Schwangerschaftsabbruch – ein Tabu und seine Folgen

Rund 100.000-mal im Jahr lassen Frauen in Deutschland abtreiben. Somit stellt ein Schwangerschaftsabbruch den häufigsten gynäkologischen Eingriff dar. Dennoch stellt Abtreibung auch heutzutage noch ein Tabu dar, hinter dem sich gefährliches Unwissen anstaut.

 

– English below –

Als die Gießener Ärztin Kristina Hänel 2017 aufgrund „illegaler Werbung für Abtreibungen“ angezeigt und zu einer Geldstrafe von 6.000 Euro verurteilt wurde, kam eine neue Dynamik in der Abtreibungsdebatte zustande. In diesem Kontext wurden die gravierenden Folgen des Tabus aus unterschiedlichen Perspektiven zum Ausdruck gebracht und Hänel zum Symbol des Kampfes der Selbstbestimmung und Befreiung der Frau gemacht.

Auf ihrer Homepage wollte die Medizinerin auf das Thema Schwangerschaftsabbrüche, welches für viele Frauen heutzutage immer noch ein Tabu darstellt, aufmerksam machen und explizit und sachlich darüber informieren. Paragraf 219a des StGB sieht allerdings vor, dass das „Werben für den Abbruch der Schwangerschaft“ eine Straftat darstelle. Dass Werben hierbei mit Informieren und Aufklären gleichgesetzt wird und es somit gar nicht darauf ankommt, ob Informationen „anbietenden Charakter“ haben oder nicht, scheint irrsinnig, entspricht aber leider der bitteren Pille, die viele Ärzt:innen zu schlucken haben.

In Deutschland ist die Zurverfügungstellung von Informationen rund um das Thema Schwangerschaftsabbrüche verboten – auch dann, wenn diese von Fachleuten ausgehen, die selbst Abtreibungen praktizieren. Der Abtreibungsparagraf 218 wird im Jahr 2021 150 Jahre alt, Paragraf 2019a, 88 Jahre. Während in anderen L

ändern, z. B. Irland oder Südkorea, die entsprechende Gesetzeslage liberalisiert worden ist, schlägt die Bundesrepublik keine progressive Richtung ein und stellt mit seinem Strafrechtsparagrafen somit den einzigen Ort dar, an dem selbst das sachliche Informieren verboten wird.

Der Verbot des ärztlichen Aufklärens birgt die Gefahr, dass jeder Laie die Möglichkeit hat über Schwangerschaftsabbrüche zu informieren und somit unweigerlich Falschinformationen verbreitet werden, die dazu führen, dass das Thema Abtreibung weiterhin tabuisiert wird. Wenn ungewollt Schwangere und abtreibende Ärzt:innen darin entkräftet werden über das Thema zu sprechen, wird langfristig gesellschaftlich Stimmung gemacht, die die Akteure moralisch als Mörder:innen verurteilt und somit die Stigmatisierung, Schikanierung und Diskriminierung von Frauen aufrechterhält und reproduziert.

Historisch betrachtet zeigt sich welche Folgen eine derartige Tabuisierung haben kann. Um nicht mit Zuchthaus oder gesellschaftlicher Stigmatisierung konfrontiert zu werden, haben Frauen aus einer Notlage heraus und ohne Beistand medizinischen Personals Selbstabtreibungen mithilfe von Kleiderbügeln oder giftigen Chemikalien durchgeführt. Weil jene ungewollt Schwangere häufig über keine medizinische Bildung verfügen, stellen Selbstabtreibungen eine Lebensgefahr für Frauen dar. Todesursachen sind hierbei Verbluten, Bauchfellentzündungen und Vergiftung. Auch heutzutage werden in Teilen der Welt Formen der Selbstabtreibung praktiziert.

Im Zuge dessen standen viele Jahrzehnte lang Schwangerschaftsabbrüche im Zentrum feministischer Kämpfe. Dies wird einerseits durch den Versuch der staatlichen Reglementierung des Zugriffs auf den weiblichen Körper deutlich. Andererseits tritt die Idee in den Vordergrund, Reproduktion gesellschaftlich zu kontrollieren und Frauen eine festgelegte Rolle und Funktion in der Gesellschaft zuzuschreiben. Der Kampf zur Selbstbestimmung der Frau weist darüber hinaus auf andere Themenkomplexe hin – etwa festgelegte Vorstellungen und Konzepte von Geschlechterrollen, Familien, Sexualität oder Natur galt und gilt es zu hinterfragen. Ideen der Bevölkerungskontrolle werden in diesem Kontext als bevölkerungs- und machtpolitische Interessen betrachtet, die es scharf zu kritisieren gilt.

Auf dem Feld der Geschlechtergerechtigkeit sowie der sexuellen und reproduktiven Selbstbestimmung wurde viele Errungenschaften erzielt. Durch das gesetzliche Abtreibungsverbot und insbesondere Gruppierungen, die der „Lebensschutz“-Bewegung zuzuordnen sind, werden öffentlich Schwangerschaftsabbrüche emotional aufgeladen und tabuisiert. Selbsternannte Lebensschützer:innen verfolgen die Strategie Ärzt:innen als Gatekeeper und somit potenzielle Verbündete zu fokussieren. Ziel der „Lebensschutz“-Bewegung ist es durch den Mangel an durchführenden Ärzt:innen Schwangerschaftsabbrüche zu verunmöglichen. Durch den moralischen Druck in der Gesellschaft und medizinische Autoritäten, die Abtreibungen als etwas Unrechtes vermitteln, erhöht sich außerdem die Zahl der Mediziner:innen, die sich aus Gewissensgründen der Teilnahme an Abbrüchen verweigert. Die „Lebensschutz“-Bewegung als antifeministischer und reaktionärer Akteur will das Angebot von Schwangerschaftsabbrüchen einschränken, indem sie das Weigerungsrecht von Ärzt:innen anruft und die Religionsfreiheit – hier gekoppelt an christlich-fundamentalistische Werte – in den medizinischen Bereich trägt.

Damit Frauen ihrer erkämpften Selbstbestimmung nicht beraubt werden, ist es wichtig weiterhin das Tabu aufzubrechen, indem öffentlich darüber gesprochen und sich mit Betroffenen, ob ungewollt Schwangeren oder abtreibenden Ärzt:innen, solidarisiert wird. Nur so befassen sich Personen frühzeitig mit dem Tabuthema und nur so gelingt es langfristig Schwangerschaftsabbrüche in die Ausbildung des Medizinstudiums zu zentrieren.

Obwohl sich Hänel gegen das Urteil und Paragraf 291a wehrte und sich öffentlich für die Relevanz der Aufklärung von Schwangerschaftsabbrüchen und damit gleichzeitig der Selbstbestimmung von Frauen einsetzte, hat das Oberlandesgericht Frankfurt Anfang dieses Jahres ihre Revision zurückgewiesen. Es bleibt zu hoffen, dass ihre eingelegte Verfassungsbeschwerde positive Resonanzen nach sich zieht. Nichtsdestotrotz hat Hänel starken Einfluss auf die Enttabuisierung von Abtreibungen sowie die Herausbildung und Sichtbarkeit der Pro-Choice-Bewegung im öffentlichen Raum geübt.

 

 

– English –

Abortion – a taboo and its consequences

Women in Germany have abortions around 100,000 times a year. Abortion is thus the most common gynecological procedure. Nevertheless, abortion is still a taboo behind which dangerous unawareness is accumulated.

When the Giessen based doctor Kristina Hänel was reported in 2017 for “illegal advertising of abortions” and sentenced to a fine of 6,000 euros, a new dynamic emerged in the abortion debate. In this context, the serious consequences of the taboo were voiced from different perspectives and Hänel was made into a symbol of the struggle of women’s self-determination and liberation.

On her homepage, the physician wanted to draw attention to the topic of abortion, which is still a taboo for many women nowadays, and provide explicit and factual information about it. Section 219a of the German Penal Code (StGB), however, stipulates that “advertising the termination of pregnancy” is a criminal offense. The fact that advertising is equated with informing and educating, and that it is therefore irrelevant whether information has an “offering character” or not, seems insane, but unfortunately represents the bitter pill that many doctors have to swallow.

In Germany, providing information on the subject of abortion is prohibited – even if it comes from professionals who practice abortions themselves. Abortion Paragraph 218 will be 150 years old in 2021, Paragraph 2019a, 88 years. While in other countries, e.g. Ireland or South Korea, the corresponding legal situation has been liberalized, the Federal Republic Germany does not take a progressive direction and thus represents with its criminal law paragraph the only place where even the factual informing is prohibited.

The prohibition of medical information carries the danger that every layman has the possibility to inform about abortions and thus inevitably misinformation is spread, which leads to the fact that the topic abortion is further tabooed. When unintentionally pregnant women and abortifacient doctors are discouraged from talking about the issue, in the long-term, social sentiment is created that morally condemns the actors as murders, thus sustaining and reproducing the stigmatization, harassment, and discrimination of women.

Historically, the consequences of such a taboo can be observed. To avoid facing imprisonment or social stigma, women have performed self-abortions out of necessity and without the assistance of medical personnel, using coat hangers or toxic chemicals. Because those unintentionally pregnant women often lack medical education, self-abortions put women’s lives at risk. Causes of death include bleeding to death, peritonitis and poisoning. Even today, forms of self-abortion are practiced in parts of the world.

In the aftermath of that, abortions have been the focus of feminist struggles for many decades. On the one hand, this is evident in the attempt by the state to regulate access to the female body. On the other hand, the idea of societal control of reproduction and assigning women to a fixed role and function in society comes to the fore. The struggle for women’s self-determination also points to other issues – such as fixed ideas and concepts of gender roles, families, sexuality, or nature – that have to be questioned. Ideas of population control are considered in this context as population and power political interests that need to be sharply criticized.

Many achievements have been made in the field of gender justice and sexual and reproductive self-determination. The legal ban of abortion and, in particular, groups belonging to the “pro-life” movement, have made abortions emotionally charged and tabood in the public sphere. Self-proclaimed pro-lifers pursue the strategy of focusing on doctors as gatekeepers and thus potential allies. The goal of the “pro-life” movement is to make abortions impossible through the lack of doctors who perform them. In addition, the moral pressure in society and medical authorities who communicate abortions as something wrong increases the number of medical professionals who refuse to participate in abortions for reasons of their conscience. The “pro-life” movement, as an anti-feminist and reactionary actor, wants to limit the offer of abortions by appealing to the right of refusal of doctors and by bringing religious freedom – coupled with Christian fundamentalist values – into the medical field.

In order to not deprive women of their struggles for self-determination, it is important to continue to break down the taboo by talking about it publicly and showing solidarity with those affected, whether they are unintentionally pregnant or aborting doctors. Only in this way will people deal with the taboo subject at an early stage and only in the long term it will be possible to centralize abortions in the training of medical students.

Although Hänel defended herself against the verdict and Paragraph 291a and publicly advocated the relevance of abortion education and, at the same time, women’s self-determination, the Frankfurt Higher Regional Court rejected her revision earlier this year. It remains to hope that the constitutional complaint she filed will be given a positive response. Nevertheless, Hänel has exerted a strong influence on the de-tabooization of abortion and the emergence and visibility of the pro-choice movement in the public sphere.

 

Text & illustration by Emilie Dobrovolski

 

Referenzen/references

Gerhard, Ute (2018): Frauenbewegung und Feminismus. Eine Geschichte seit 1789. 3. Auflage. Verlag C.H.Beck: München.

Grimes et al. (2006): Unsafe abortion: the preventable pandemic. The Lancet 368 (9550), 1908-1919.

Mayr, Gabi (2018): Schwangerschaftsabbruch. Ein Tabu und seine Folgen. Deutschlandfunk, 27.11.2018. Auf Internetseite: https://www.deutschlandfunkkultur.de/schwangerschaftsabbruch-ein-tabu-und-seine-folgen.3720.de.html?dram:article_id=430044 (Letzter Zugriff am 12.03.2021).

Sanders, Elke/Achtelik, Kirsten & Jentsch, Uli (2018): Kulturkampf und Gewissen. Medizinethische Strategien der „Lebensschutz“-Bewegung. 1. Auflage. Verbrecher-Verlag: Berlin.

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