Unterwerfung im Kollektiv – zum rechtsextremen Identitätsbegriff

Alle Menschen haben eine Identität – für Menschen mit rechtsextremer Gesinnung heißt Identität allerdings etwas anderes.

 

– English below –

„Nicht rechts, nicht links – nur identitär“ hieß es 2012 auf der Homepage der aktionistisch, völkisch ausgerichteten Gruppierung Identitäre Bewegung. Wie hängt nun aber „identitär“ bzw. „Identität“ mit rechtsextremer Ideologie zusammen?

Kampf gegen das Subjekt

Die Prämisse rechtsradikaler Identitätsvorstellung ist die eines substanziellen Wesenskernes. Vertreter:innen einer rechtsradikalen Ideologie sind also der Auffassung, dass jeder Mensch durch seine nationale Zugehörigkeit bestimmt ist. Die nationale Zugehörigkeit ist hierbei nicht deckungsgleich mit der Staatszugehörigkeit, sondern resultiert vielmehr aus der „Abstammung“ oder „Herkunft” und ist somit als ethnischer Identitätsbegriff zu begreifen.

Ressourcen wie etwa ein „kulturelles Erbe“, eine „historische Vergangenheit“, Sprache, die Liebe zur „Heimat“ kreieren einen spezifischen „Volkscharakter“, sind im rechtsradikalen Verständnis mit einem geographischen Lebensraum verbunden und werden durch die Geburt übertragen. Dieser Logik nach wird jedes Individuum ab dem unmittelbaren Zeitpunkt der Geburt Mitglied einer determinierten Gesellschaft – es erhält eine Wesenheit, die sich aus der Historie und Tradition speist.

Innerhalb der rechtsradikalen Ideologie werden keine von der autoritären Setzung abweichenden Individualerinnerung hinsichtlich geschichtspolitischer Lesarten geduldet. Geschichtspolitik zielt auf Identitätsgeschichte, wodurch sich die Individualerinnerung mit der Kollektiverinnerung abdecken soll. Jene homogenisierte Interpretation der Vergangenheit wird zur kollektiven Utopie umgedeutet, in der eine vermeintliche Identität von Herrschern und Beherrschten wirkt, weil Widersprüche politischer und gesellschaftlicher Natur bereits negiert werden.

Individuen werden ihrer Individualität beraubt und haben sich dem Kollektiv zu unterwerfen, Unterschiede werden negiert und Phänomene wie bspw. Subkollektive oder Subkulturen vollkommen ausgeblendet. Mit anderen Worten das national-völkische Kollektiv wird dem Individuum permanent vorgezogen.

Zwischen Gender-Wahn und Kulturmarxismus

Berechtigterweise stellt sich nun die Frage, wie der Identitätsbegriff rechtsradikale Ideologie mitgestaltet. Das Kollektiv als der Mittelpunkt allen Geschehens gibt bereits den ersten Hinweis.

Das „Eigene“ muss aufrechterhalten werden bzw. „homogenisiert“ werden und vor dem „Verfall“ äußerer Einflüsse verteidigt werden. Solche äußeren Einflüsse spiegeln das „Fremde“ wider und u.a. der „Gender-Wahn“, „Kulturmarxismus“ oder die „Masseneinwanderung“.

In einem Schreiben vom 7. Juli 2018 auf ihrer Homepage pointiert die rechtsradikale Partei Der Dritte Weg jene vermeintlich Gefahr:

Wir leben in einer entwurzelten und kulturlosen liberalkapitalistischen Konsumgesellschaft, die nur ein Heute und kein Morgen kennt. Aufgeblasen und völlig degeneriert wird unser Volk immer mehr vom Egoismus zerfressen. Der Sinn des Daseins und das Bewusstsein, wer man ist und woher man kommt, gehen vollends verloren in einer identitätsraubenden multikulturellen Gesellschaft.“

Aus Sicht rechtsradikaler Vertreter:innen, wie hier bspw. der Dritte Weg, ist ethnische Identität ein wertvolles Gut, welches es zu schützen gilt. Gleichzeitig kann es einem aber auch durch äußere Einflüsse (hier “multikulturelle Gesellschaft” und “kulturlose liberalkapitalistische Konsumgesellschaft”) beraubt werden, wodurch das Kollektiv (hier: “unser Volk”) als die oberste Instanz einstürzen würde.

In der Praxis hat das zur Folge, dass der Rechtsradikalismus alternative Lebensentwürfe und Weltbilder aktiv auszugrenzen und letztendlich auszulöschen versucht. Gleichzeitig wird ein simplifizierter Lebensentwurf geschaffen, in der lediglich ein „Richtiges“ besteht.

Der Identitätsbegriff fungiert im rechtsradikalen Kontext als Vermittler einer völkisch-nationalistischen Ideologie, in der klare und eindeutige Lebenswelten bestehen. Ethnische Identität fungiert somit nicht als individuelles Identitätsangebot, sondern als kollektiver Identitätszwang. Das bedeutet, dass individuelle Rollen, Aufgaben und Funktionen innerhalb der Gesellschaft fest bestimmt sind. Zwang zum Ausschluss und Zwang zum Einschluss ist die oberste Regel.

Prinzipien der Homogenisierung, Exklusion, Simplifizierung und einem rassistisch, misogynen und antisemitisch geformten Weltbild werden stets unter dem Deckmantel der Identität nach außen getragen.

 

– English –

Submission to the Collective – the extremist right-wing Concept of Identity

“Not right-wing, not left-wing – only identitarian” was the slogan on the homepage of the actionist, völkisch-oriented group Identitäre Bewegung in 2012. But how is “identitarian” or “identity” related to right-wing extremist ideology?

Struggle against the subject

The premise of radical right-wing identity is one of a substantial essence. Representatives of right-wing extremist ideology thus believe that every person is determined by his or her national affiliation. National affiliation is not congruent with state affiliation, but rather results from “descent” or “origin” and is therefore to be understood as an ethnic concept of identity.

Resources such as a “cultural heritage,” a “historical past,” language, and love for a “homeland” create a specific “people character,” are connected with a geographical living space, in the radical right-wing understanding and are transmitted through birth. According to this logic, every individual becomes a member of a determinated society from the immediate moment of birth – he or she is given an entity that is fed by history and tradition.

Within the radical right-wing ideology, no individual memories that deviate from the authoritarian setting are tolerated in terms of historical-political readings. History politics aims towards identity history, whereby the individual memory is supposed to cover itself with the collective memory. That homogenized interpretation of the past is reinterpreted as a collective utopia, in which a presumed identity of rulers and ruled operates as a result of the fact that contradictions of a political and social nature are already negated.

Individuals are deprived of their individuality and have to submit to the collective, differences are negated and phenomena such as sub-collectives or sub-cultures are entirely ignored. In other words, the national-ethnic collective is permanently preferred to the individual.

Between Gender Mania and Cultural Marxism

Legitimately, the question arises how the concept of identity contributes to shape extremist right-wing ideology. The collective as the center of all actions already gives the first hint.

The “own” must be maintained or “homogenized” and defended against the “decay” through external influences. Such external influences reflect the “foreign” and, among others, include “gender mania”, “cultural Marxism” or “mass immigration”.

In a letter dated July 7, 2018, on the homepage of the the extremist right-wing party Der Dritte Weg pointedly describes that presumed danger: “We live in an uprooted and cultureless liberal-capitalist consumer society that knows only a today and no tomorrow. Inflated and completely degenerated, our people are increasingly eaten away by egoism. The meaning of existence and the consciousness of who one is and where one comes from are completely lost in an identity-robbing multicultural society.” (Original text in German)

From the perspective of extremist right-wing representatives, such as Der Dritte Weg, ethnic identity is a valuable asset that has to be protected. At the same time, however, it can also be robbed by external influences (in this case, multicultural society and cultureless liberal-capitalist consumer society), whereby the collective (in this case, our people) would collapse as the supreme authority.

In practice, this has the consequence that right-wing radicalism actively tries to exclude and ultimately eradicate alternative life concepts and world views. At the same time, it creates a simplified concept of life in which there is only one “right”.

In the radical right-wing context, the concept of identity functions as a mediator of a völkisch-nationalist ideology in which clear and unambiguous living environment exist. Consequently, ethnic identity does not function as an individual identity offer, but as a collective identity compulsion. This means that individual roles, tasks and functions within society are firmly determined. Compulsion to exclude and compulsion to include is the supreme rule.

Principles of homogenization, exclusion, simplification, and a racist, misogynist, and anti-semitic worldview are always externalized under the cover of identity.

 

 

von/by Emilie Dobrovolski

Beitragsbild/Picture: Emilie Dobrovolski mit wortwolke.de

 

Referenzen/References:

Salzborn, Samuel (2019): Rechtsextremismus. Erscheinungsformen und Erklärungsansätze. Bonn: bpb.