“Die Furcht vor der Freiheit” – Was Scheinidentitäten & Nazis verbindet

Jannick erklärt anhand historischer und psychologisch-sozialer Zusammenhänge eindrücklich und leicht nachvollziehbar, wieso Menschen sich in autoritäre Strukturen wie rechtsradikale Ideologien flüchten.

 

Ich studiere im Zweitfach Soziologie und ein Aspekt, der mich an diesem Fach fasziniert ist seine Vielfältigkeit. Es befasst sich mit ganz grundlegenden Fragen: „Wie entsteht Gesellschaft? Was hält sie am Laufen? Wie wird man zu einem funktionierenden Teil von ihr?“ (und vielem mehr). Es kann sich aber auch mit ganz konkreten Erscheinungsformen von Gesellschaft auseinandersetzen. Tatsächlich kann man sich als Soziolog:in mit fast jedem erdenklichen Teil von Gesellschaft befassen, denn alles was einem im Alltag als selbstverständlich erscheint, braucht zugrundeliegende Mechanismen, um genau diese Selbstverständlichkeiten aufrecht zu erhalten.

Diese Bandbreite ist sowohl eine Schwäche, als auch eine Stärke der Soziologie. Es macht sie diffus und schwierig zu erklären, weil ihr Themenbereich so divers ist, wie die Objekte mit denen sie sich auseinandersetzt. Eine ihrer Stärken ist aber, dass sie, aufgrund ihrer Weite, Themen aus ganz verschiedenen Geisteswissenschaften zueinander führen kann: Geschichte, Psychologie, Pädagogik, Philosophie, Ethnologie, Anthropologie, Politikwissenschaft und bestimmt einige andere.

Ein solcher Fall der Zusammenbringung von ganz unterschiedlichen Themen, der mir in diesem
Semester begegnet ist, war persönliche Selbstverwirklichung und…Nazis?

Stellen, die man auch in einem (mMn. guten) Selbsthilferatgeber hätte lesen können, standen
neben Passagen, die den Aufstieg der Nationalsozialisten erklären sollten. Ich spreche vom Buch „Die Furcht vor der Freiheit“ von Erich Fromm, einem Denker der kritischen Theorie, der vor den Nazis nach Amerika flüchtete. Er veröffentlichte sein Buch Anfang der 40er Jahre, vor dem Fall des NS-Regimes, als der Ausgang des Zweiten Weltkriegs noch ungewiss war. Während andere Denker versuchten das Phänomen durch die schlechte wirtschaftliche Lage in den 20er Jahren oder durch die Unterdrückung des Volkes durch eine kleine Elite zu erklären, sucht Fromm weit verbreitete psychologische Merkmale in der deutschen Gesellschaft, die die Menschen für die NS-Ideologie empfänglich gemacht haben. Diese Merkmale gab es nicht nur dort und damals und deswegen kann seine Erklärung auch für faschistische Tendenzen an anderen Orten und in anderen Zeiten verwendet werden.

Was war das nun genau? Zentrale Stichworte dafür sind die „Freiheit zu“, „Freiheit von“ und die mit ihnen zusammenhängende Isolation und Ohnmacht des Individuums. Mit ihnen zeigt Fromm eine
Entwicklung, die vom Ende des Mittelalters bis ins frühe 20. Jahrhundert reicht.

Im Mittelalter war das Leben und Denken der Menschen stark durch die Zugehörigkeit zu einem Kollektiv bestimmt. Die Geburt legte fest, in welchen Stand man geboren wurde und zu welchen Berufsgruppen man gehören konnte. Die Lebensumfelder der Menschen waren kleinräumig und man kannte sich. Als Mitglied der katholischen Kirche war das eigene religiöse Leben fremdbestimmt und das religiöse Weltbild, das man mit den anderen teilte, galt als unumstößlich. Verglichen mit heute hatte man sehr geringe Möglichkeiten seinen eigenen Lebensweg zu bestimmen. Dieser wurde durch die Gruppe festgelegt und damit auch die Identität.

Dadurch war das Kollektiv auch wichtiger als eine einzelne Person. Das sieht man z.B. an grausamen mittelalterlichen Strafpraktiken: Die Ordnung, die die Gruppe schützt, ist so wichtig, dass, wenn sich jemand gegen sie stellt, dieser hart bestraft werden muss. In dieser allgemeinen Fremdbestimmtheit zeigt sich das, was Fromm den Mangel an „Freiheit zu“ und „Freiheit von“ nennt. Die Menschen waren unfrei bestimmte Dinge zu tun, also selbstbestimmt zu handeln. Und sie hatten viele Pflichten und Regeln die sie einhalten mussten. Von diesen Dingen waren sie nicht frei. Allerdings waren sie auch sicher und aufgehoben in ihren Gruppen. Man konnte zwar nicht entscheiden, was man aus sich macht, aber man musste es eben auch gar nicht. Existenzkrisen wird es damals wohl auch viel weniger gegeben haben als heute.

Die engen Bindungen zum Kollektiv, die dem Menschen Halt gaben nennt Fromm die „primären
Bindungen“.

Natürlich hat sich seit dem Mittelalter einiges geändert. Reformation und Aufklärung, Kapitalismus und Industrialisierung haben alle dafür gesorgt, dass der Mensch in Europa und Nordamerika Schritt für Schritt erst für sein Denken und seine Weltanschauung und dann für seinen eigenen Werdegang immer mehr Verantwortung übernehmen musste. Diesen Prozess nennt man die Individualisierung. Die Individualisierung sorgte für einen Anstieg der “Freiheit von“. Eben von den Strengen Regeln, die den Menschen im Mittelalter auferlegt wurden.

Damit wurden aber auch die primären Bindungen aufgelöst. Das Kollektiv, in das die Menschen früher
so stark eingebunden waren, trat zurück und schützte den einzelnen nicht mehr so sehr. Er stand jetzt der großen weiten Welt einigermaßen alleine gegenüber. Das wäre jetzt vielleicht nicht so schlimm gewesen, wenn die Menschen die Mittel gehabt hätten, um sich selbst und ihre neu gewonnenen Freiheiten umzusetzen. Während der Industrialisierung waren jedoch große Teile der Bevölkerung in die Stadt gezogen, weil sie sich auf dem Land nicht mehr ernähren konnten und mussten jetzt unter Bedingungen arbeiten, die es ihnen als Einzelnen nicht ermöglichten ihre Lebenssituation zu verbessern. Sie hatten nicht die praktische, tatsächliche Freiheit, über ihr Leben zu bestimmen. Ähnlich ging es Teilen des Mittelstandes, die sich selbst ausbeuteten, um einen gewissen Lebensstandard halten zu können. Dieses Hineingeworfen sein in die Welt, ohne viele Handlungsmöglichkeiten nennt Fromm die Isolation und Ohnmacht des Individuums.

Die Isolation und Ohnmacht des Individuums gibt es heute immer noch. Auf einer Autofahrt mit zwei Kommiliton:innen gab es einmal eine Unterhaltung über psychologische Probleme. Dabei erzählten eine Mit-Studentin und ich, dass wir beide schon einmal Selbstmordgedanken gehabt hatten. Der dritte Student, der ursprünglich aus Syrien kommt und in einer für uns sehr großen Familie aufgewachsen ist, meinte darauf, dass ihm solche Gedanken noch nie gekommen waren. Das ist natürlich nur ein Beispiel, aber ich finde es illustriert ganz schön, dass, obwohl man in der westlichen Welt schon lange einen großen Grad an Individualisierung genießen kann, viele Menschen noch nicht gelernt haben wie sie ihren Lebensweg sicher gehen können.

Denn jede:r Einzelne macht die Entwicklung der Individualisierung für sich im Kleinen durch. Als Kind ist man absolut abhängig von den Eltern. Sie erhalten einen am Leben, ihre Erklärungen sind die Legitimationen für das Weltbild und sie schützen einen vor Gefahren. Sie sind die eigenen primären Bindungen. Weil sie irgendwann zwangsläufig wegfallen, wird jede:r irgendwann mit der Isolation und Ohnmacht konfrontiert.

Es gibt aber verschiedene Möglichkeiten damit umzugehen.

Eine davon (und jetzt kommen die Nazis ins Spiel) ist die „Flucht in den autoritären Charakter“. Die war im Bürgertum des Kaiserreichs und der Weimarer Republik weit verbreitet. Durch die Erzeugung oder Eingliederung in eine Hierarchie bindet man sich an die anderen Mitglieder in ihr und schafft sich so neue Bindungen. Im Kleinen hat der Familienvater im Bürgertum seine Frau und Kinder unter sich und den Arbeitgeber über sich. Auf gesellschaftlicher Ebene bewundert er den Kaiser und die Kirche und kann auf die Arbeiterschicht herabschauen. Das gibt ihm Halt. In der Weimarer Republik waren diese Hierarchien schwach geworden und das Bürgertum war verunsichert. Diese Verunsicherung und das Bedürfnis nach Hierarchie benutzten die Nazis um an die Macht zu kommen.

Dabei ist die Flucht ins Autoritäre keine Lösung, die die Ursache des Problems behebt. Die eigene Unterwerfung und die Unterwerfung von anderen, macht den Menschen nicht nachhaltig glücklich, sie erzeugt nur einen Status Quo, der nicht durch Zuneigung oder Vertrauen, sondern durch Machtstrukturen erhalten wird und den Menschen nur einigermaßen handlungsfähig macht.

Ein zweiter Fluchtweg ist der in den Konformismus und dieser ist sowohl für die Zeit in der Fromm sein Buch schrieb, als auch für heute relevant. Kurz zusammengefasst besteht er darin, „daß (sic) der einzelne aufhört er selbst zu sein“. Was meint Fromm damit?

Im Konformismus gibt das Individuum die Verantwortung für sein Handeln ab, indem es sich in seinem Fühlen, Denken und Wollen von außen beeinflussen lässt. Es ist die Übernahme vom Akzeptierten und „Normalen“, wobei die Normalität als Legitimation dient. Dieser Prozess ist nicht „total“, betrifft also nicht jeden einzelnen Aspekt des Lebens, kann aber trotzdem gravierende Folgen haben. Und er läuft unterbewusst ab. Wenn Leute dann gefragt werden, warum sie sich auf eine bestimmte Weise verhalten haben, sind sie ziemlich gut darin im Nachhinein Gründe zu erfinden, die sie auch selbst überzeugen.

Ein Beispiel im Buch dafür ist, dass man Menschen in Hypnose eingeben kann, auf eine bestimmte Person wütend zu sein. Wenn erstere Person dann gefragt wird, warum sie wütend ist, zaubert sie logisch klingende Antwort aus dem Hut, die aber eben nicht der Wahrheit entspricht, weil sie sich nicht an die Hypnose erinnert und davon ausgeht, dass ihre Emotionen einen rationalen Grund haben.

Im Alltag werden einem solche Eingebungen natürlich nicht von einem/r Hypnotiseur:in vermittelt. Vor der gesellschaftlichen Individualisierung gab es offensichtliche Autoritäten (Kirche und Staat), die, für alle sichtbar, ihre Ansichten durchsetzten. Die Macht dieser Autoritäten wurde schließlich geschwächt, aber es gab keinen gesellschaftlichen Lernprozess, in dem die Menschen auf das eigenverantwortliche Denken vorbereitet wurden. Stattdessen gibt es heute „Anonyme Autoritäten“, wie Werbung, Trends, den „gesunden Menschenverstand“ und alles „Normale“, die geplant oder ungeplant den Menschen formen.

Wie oben beschrieben ist der Grund dafür, dass Menschen allgemein ins Autoritäre oder den Konformismus flüchten das Gefühl der Einsamkeit und der Ohnmacht, das Menschen erleben, wenn ihre primären Bindungen aufgelöst sind und sie nicht die materiellen/psychologischen Mittel haben um sich in der Welt behaupten zu können. Die materiellen Mittel waren zur Zeit der Massenarmut in unserer Gesellschaft ein wichtigerer Grund als heute. Jetzt ist es ebenso das Problem, dass der oben angesprochene Lernprozess nicht eingetreten ist. Viele Menschen haben nie gelernt „sie selbst“ zu sein, bzw. haben es verlernt.

Fromm geht davon aus, dass Kinder noch ehrliche Gefühle und Meinungen haben, dass diese Ecken und Kanten ihnen aber in der Sozialisierung oft abgeschlagen werden, damit sie am Ende zu funktionsfähigen „normalen“ Gesellschaftsmitgliedern werden. In Kindergärten und Schulen gibt es Gruppendynamiken, die diesen Prozess fortsetzen. So bauen sich „Scheinidentitäten“ auf. Und in der Midlife-Crisis erkennen dann viele, dass die Ziele, die sie erreicht haben, sie nicht glücklich gemacht haben, weil es eben nicht ihre Ziele waren, sondern Vorstellungen, die ihnen unbewusst von außen eingegeben worden sind. Damit Bewegen wir uns auf dem angesprochenen Selbsthilferatgeber-Terrain. Was sind aber die hilfreichen Tipps, die Fromm uns gibt, damit man ein bisschen weniger
konformistisch sein kann?

Zum einen ist Fromm für die Umkrempelung des Wirtschaftssystems. Er möchte keinen Kommunismus per se, aber eine stark soziale Marktwirtschaft, in der niemand unterdrückt wird und jede:r die Möglichkeit hat als aktives, kreatives und schaffendes Mitglied seine:ihre Arbeit mitzugestalten. Damit also der Verwirklichung des Individuums keine materiellen Hindernisse im Weg stehen.

Bis es aber einmal soweit ist und damit es überhaupt soweit kommen kann, ist es wichtig, dass man die unbewussten Beeinflussungen von außen aufdeckt und reflektiert. Wenn man dann zu dem Schluss kommt, dass die fremden Elemente es wert sind übernommen zu werden kann man sie auch weiter anerkennen, aber gleichzeitig nach besseren Ausschau halten. Kommt man zu dem Ergebnis, dass sie es nicht wert sind, kann man versuchen nachzuspüren, mit welchen Werten man sie ersetzen kann. Der Vorgang des Reflektierens ist also zentral.

Eine Möglichkeit, die schon der alte Sokrates angewandt hat ist die des stetigen Nachfragens. Wenn man fragt, warum eine Sache im Leben so ist, wie sie ist, und bei jeder Antwort nach dem nächsttieferen Grund fragt, kommt man schnell auf sehr aufschlussreiche Ergebnisse, wenn man dabei vollkommen ehrlich zu sich selbst ist. So kann man seine Persönlichkeit weiterentwickeln, um die eigene Isolation und Ohnmacht zu bekämpfen.

Sollte diese Praxis in der Gesellschaft einmal fest verankert sein, so würde es, wie Fromm gezeigt hat, auch langfristig dafür sorgen, dass wir weniger „Furcht vor der Freiheit“ haben und, dass wir weniger Nazis unter uns aushalten müssen.

 

von Jannick Tröbs

Beitragsbild: Alina Druschliak (hier auf Instagram)