz auf nichts anderem, als auf unseren Emotionen, unseren Affekten, unserem Wollen. Auf unserer Empathie für anderen Menschen, unserem Willen zur Selbsterhaltung, unseren Bedürfnissen.

Rationale Politik ist Politik, die die adäquaten Mittel ergreift, um bestimmten Affekten zu ihrer Umsetzung zu verhelfen. Es ist verkürzt, eine rationale Politik zu fordern und den Rechtspopulist*innen vorzuwerfen, zu emotionalisieren.

Das eigentliche Problem ist doch, dass Politik zunehmend nicht mehr auf dem Einfühlungsvermögen der Menschen und deren Gemeinsamkeiten basiert, sondern auf egozentrischen Interessen, auf Zukunftsängsten und Antipathie, auf Volks-Konstrukten, die mit den eigenen Hoffnungen, Ängsten und Sehnsüchten nach Identität gefüttert werden. 

Nicht eine rationale Politik wird die gegenwärtigen Krisen zu lösen wissen, sondern eine Politik, die wieder andere Affekte in den Mittelpunkt stellt: Empathie. Das Bedürfnis, andere Menschen vor Schaden zu bewahren. Den Willen zu Gerechtigkeit. Solidarität. Und die tiefe Überzeugung, dass alle Menschen von Geburt aus eine gleiche und unverletzliche Würde besitzen.

Von Eric Hartmann