Online-Dating: Seit 4 Tagen auf Tinder

Ich bin cis-Frau, heterosexuell, in meinen 20ern und seit neuestem auf Tinder.

 

Unsere anonyme Autorin über Online-Dating, ob sie sich trotz Patriarchat guten Sex erhofft und welches erste Fazit sie aus den ersten 4 Tagen auf Tinder zieht. Sie erklärt auch, warum sie sich schämt, anonym zu bleiben und Oberflächlichkeit gerade zugleich als Fluch und Segen empfindet.

 

Warum ich bisher kein Tinder hatte

Ich habe mich lange dagegen gewehrt, mir Tinder zu holen. Gegen mich selbst. Ich hatte das Gefühl, dass es “peinlich” wäre, mir “einzugestehen”, dass ich es “nötig” habe, auf Tinder nach Männern zu suchen. Ist es nicht, und das weiß ich auch. Freund*innen haben mich beruhigt, das sei doch heutzutage normal, dass sich Menschen mit Online-Dating kennenlernen.

Definitiv! Mehr hatte ich aber Angst davor, dass unsere Gesellschaft mich als “die hat’s nötig, weil sie wohl gerade keinen abkriegt” abstempelt. Und gleichzeitig “Auf Tinder sucht man ja nur Sex? Was für eine Bitch!” denkt. Doppelmoral und slut shaming haben wir nunmal leider noch lange nicht überwunden.

 

Warum ich anonym bleibe

Eigentlich sollte ich einfach meinen Klarnamen hier drunter schreiben. Ich tue das nicht, unter anderem aus den oben genannten Gründen. Ich widerspreche genau diesen eigentlich selbst. Ich finde, dass ich als junge Frau überhaupt kein Problem damit haben sollte, öffentlich dazu zu stehen, dass ich auf Tinder bin, weil nichts daran verwerflich oder peinlich ist. Weder, dass ich aktuell keinen Freund habe, noch, dass ich nicht weiß, ob ich eine Beziehung, etwas Lockeres oder einen One Night Stand will und gerade nach nichts Bestimmtem suche. Dass ich das offen auf mich zukommen lasse und Tinder gerade einfach als eine Chance sehe, Männer kennenzulernen und dann mal zu sehen. Dass ich auf der Suche nach Körperkontakt, Sex oder Zuneigung bin. Nunja, ich bleibe lieber anonym.

 

Warum ich jetzt online date

Ich weiß nicht einmal, ob ich mir Tinder zum Spaß oder aus Neugier geholt habe oder mir wirklich erfolgreiche Dates erhoffe (da ich es erst seit 4 Tagen habe, hat noch kein Treffen stattgefunden. Ich habe knapp 20 Matches und werde über die Erfolgsquote berichten!). Was auch immer “Erfolg” dann bedeutet. Definitiv ist sehr viel Neugier im Spiel. Vielleicht hat Corona, das es doch deutlich erschwert, Menschen in “real life” entspannt näher zu kommen, den letzten Anstupser geliefert.

 

Mein Zwischenfazit

Was ich aber weiß: Es macht Spaß, es macht fast süchtig. Bzw. hat es das, sodass ich innerhalb von wenigen Tagen leider die komplette Region einmal durchgewischt habe und nun Typen zum zweiten Mal angezeigt bekomme. Vielleicht bekomme ich damit bei den ein, zwei, bei denen ich mir unsicher war, oder als Anfängerin aus Versehen in die falsche Richtung gewischt habe, eine zweite Chance. Beim Rest bin ich sehr gelangweilt 😉 – als Kopfmensch habe ich mir schon meine Gedanken gemacht und die Kerle aus guten Gründen nach links gewischt, warum sollte ich nach 2 Tagen meine Meinung geändert haben!

Mein erstes Fazit nach sehr wenigen Tagen ist auf jeden Fall, dass ich den Eindruck bekommen habe, dass ich recht wählerisch bin und ungewöhnlich viele Männer nach links wische. Dass ich nur Menschen attraktiv finde, die einigermaßen respektvoll mit anderen umgehen können und sich nicht wie der letzte toxische Depp benehmen, war mir vorher bewusst. Dass ich unter gutem Sex verstehe, dass ich daran auch meinen Spaß habe und deswegen den Eindruck haben muss, dass der Kerl ‘ne grobe Ahnung hat, was Frauen gefällt, und nicht nur den eigenen regelmäßigen Spaß mit “erfahren und es voll drauf haben” verwechselt, war mir auch irgendwie klar.

Trotzdem spannend, mal zu erleben, wie schnell ein Chatverhalten, das mehrfach aufgezeigte Grenzen massiv ignoriert und auf mich nur schlecht notgeil wirkt, auch beim heißesten Typen (den ich noch nie in echt gesehen habe) wirklich abtörnend sein kann.

Viele muskulöse nackte Oberkörper zu sehen, hat mich nicht überrascht. Tinder war mir trotzdem eine große Lehre darüber, wie viele außerhalb meiner Blase fette Autos für ultra sexy halten. Und dass das kontinuierliche Wischen durch Ausbrüche toxischer Maskulinität, die ich in dieser Konzentration aus meinem echten Leben – zum Glück! – nicht mehr gewohnt bin, doch sehr anstrengend und unangenehm sein kann.

 

Oberflächlichkeit? Ja bitte!

Vor allem ziehe ich aber das Fazit, dass ich vorerst auf Tinder bleibe. Dass ich es angenehm und völlig gerechtfertigt finde, bei den meisten erst einmal ausschließlich nach dem Äußeren anhand von wenigen Fotos zu gehen.

Eine Freundin hatte mir zuvor Bumble empfohlen, wo bei Matches zuerst die Frauen schreiben müssen und es die Möglichkeit gibt, deutlich ausführlicher Selbstauskunft im Profil zu geben. Ich will aber über die Kerle online noch gar nicht alle Leidenschaften und Eigenschaften wissen, bevor ich sie nicht in echt getroffen habe. Schon gar nicht, bevor ich entschieden habe, wie ich wische.

Wir denken alle massiv in Schubladen und wenn ich an meine Exfreunde zurückdenke, haben sie alle mehrere Eigenschaften oder Leidenschaften, wegen denen ich sie vorher, hätte das in ihrem Profil gestanden, sofort ausgeschlossen hätte. Diese Angaben allein sagen noch nichts darüber aus, ob mir der Mann in echt nicht doch total gefällt.

to be continued

 

Von Anonym

Beitragsbild: Unsplash (Kon Karampelas)