Studium, Stress, Corona: Rückblick auf ein digitales Auslandssemester in den USA

Die Hoffnung, dass er sein zweites Semester an der Duke University tatsächlich in Amerika absolvieren kann, besteht noch immer – das erste allerdings hat er mit 6 Stunden Zeitverschiebung online von Deutschland aus studiert. Hier lest ihr Selims Erfahrungen!

 

Während den letzten Monaten habe ich in den USA studiert – von Deutschland aus. Was zunächst irgendwie paradox klingt, dürfte einigen Kommiliton:innen ähnlich gegangen sein. Der ursprünglich geplante Auslandsaufenthalt konnte nicht angetreten werden, weil Corona z.B. zu verstärkten Einreisebeschränkungen im Gastland geführt hat. Dann gibt es drei Möglichkeiten: Verschieben, ausfallen lassen, oder wie in meinem Fall, digital studieren. Wie es so lief mit 6 Stunden Zeitverschiebung für ein Semester an einer amerikanischen Eliteuniversität zu studieren, erzähle ich euch hier.

Schwieriger Start

Für viele, wie auch für mich, ist ein Studium in den USA ein Traum. Deswegen war ich froh, als ich Anfang des Jahres die Zusage bekommen habe, durch ein Austauschprogramm meines Politikwissenschaft-Instituts an der FAU zwei Semester an der Duke University in North Carolina zu verbringen. Die Uni gehört zwar nicht zur sagenumwobenen Ivy League, aber kann sich in vielen Rankings im globalen Spitzenfeld behaupten (was auch immer das heißen mag).

Als ich im März diesen Jahres die Zusage für das Stipendium bekommen habe, lag Corona noch in weiter Ferne. In Deutschland und in den USA gab es zu diesem Zeitpunkt kaum Fälle. Dementsprechend war ich guter Dinge, dass dem Auslandsaufenthalt nicht in die Quere kommen würde. Aber: Mit jedem weiteren Tag stiegen die Zahlen der Infizierten und die Lage wurde schwieriger. Wie bei vielen anderen führte das auch bei mir zu einer extremen Planungsunsicherheit. Tatsächlich wusste ich bis wenige Wochen vor Studienbeginn nicht, ob und in welchen Rahmen das Studium stattfinden würde. Ob digital oder nicht, ob ich es von Deutschland oder von den USA aus besuchen können und ob ich überhaupt das monatliche Stipendium bekommen würde.

Am 20. Juli habe ich die Zusage vom DAAD bekommen, dass ich digital von Deutschland aus studieren darf (und sollte) und dafür ein reduziertes Stipendium (für Deutschland ganz gut, höher als mein reguläres Bafög) bekomme. Das war knapp, denn etwas weniger als einen Monat später starteten bereits die Kurse in den USA. Bereits davor waren verschiedene Infoveranstaltungen und der Start der Kursanmeldungen angesetzt, von denen ich einige wegen der späten Einschreibung verpasst habe.

Arbeiten, Arbeiten, Arbeiten

Kommen wir jetzt endlich zum Studium selbst: Insgesamt musste ich in dem Semester drei Kurse belegen. Das klingt erstmal nach nicht so viel. Die Zahl täuscht aber über die Intensität und den tatsächlichen Zeitaufwand der Kurse hinweg. Zur Struktur: Alle drei Kurse wurden natürlich digital besucht, wobei jeder Kurs einmal die Woche eine synchrone Online-Diskussionssitzung anbot. Zwei Kurse hatten darüber hinaus eine digitale Vorlesung, die auf eine digitale Lernplattform hochgeladen wurde (ca. 1-3 Stunden pro Woche je Kurs, sehr unterschiedlich).

Bei den synchronen Sitzungen war die Zeitverschiebung natürlich ein offenkundiges Problem. Mit sechs Stunden Differenz zwischen Deutschland und North Carolina war das zumindest für mich nur ein kleines Problem. Nur ein Kurs ging bis nach Mitternacht, der Rest war am Nachmittag. Für einige meiner Kommiliton:innen war das problematischer: Internationale Studis aus asiatischen Staaten hatten in meinen Kursen teilweise mit 12 Stunden Zeitdifferenz zu kämpfen, weshalb manche zu den schwierigsten Zeiten anwesend sein und „funktionieren“ mussten.

Hinzu kamen regelmäßige Abgaben wie Buchrezensionen und Literaturzusammenfassungen sowie die normale Sitzungsvorbereitung wie das Durcharbeiten der Lektüre. Gerade letzteres war hart. Grob geschätzt sollte ich etwa 200 Seiten pro Woche und Kurs (offensichtlich in Englisch) durcharbeiten. Obwohl die Zahl natürlich von Kurs zu Kurs stark variierte, war das doch erstaunlich viel. Gerade weil erwartet wurde, die Texte wirklich verstanden zu haben und darüber tiefgreifend diskutieren zu können. Zusätzlich mussten auch noch Fragen zu den Texten formuliert und am Vortag der Sitzung eingereicht werden.

Insgesamt war der Arbeitsaufwand, zumindest im Vergleich zu meinem bisherigen Studienleben, ziemlich groß. Grob überschlagen musste ich etwa 25 Stunden in der Woche „studieren“. Während des Semesters war das aber wegen der Regelmäßigkeit und Planbarkeit der einzelnen Aufgaben durchaus machbar. Nochmal krasser wurde es aber zum Ende des Semesters, denn in jedem Seminar musste ein Research Paper mit einem Umfang von ca. 20 – 30 Seiten geschrieben werden. In einem Seminar setzte sich dieses Paper aus verschiedenen Abgaben zusammen, die bereits über das Semester hinweg verfasst wurden. In den anderen beiden kam die Arbeit an den Aufsätzen zu den „regelmäßigen Arbeiten“ hinzu und da alles bereits zum Ende des Semesters (Ende November) eingereicht werden musste, wurden meine Tage immer länger.

Zeitaufwand, fehlender Kontakt und schwankende Lehrqualität

Das war sicherlich eine große Herausforderung, aber bei weitem nicht die einzige. Bisher habe ich mich während meines Studiums an der FAU gerne und viel in verschiedensten Gruppen und in der Studierendenvertretung eingebracht. Ein Nachteil dieses „Auslandssemesters“ war, dass ein solches Engagement kaum mehr möglich gewesen ist, wenn man gleichzeitig zufriedenstellende Leistungen im Studium schaffen möchte. Das hat weniger mit dem Aspekt des Digitalen als mit dem Zeitaufwand im Allgemeinen zu tun.

Wie in jedem Online-Semester war es aber auch durchaus schwierig, sich selbst einen Lernplan/Arbeitsplan zu erstellen, insbesondere zum Ende des Semesters. Da es eigentlich das zweite Online-Semester war, lief es für mich aber unterm Strich recht gut. Dabei hat mir sicherlich auch geholfen, dass ich an der Duke nicht meinen Abschluss machen möchte, sondern nur ein „exchange graduate student“ war. Ich hatte das Privileg, einen Großteil der Studiengebühren nicht selbst zahlen und die Noten nicht unbedingt in mein Abschlusszeugnis eintragen zu müssen – ganz im Gegenteil zu vielen meiner Kommiliton:innen.

Ein weiteres Problem war der wenige Kontakt zu meinen Kommiliton:innen. Außerhalb der regelmäßigen Zoom-Sitzungen war dieser kaum existent. Wirkliche „Freizeittreffen“ waren dadurch nicht möglich. Eine einzige gute Bekanntschaft hat sich aus einer Hausarbeit entwickelt, die wir gemeinsam geschrieben haben. Offensichtlich hatte ich auch sonst wenig Kontakt zum „Amerikanischen Leben“. Das ist natürlich das offensichtlichste Problem eines Online-Semesters aus dem Ausland, aber kein besonders großes, da ich ja schon damit rechnen konnte.

Außerdem kämpft die Duke mit ähnlichen Problemen wie viele deutsche Universitäten: Viele Kurse sind nach kurzer Zeit ausgebucht, was die Auswahl einschränkt. Gerade wenn man neu an die Universität kommt und mit dem Anmeldesystem noch nicht vertraut ist läuft man Gefahr, seine Studienschwerpunkte nicht anhand seiner tatsächlichen Interessen wählen zu können. Das kann sehr frustrierend sein, in meinem Fall war das Problem jedoch noch überschaubar.

Als angesehene Universität kann die Duke zwar „exzellente“ Wissenschaftler:innen vorweisen, das heißt jedoch nicht zwangsläufig, dass es auch eine exzellente Lehre gibt. Zumindest in einem Kurs war ich durchaus enttäuscht vom fehlenden Engagement der Lehrperson, das sich beispielsweise in etwa einwöchigen Wartezeiten auf meine E-Mails äußerte. Die anderen beiden Seminare standen dem aber krass entgegen. Antworten am selben Tag waren die Regel und im Kursdesign merkte man stark, dass den Dozierenden das Thema und der Lernerfolg der Studierenden am Herzen lag. In dem Zusammenhang gab es (wie auch an der FAU) teilweise sehr unterschiedliche Anforderungsniveaus in den Kursen, die im Vorfeld oft nicht erkennbar waren. Obwohl ich in zwei Kursen mindestens doppelt so viel machen musste wie im dritten, gab es für alle Kurse die gleiche Anzahl an Punkten.

Spannende Einblicke und privilegierte Studiensituation

Bei aller Kritik sollten aber auch die positiven Aspekte dieses Semester noch betont werden. Allem voran bin ich froh, zahlreiche spannende Einblicke in die amerikanische politikwissenschaftliche Tradition bekommen zu haben.  Man mag es kaum glauben, dass sich dasselbe Fach in unterschiedlichen Ländern doch stark unterscheidet und verschiedene Universitäten ihre Schwerpunkte und Zugänge ganz anders wählen. So ist das Studium an der Duke University um ein Vielfaches empirischer geprägt als an der FAU (und in Deutschland). Teilweise hatte ich sogar das Gefühl in Mathematikvorlesungen zu sitzen. Das war natürlich eine Herausforderung, aber in diesem Rahmen eine sehr wertvolle Bereicherung.

Außerdem habe ich schon vielfach den hohen Zeitaufwand im Studium betont. Das war natürlich ungewohnt und teilweise sehr stressig. Aber ich glaube, dass ich mich während dieses Studiums nicht nur inhaltlich weiterentwickelt habe, sondern auch – gerade durch die ganze Arbeit – meine Arbeitsmethoden weiterentwickeln konnte. Insofern war das ein anspruchsvolles, aber lehrreiches Intermezzo in meinem bisherigen Studienverlauf.

Das üppige Stipendium hat natürlich auch zu einer positiven Studienerfahrung beigetragen. Ein Leben in Luxus ist das zwar bei weitem nicht und ich vermute sogar, dass ich am Ende für den Austausch selbst draufzahlen muss. Verglichen mit meinen dortigen Kommiliton:innen, die im schlimmsten Fall einen großen Kredit für das Studium aufnehmen mussten und fest darauf zählen müssen, dass sich das Studium am Ende „ausbezahlt“, war ich doch in einer sehr entspannten und privilegierten Studiensituation.

Fazit: War es das wert?

Gerade die letzten Wochen des Semesters waren extrem anstrengend und ich musste öfter von sehr früh bis spät in die Nacht durcharbeiten (natürlich mit Pausen, man muss ja auch nicht übertreiben). Nach dem ersten Semester kann ich aber auch sagen, dass ich viel gelernt habe (nicht nur thematisch, sondern auch in anderen Fähigkeiten) und deshalb sehr froh bin, dieses Angebot wahrgenommen zu haben. Die Gewissheit, dass ich nicht zu 100 % auf den „Erfolg“ dieses Studiums angewiesen bin und das Privileg habe, das Studium nicht ganz so ernst nehmen zu müssen wie meine Kommiliton:innen hat hier ganz klar geholfen.

Insbesondere freue ich mich, dass die Chancen recht gut stehen, dass ich im Januar (rechtzeitig zum Start des nächsten Semesters) in die USA reisen kann. Dann habe ich in meinem zweiten Semester wenigstens die Möglichkeit mein Online Studium von den USA aus durchzuführen, da immer noch die meisten Kurse nicht in Präsenz angeboten werden. Wie es sich in dieser – etwas weniger paradoxen – Situation studieren lässt, erzähle ich dann in einem zweiten Artikel in ein paar Monaten.

 

von Selim Kücükkaya

Beitragsbild: Duke Chapel, von Pixabay (Joel Cocker)