Ich lass für dich das (Fern)Licht an – Henrik beim Autokonzert

Unser Reporter Henrik war vor Kurzem zum ersten Mal bei einem Autokonzert dabei – über Stimmung, die “kleinste Moshpit der Welt” und die Gefahr, über Nacht auf dem Platz liegen zu bleiben.

 

Die Corona-Krise stellt alle vor neue Probleme und Herausforderungen, und wie es so schön heißt: Not  macht erfinderisch. Überall in Deutschland finden gerade Autokinos und Autokonzerte statt. Ein Trend aus den USA der 50er Jahre erlebt im Zuge der Hygiene-Vorschriften seine Renaissance in Zeiten von Netflix, Amazon prime und Co.

Bayern 3 veranstaltet unter dem Namen „Auto-Live-Sommer“ in Bayern momentan auf dem Volksfestplatz Ingolstadt eine Art „Festival“ von Autokonzerten, bei denen unter anderem Alligatoah, Sido, Revolverheld, SDP und noch einige mehr auftreten.

Zu Beginn verstreicht wie bei einem echten Konzert erstmal noch eine gute Stunde mit Warten, und trotz zeitigen Erscheinens ist die Band vorne immer noch weit entfernt. Bei knapp 10 Reihen voller Autos ist die Distanz entsprechend größer als wenn man nur in der Menschenmasse steht und da von hinten eigentlich keine*r mehr was sieht, wurden extra Leinwände aufgestellt. Sorgen, dass die Lieblingsstars nicht gesehen werden, muss sich also niemand machen. Dafür ist im Auto genug Zeit einen frisch geholten Döner und was Leckeres vom Asiaten zu genießen, dabei zu sitzen und noch ein wenig zu entspannen. Ein Konzert mit frittierten Shrimps haben wohl die wenigsten vorher erlebt. Wer nichts von zu Hause mitgenommen hat oder unterwegs nichts kaufen wollte, für den gibt es auf dem Gelände einen Lieferservice, der wenige Wünsche offen lässt. Getränke werden von den örtlichen Vereinen aus dem Bollerwagen heraus verkauft und direkt ans Auto gebracht.

Die Stimmung herrscht dafür nahezu nur im eigenen Auto, vor dem Alligatoah-Konzert drehen wir unser Radio ein paar Minuten voll auf und an den Reaktionen der anderen Autos merken wir, dass es eine sehr gute Idee war, für ein bisschen Konzertfeeling um uns rum zu sorgen. Dass dieses „Vorprogramm“ uns später fast zum Verhängnis geworden wäre – dazu am Ende mehr.

Im Auto kann es sich natürlich viel bequemer gemacht werden, als in einer großen Halle, wo sich tausende Leute um die besten Plätze drängeln und es mit der Zeit immer heißer und stickiger wird. Entspannt in Decken kuscheln, Gummibärchen essen und in allen Farben blinkende LED-Streifen runden das Erlebnis sehr angenehm ab. Die diskomäßig blinkende Windschutzscheibe ist so sehr zur Freude von Johannes Strate, dem Frontmann von Revolverheld, dass er unser Auto live erwähnt. Er kann es sich auch nicht nehmen lassen, während des Konzerts von der Bühne zu gehen und zwischen den Reihen der Fahrzeuge einen Song zu performen. Einmal über das gesamte Feld, inklusive Rückfahrt in einem Lastenfahrrad, erzeugen einen Hauch Festivalstimmung, auch wenn viele Fans schweren Herzens in ihren Autos bleiben müssen und keinen persönlichen Moment mit dem Sänger haben können.

Ein Experiment wiederum hat Alligatoah dann mit allen Zuhörer*innen vor: in allen Fahrzeugen soll die „kleinste Moshpit der Welt“ erzeugt werden. Dass es hierbei nicht zu Knochenbrüchen und anderen möglichen Verletzungen eines herkömmlichen Konzertfloors kommt, spricht einerseits für die Autovariante, allerdings ist eine Moshpit oder eine Wall of Death zu dritt auch eher lahm.

Das Konzert selber wird dann über eine lokale UKW-Frequenz gehört, die einfach im Autoradio eingestellt wird und so kann sicher jede*r die Musik so laut machen will, wie er oder sie es möchte. So kommt zwar ohrenbetäubendes Konzertfeeling nur auf, wenn die eigenen Lautsprecher aufs Maximum aufgedreht werden, dafür hört man gar nichts, wenn das Auto mal fürs Klo verlassen werden muss. Und so ein bisschen gehört es ja auch dazu, dass bei einem Konzert laute Musik gespielt wird, das macht ja eben die gute Stimmung aus.

Gejubelt und geklatscht wird nach den Songs mit allen beweglichen und interaktiven Dingen, die ein Auto so mit sich bringt. Licht- und Tonhupe, Warnblinker und Scheibenwischer kommen hier zum Einsatz, doch der ganze Spaß wird durch die Autobatterie, je nach Gebrauch der Gerätschaften und Qualität des Auftritts natürlich, limitiert. Hier gilt generell die Regel: Wer am meisten für Stimmung sorgt, kommt am wahrscheinlichsten nicht mehr ohne fremde Hilfe nach Hause. Zwei Stunden hält die Batterie gut durch, dann wird es aber verdammt knapp. Wenn vorher schon eine dreiviertel Stunde Stimmung für die Autos außenrum gemacht wird, wird es nach hinten raus leiser mit der Musik übers
Radio, weil der Unterspannungsschutz irgendwann alles abriegelt. Bei Alligatoahs „Willst Du“, dem Abschlusstrack, geht das Radio drei Mal aus, und die Fenster können auch nicht mehr elektronisch verstellt werden.

Angesprungen ist es dann auch nur mit freundlicher Hilfe unseres Parkplatznachbarns, der sofort ein
Starthilfekabel zu Hand hat. Mit unserem Problem sind wir nicht die einzigen, pünktlich zum Ende des Konzerts gehen einige Motorhauben auf und es wird fleißig überbrückt. Am Rande ein kleiner Life-Hack, falls ihr auch plant, demnächst in ein Autokino oder -konzert zu gehen: nehmt euch ein Taschenradio und eine Box mit, die ihr über Kabel oder Bluetooth mit dem Radio verbindet. So könnt ihr eure Autobatterie schonen und müsst trotzdem nicht auf (lauten) Musikgenuss verzichten!

Zusammenfassend kann ich sagen: Autoevents sind in Zeiten von Social Distancing auf jeden Fall die beste Möglichkeit, größere Veranstaltungen durchzuführen. Comedians wie Hazel Brugger, Musiker wie Sido oder Nico Santos und andere Künstler*innen haben ihre geplanten Auftritte in Autoshows umfunktioniert und können so ihrem Beruf nachgehen. Im normalen Alltag würde ich mich wahrscheinlich in den meisten Fällen für ein echtes Konzert entscheiden, da die Stimmung einfach besser ist und zwischen all den Fans viel mehr ein „Wir-Gefühl“ entsteht, das im Auto nicht nachzuahmen ist. Es ist aber auch eine wunderbare Erinnerung an das Corona-Jahr 2020, und ich bin froh, sie gemacht zu haben.

 

Bilder und Text von Henrik Hösch