“…wofür sollte ich aufstehen?” – Das Tabu Depression

„Es ist ja eigentlich egal, was ich mache, also wofür sollte ich aufstehen?“ Solche und ähnliche Gedanken plagen Personen mit Depression tagtäglich. Das Tabu Depression und seine Folgen für Betroffene behandelt unsere Autorin Emilie in einem Interview mit dem Studenten Max.

 

– English below –

Dem deutschen Ärzteblatt zufolge seien in Deutschland jedes Jahr ca. 5,3 Millionen Menschen von einer Depression betroffen, womit sie zu einen der häufigsten Volkskrankheiten zählt. Dennoch haben Betroffene aufgrund der bestehenden Stigmatisierung und Tabuisierung Angst über ihre Erkrankung zu sprechen. Die Folgen sind, dass depressive Menschen ihre Krankheit verheimlichen, sie nicht ernst nehmen und kleinreden oder sie als persönliches Versagen einordnen, da sie nicht mehr richtig „funktionieren“. Geplagt von Schuld- und Schamgefühlen isolieren sich Betroffene und scheuen sich davor professionelle Unterstützung zu holen. In Extremfällen kann die Depression dazu führen, dass die Betroffenen nicht mehr ihrer Arbeit nachgehen können und/oder sich aus der Not heraus sogar das Leben nehmen.

Um ein bessere Verständnis für das Krankheitsbild zu erhalten sowie Handlungsempfehlungen im Umgang mit der Erkrankung als Nicht-Betroffener kennenzulernen, wird Max (Name anonymisiert, 25 Jahre alt, Student) in einem Kurzinterview über seine Depression sprechen.

 

Wann wurde bei dir die Depressionen diagnostiziert?

Also, an unterschiedlichen Punkten, aber das erste Mal mit, ich glaube, 15 Jahren.

 

Was hat sich nach der Diagnose für dich verändert?

Naja, man hatte so ‘nen Namen, den man der Sachen geben konnte. Wo man sich vielleicht vorher gefragt hat: „Was stimmt nicht mit mir?“ oder: „Warum bin ich jetzt so?“ oder: „Warum geht es mir so? Warum kann ich die und die Sachen nicht machen?“ Konnte man zumindest jetzt sagen: „Ok, das liegt daran.“ Und versuchen das anzugehen.

 

War das aus eigener Initiative heraus, dass du die Diagnose haben wolltest oder kam das von äußeren Einflüssen?

Schon aus eigener Initiative, aber nicht so sehr. Ich glaub, mein Eltern haben mich auch sehr dazu gedrängt – da hinzugehen zu dem Psychiater.

 

Würdest du rückblickend sagen, dass du dazu gedrängt wurdest?

Damals fand ich’s auf jeden Fall sehr belastend dahinzugehen und dann darüber zu reden. Das war definitiv nicht einfach für mich und ich hätte es lieber nicht gemacht und ich hab‘ mich durchaus auch gesträubt, aber rückblickend war das auf jeden Fall die richtige Entscheidung.

 

Depression stellt heutzutage noch ein Tabu in der Gesellschaft dar. Kannst du dir erklären, woran das liegt?

Ich glaub, das ist auf vielen verschiedenen Ebenen. Also klar, auf der persönlichen Ebene ist es etwas, was einen sehr belastet und was vielleicht auch mit Scham verbunden ist, weil man viele Sachen eben nicht machen kann, die man normalerweise machen könnte. Also z.B. jeden Tag aufstehen, oder oft ist es auch schwierig sich morgens die Zähne zu putzen oder sowas. Daran scheitert’s oft schon. Und dass sowas dann natürlich mit Scham verbunden ist, dass man das nicht kann, obwohl man körperlich ja eigentlich dazu fähig wäre. Und dann […] – in der Gesellschaft, in der wir leben, ist es nun mal so, dass es nicht gerade gern gesehen wird, wenn man keine Leistung erbringen kann. Vor allem, wenn man halt körperlich gesund ist. […] Wenn z.B. jemand depressiv ist und nicht seine acht Stunden arbeiten kann, dann wird das oft als faul abgestempelt oder der „stellt sich nur an“. Das wird natürlich auch mit Schwäche in Verbindung gebracht. […] Gerade in der älteren Generation ist das nochmal ganz anders. Da hört man Sachen wie: „Also ich kann mir das nicht leisten mir solche Gedanken zu machen. Ich muss nämlich arbeiten“ oder „Zahl erstmal Steuern, dann weist du was Depression heißt“.

 

Würdest du sagen, dass die jüngere Generation dem ganzen Thema aufgeschlossener ist?

Natürlich nicht vollständig. Das ist ja ein Prozess. Aber im Vergleich zwischen Leuten, die sag ich jetzt mal 50, 60 Jahre alt sind und Leuten, die jetzt zwischen 15 und 30 sind, ist der jüngeren Gruppe großteilig bewusster, was es mit geistiger Gesundheit auf sich hat, was es bedeutet Depression zu haben. Dass man sich dafür nicht schämen muss. Dass man damit offen umgehen kann. Das nehme ich auf jeden Fall so wahr. Es ist definitiv auch ein Thema, über das in den letzten Jahren auch viel gesprochen wurde.

 

Redest du auch offen darüber? Oder mit engen Freunden, Leuten, denen du vertraust? Wie gehst du mit der Erkrankung um?

Mittlerweile, wenn mich jetzt jemand fragen würde, würde ich’s schon sagen, aber man kommt ja auch nicht oft auf das Thema. Mit Freunden rede ich auch definitiv auch offen darüber. Persönlich schäm ich mich jetzt eigentlich nicht mehr dafür.

 

Und war das schon immer so, dass du so offen darüber sprechen konntest?

Das war früher als Jugendlicher definitiv schwierig, weil das so eine Zeit war, in der das Bewusstsein unter Jugendlichen noch nicht so verbreitet war und wo andere Leute das auch schwer verstehen konnten, was das heißt.

 

Wie gehst du mit der Depression in deinem Alltag um?

Naja, das ist schwierig. Ich bin ja in einer relativ privilegierten Situation als Student, dass ich keine 40-Stunden-Woche arbeiten muss. Demnach kann ich mir die Freiheit auch schon mal nehmen im Bett zu vegetieren, aber natürlich ist das auch nicht die beste Lösung – gerade auch mit Blick auf die Zukunft. Aber durch die Situation, in der ich gerade bin, habe ich die Möglichkeit mir die Zeit zu nehmen.

 

Hast du Angst, dass dir die Erkrankung in deinem späteren Berufsleben zum Verhängnis werden könnte?

Ja, natürlich. Die Möglichkeit besteht halt immer. Das muss man dann halt sehen, wie das funktioniert. Mit Therapeuten besprechen oder ob man medikamentös behandelt – da muss man dann halt schauen, was es für Möglichkeiten gibt.

 

Wenn du einer Person erklären müsstest, die jetzt nicht unter Depression leidet, wie sich das anfühlt, wie würdest du das beschreiben?

Ich glaub das ist für die betroffenen Personen individuell unterschiedlich, aber bei mir persönlich ist es vor allem so eine starke Lethargie, dass ich kaum aufstehen kann, mich kaum zu irgendwas motivieren kann. Dass alles auch irgendwie sinnlos erscheint, wo man sich denkt: „Ja ist ja eigentlich egal, was ich mache. Es bringt ja nichts. Es führt zu nichts. Jeden Weg, den mein Leben einschlagen könnte, den möchte ich sowieso nicht. Also wofür sollte ich aufstehen?“ Solche Gedanken.

 

Hat das dann immer solche Extreme oder hast du auch mal einen guten Tag? Und wenn ja, womit hängt das zusammen?

Das ist natürlich phasenweise. Ich würde das auch gar nicht tagweise beschreiben, sondern Abschnitte, wo’s schlechter ist, mal Abschnitte, wo’s besser ist. Es kann natürlich mit etwas zusammenhängen, dass man irgendwie einen Schicksalsschlag oder sonstige negative Erfahrung gemacht hat, dass das natürlich so eine depressive Episode triggert. Aber es kann auch passieren, dass man nicht weiß, warum das jetzt so ist. Ich kann nicht jedes Mal auf irgendeinen Grund zeigen und sagen: „Das ist jetzt dafür verantwortlich, dass ich diese Phase habe.“

 

Für viele Menschen hat sich die Verfassung im Zuge der Corona Pandemie verschlechtert, insbesondere bei denjenigen, die an einer psychischen Erkrankung leiden. Wie ist das bei dir der Fall?

Also für mich persönlich, und das ist jetzt bestimmt nicht das Durchschnittliche, war es eigentlich ganz befreiend, weil durch diese ganze Lockdown-Geschichte und dadurch, dass das Ganze online stattfindet und ich nicht mehr rausgehen musste, da kann man dann an den Tagen, wo man kaum aus dem Bett kommt, was machen. Und man muss sich irgendwie nicht schuldig fühlen, wenn man nur zuhause ist und nicht zu seinen Vorlesungen oder anderem gegangen ist. […] Bei mir kommt ja auch noch dazu, dass ich, nicht mehr so schlimm wie früher, aber trotzdem noch eine Sozialphobie habe und deshalb das für mich deutlich angenehmer ist, wenn ich nicht mit so vielen Menschen interagieren muss. Das heißt für mich war das eigentlich eine ganze positive Erfahrung. […]

 

Wie gehen deine Mitmenschen mit der Erkrankung um?

Es kommt ganz auf die Personen an. Meine Eltern waren da immer z.B. sehr unterstützend und haben das akzeptiert und mir da auch zugehört. Es gibt aber auch natürlich immer mal den Fall, dass das Leute nicht verstehen und dann, wenn man sich mit denen verabredet hat und dann nicht aus dem Bett kommt, das als Affront empfinden. Das kann natürlich immer sein. Oder, dass Mitschüler einen fragen, warum man denn solange nicht in der Schule war und das irgendwie nicht begreifen können. Aber mein derzeitiger Freundeskreis, da ist das auch kein Problem.

 

Welche gesamtgesellschaftlichen Veränderungen würdest du dir wünschen im Umgang mit Depressionen?

Ich glaube das muss man auf verschiedenen Ebenen betrachten. Also, was Individuen machen können, ist grundsätzlich einfach verständnisvoller sein und auch die Leute nicht drängen und vor allem nicht zu glauben, dass man das nachvollziehen kann, was jemand empfindet, der die Krankheit hat. Weil sowas wie: „Naja mir geht’s ja auch oft schlecht und wenn ich dann spazieren gehe, dann geht’s mir besser. Also geh doch mal spazieren“, muss wirklich niemand hören. Und gesellschaftlich – gerade, was die Therapie angeht, ist die oft darauf ausgelegt, dass man halbwegs wieder funktioniert und in das Berufsleben, oder was auch immer, wieder einsteigen kann. Das hat mich immer sehr gestört. […] Das führt bei mir und anderen Betroffenen dazu, dass das Vertrauen in die Therapie irgendwie mindert. Es wäre glaub ich auch gut, wenn Leute, die daran erkrankt sind, ins Arbeitsleben zu integrieren, es irgendwie langsamer macht und die dann nicht immer in diesen Acht-Stunden-Tag reinschubst, weil das wirklich schwierig sein kann.

 

Hast du sonst noch was, was dir auf dem Herzen liegt?

Ich glaub‘, wenn das zufällig jemand liest, dem es vielleicht so geht, der vielleicht nicht weiterweiß. Ich möchte nur sagen, es ist nichts schlimmes Depression zu haben. Redet bitte darüber mit irgendjemanden, mit euren Eltern, euren besten Freunden. Selbst, wenn ihr niemanden habt, sucht euch unbedingt Hilfe, weil allein schafft man das auf jeden Fall nicht, damit fertig zu werden.

 

Hilfe und Beratung

 

 

– English –

“…what should I get up for?” – The taboo of depression 

“It doesn’t really matter what I do, so what should I get up for?” This and similar thoughts plague people with depression every day. Our author Emilie tackles the taboo of depression and its consequences for sufferers in this interview with university student Max.

 

According to the German journal “Ärtzeblatt,” approximately 5.3 million people in Germany are affected by depression each year, which makes it one of the most widespread diseases. Nevertheless, those affected are afraid to talk about their illness due to the existing stigmatization. As a result, depressed people hide their illness, do not take it seriously and belittle it, or classify it as a personal failure because they no longer “function” properly. Plagued by feelings of guilt and shame, those affected isolate themselves and shy away from seeking professional support. In extreme cases, depression can lead to those affected no longer being able to pursue their work and/or even taking their own lives out of misery.

In order to obtain a better understanding of the disease and to learn about recommendations for dealing with the disease as a non-affected person, Max (name anonymized, 25 years old, university student) will talk about his depression in a short interview.

 

When were you diagnosed with depression?

Well, at different points, but the first time when I was 15 years old, I think.

 

What has changed for you after the diagnosis?

Well, you had a name that you could put to things. Before you might have asked yourself, “What’s wrong with me?” or “Why am I like this? Why I’m not able to do such and such things?” At least now I could say, “Okay, that’s because of this.” And try to deal with that.

 

Did you seek out that diagnosis on your own initiative or did that come from external influences?

On my own initiative, but not quite so much. I think my parents also pushed me a lot – to go to the psychiatrist.

 

Looking back, would you say that you were pushed into it?

At that time I definitely found it very stressful to go there and then talk about it. It definitely wasn’t easy for me and I would have preferred not to do it and I definitely resisted it but looking back it was definitely the right decision.

 

Depression is still a taboo in society nowadays. Can you explain why this is the case?

I think this is on many different levels. On a personal level it’s something that puts a lot of strain on you personally, and maybe it’s also connected to shame, because you can’t do a lot of things that you would normally do. So, for example, getting up every day; often it is also difficult to brush your teeth in the morning or things like that. And something like that is of course connected with shame, because you can’t do it, although you are actually physically healthy. And then […] – in the society in which we live, it’s not really appreciated if you can’t achieve anything. Especially if you are physically healthy. […] If, for example, someone is depressed and can’t work eight hours a day, they are often labeled as lazy or “just putting on an act”. Of course, this is also associated with weakness. […] Especially in the older generation, it’s quite different. There you hear things like: “Well, I can’t afford to worry about that. I have to work” or “Pay your taxes first, then you’ll know what depression means”.

 

Would you say that the younger generation is more open-minded about the whole subject?

Not completely, of course. It’s a process. But compared to people who are, let’s say, 50, 60 years old to people who are now between 15 and 30 years old, the younger group is largely more aware of things that have to do with mental health, what it means to have depression. That you don’t have to be ashamed of it. That you can deal with it openly. That’s definitely how I perceive it. It’s certainly a topic that’s been talked about a lot in the last few years.

 

Do you talk about it openly? Or with close friends, people you trust? How do you deal with the disease?

Today, if someone asks me, I would tell them, but it’s not a topic that comes up very often. I definitely talk openly about it with friends. Personally, I’m no longer ashamed of it.

 

And was that always the case, that you could talk about it in such a straightforward way?

It was definitely difficult when I was a teenager, because that was a time when awareness was not yet so widespread among youths, and it was hard for other people to understand what it meant.

 

How do you deal with depression in your everyday life?

Well, that’s difficult. I’m in a pretty privileged situation as a student, because I don’t have to work 40 hours a week. So I can take the freedom to vegetate in bed, but of course that’s not the best solution – especially looking to the future. But through the situation in which I am right now, I have the possibility to take the time.

 

Are you afraid that the disease could be your downfall in your later work life?

Yes, of course. The possibility always exists. You just have to see how it works out. Discussing it with therapists or whether you should take medication – you just have to figure out what the possibilities are.

 

If you had to explain to someone who is not suffering from depression how it feels like, how would you describe it?

I think it varies from person to person, but for me personally it’s mainly a strong lethargy that I can hardly get up, can hardly motivate myself to do anything. That everything seems to be pointless, where you think to yourself: “Yes, it doesn’t really matter what I do. It’s useless. It leads to nothing. Every path that my life could take I don’t want to take anyway. So what should I get up for?” Such thoughts.

 

For many people, the condition worsened in the aftermath of the Corona pandemic, especially for those who suffer from mental illness. How is the situation for you?

So for me personally, and this is definitely not the average, it was actually quite liberating, because through this whole lockdown and everything taking place online, I no longer had to go outside. And you somehow don’t have to feel guilty if you’re just at home and haven’t gone to your lectures or anywhere else. […] In my case, there’s also the fact that, I’m not as bad as I used to be, but I still have a social phobia, and that’s why it’s much more pleasant for me when I don’t have to interact with so many people. That means for me it was actually a very positive experience. […]

 

How do the people around you deal with the disease?

It depends on the person. My parents, for example, were always very supportive and accepted it and listened to me. But of course there is always the case that people don’t understand and then, if you have an appointment with them and then don’t get out of bed, they see that as an affront. Of course, that can always happen. Or classmates ask you why you haven’t been to school for so long and somehow they can’t understand it. But with my current group of friends, that’s not a problem at all.

 

What changes would you like to see in society in general when it comes to dealing with depression?

I think you have to look at it on different levels. So, what individuals can do is basically just be more understanding and also not push people and especially not believe that you can understand what someone feels who has the disease. Because something like: “Well, I often feel bad, too, and when I go for a walk, I feel better. So go for a walk”, nobody really needs to hear that. And socially – especially as far as therapy is concerned, it’s often designed to get you halfway back to functionality and to get you back into work or whatever. That has always bothered me a lot. […] For me and for other affected people, this somehow reduces their trust in therapy. I think it would also be good if people who have the disease could be integrated into working life more slowly and not always pushed into this eight-hour day, because that can be really difficult.

 

Do you have anything else that’s on your mind?

I think if by chance there’s someone reading this who might be feeling the same way, who might be struggling. I just want to say, there is nothing wrong with having depression. Please talk about it with someone, your parents, your best friends. Even if you don’t have anyone, make sure you seek help, because you definitely can’t do it alone.

 

Help and advice

 

 

von/by Emilie Dobrovolski

Beitragsbild/Picture from Martin Scherbakov

 

Referenzen/References

Aertzeblatt (2019): Depression noch immer Tabuthema. Link: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/106418/Depression-noch-immer-Tabuthema#:~:text=Obwohl%20Depressionen%20zu%20den%20Volkskrankheiten,f%C3%BCr%20Suizide%2C%20Arbeitsunf%C3%A4higkeit%20und%20Fr%C3%BChberentung. (Letzter Zugriff am 15.03.2021).

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