Tabus auf unseren Tellern

Martins neuer Artikel beschäftigt sich mit den verschiedensten Essgewohnheiten rund um den Globus. Während zum Beispiel in Europa Meerschweinchen zu essen verpönt ist, ist das in den Anden ganz normal!

Meerschweinchen am Spieß, gegrillter Hund oder Katze in Satésauce? Sind das etwa Fantasien eines Geisteskranken? Nicht im Geringsten, denn in Peru, Korea und Vietnam sind diese „Spezialitäten“ durchaus auf mancherlei Speisekarten vorzufinden. Im europäisch geprägten Raum sind solche Gerichte aber eindeutig tabu. In Indien dagegen isst man kein Rind, in jüdisch-islamischen Ländern kein Schwein. Wie aber kommen solche Nahrungstabus eigentlich zustande? Lasst uns auf der Suche nach Antworten eine „kulinarische“ Spurensuche rund um den Globus unternehmen!

 

Die Kuh ist heilig

Man sollte zweierlei Arten von Nahrungstabus unterscheiden. Zum einen können soziokulturell geprägte Normen im Vordergrund stehen, zum anderen aber auch religiöse Verbote, mit welchen im Folgenden begonnen werden soll. Für die allermeisten Hindus stellt die Kuh ein heiliges Tier dar, die Verkörperung der Göttin Prithivi Mata, also der Mutter Erde. Selbstverständlich dürfen Kühe nicht zum Verzehr getötet werden. Manche Hindus glauben sogar, dass die Kuh für die Seele eine Vorstation zum Menschsein ist, stirbt eine Kuh, wird deren Seele in einem Menschenkörper wiedergeboren. Tötet man sie aber, sinkt die Seele auf die unterste von 87 Entwicklungsstufen zurück. Daher ist es kaum verwunderlich, dass man selbst altersschwache Milchkühe in Indien oft nicht schlachtet, sondern in spezielle „Altersheime“ schickt, wo diese bis zu ihrem natürlichen Tod versorgt werden. Einige in Indien lebende Muslime dagegen betreiben durchaus die Aufzucht und Schlachtung dieser gehörnten Tiere. Manchmal bringen sie sich dabei aber selbst in Gefahr, denn Vorfälle, bei denen aufgebrachte Mobbs aus hinduistischen Extremisten muslimische Fleischer bis zum Tod verprügelten, häufen sich immer mehr.

 

Das Schwein – ein unreines Tier?

Für Anhänger:innen des islamischen, wie auch jüdischen Glaubens selbst ist dagegen der Konsum von Schweinefleisch tabu. Diesbezüglich gibt es sowohl in der Thora, als auch im Koran eindeutige Gebote, Schweine werden dort als unreine Tiere beschrieben. Spannenderweise war im Nahen Osten der Konsum von Schweinefleisch vor der Entstehung der ersten monotheistischen Religion durchaus üblich. Was führte also letztendlich zu einem solch strikten Verbot? Ein Erklärungsansatz geht von einer Rodung der im Nahen Osten ursprünglich wachsenden Wälder aus, welche die als Nutztiere gehaltenen Schweine mit Nahrung, z.B. Eicheln, versorgt haben. Die durch Abholzung resultierende Dürresituation und Nahrungsknappheit zwang die Schweine, sich in ihrem eigenen Kot zu suhlen und es sogar selbst zu verspeisen, eine wahre Inkarnation von Unreinheit.

 

Pferdefleisch aus der Konservenbüchse

Während religiös motivierte Nahrungstabus innerhalb einer Religionsgemeinschaft eine fast universelle Gültigkeit besitzen, können sich soziokulturell bedingte Nahrungstabus selbst innerhalb eines Kulturraumes stark unterscheiden. So ist im deutschsprachigen Raum der Konsum von Pferdefleisch eher verpönt, nur einzelne Pferdemetzgereien bieten es zum Verkauf an. In Frankreich dagegen findet man es häufig auf der Supermarkttheke und in Russland sind Konserven und Salami aus Pferd keine Seltenheit. Dabei ist Pferdefleisch in Europa historisch gesehen eher ein Novum: Das von Papst Gregor III. noch im Jahre 732 erlassenes, päpstliches Pferdeschlachtverbot war bis ins 18 Jahrhundert hinein bindend. Der Verzehr von Pferdefleisch galt sogar als Indiz für Hexerei. Für Reitervölker aus dem asiatischen Raum zählte Pferd hingegen schon seit jeher zu den Grundnahrungsmitteln, heute noch ist es in der Mongolei eine Alltagsspeise. In Deutschland aber bleibt für viele Menschen das Pferdefleisch auch weiterhin ein Tabu, besonders deutlich wurde es im Pferdefleischskandal 2013, als man dies in Tiefkühllasagne entdeckt hatte.

 

Meerschweinchen vom Grill

Ein Grund für die ablehnende Haltung gegenüber Pferdefleisch könnte eine starke emotionale Bindung vieler Menschen zu den behuften Geschöpfen sein. Denn meistens sind sie doch eher Haus- und keine Nutztiere. Dies gilt aber nicht für Hasen und Kaninchen. Diese beiden Tierarten sind wohl die einzigen, die in der westlichen Welt von zahlreichen Menschen als Haustiere gehalten werden und deren Konsum in Europa gleichzeitig gesellschaftlich akzeptiert, wenn nicht sogar, z.B. an Ostern, zelebriert wird. Anders als Kaninchen und Hasen, die vor ihrer Einkehr als Haustiere in unsere Häuser und Wohnungen über viele Jahrhunderte hinweg als Nutztiere gehalten wurden, hat man in Europa zu keinem Zeitpunkt der Geschichte Meerschweinchen verzehrt. Daher üben Bilder aus Peru von diesen Nagern in gegrillter Form auf uns, in Europa lebende Menschen, oftmals eine Schockwirkung aus. Dabei ist deren Konsum in der Andenrepublik so alltäglich wie bei uns ein Schweinebraten oder eben ein Kaninchen in Weißweinsauce. Speziell für den Verzehr herangezüchtete, als Cuys bezeichnete Meerschweinchen bringen oft über ein halbes Kilo auf die Waage; jährlich landen ca. 65 Millionen auf den Straßengrills. Zubereitet werden die meist in Gänze, was zur Folge hat, dass man das Tier auf seinem Teller noch gut erkennen kann.

 

Heute Abend gibt’s Hund

Am meisten aber erregt in Europa wohl der Konsum von Hundefleisch die Gemüter. Allein in China sollen pro Jahr 20 Millionen verspeist werden, wobei die Zahl durch den im Mai 2020 in Kraft getretenen Handelsverbot mit Hundefleisch sinken müsste. Doch nicht nur in China allein, sondern auch in Vietnam, Kambodscha und vor allem in Südkorea gibt’s zum Mittag manchmal Hündchen. Vor allem in Südostasien werden eher kleine Hunde in Gänze, also sogar mit Kopf und Schwanz, auf den Grill geworfen. Und doch ist Hundefleisch meist keine Alltagsspeise, sondern eher ein Produkt aus dem Luxussegment, welchem unter anderem die Steigerung männlicher Potenz zugesprochen wird. Als besondere Delikatesse gilt z.B. auf den Philippinen das Fleisch von Bernhardinern, die man aus Europa verschleppt und zu „Fleischhunden“ in über 60 Zuchtstätten mästet. In Südkorea dagegen züchtet man eigene „Tafelhunde“ auf.

 

Hundefleisch made in Germany

Was aber kaum bekannt ist: Auch in Deutschland landete vor nicht einmal hundert Jahren Hundefleisch auf unseren Tellern. Vor dem ersten Weltkrieg wurden davon im Kaiserreich bis zu 84 Tonnen jährlich produziert, z.B. in Chemnitz gab es auch eine Reihe von Wirtschaften, wo es serviert wurde, beispielsweise in Form von Mett.  Und während der Belagerung von Paris in 1870/71 boten die dortigen Restaurants „Delikatessen“ mit Seltenheitswert an: So konnte man in den Genuss einer geschnetzelten Hundeleber oder eines Schulterfilets vom Hund in Tomatensauce kommen. Schließlich dienten Schlittenhunde dem Polarforscher Roald Amundsen bei seiner Expedition zum Südpol nicht nur als Transportmittel, sondern auch als Proviant. Wiederum in China und Vietnam landet auch Katzenfleisch in den Mägen der Menschen. Aus dem Fleisch werden z.B. Bällchen geformt, auch die Eingeweide werden verwendet, der Kopf aber wird weggeschmissen. Infolge einer immer größer werdenden Popularität der Katze als Haustier ging in China deren Konsum in den letzten Jahren stark zurück.

 

Käse mit Maden und andere Leckerbissen

Auch Insektenkonsum ist in Europa oftmals noch tabu, obwohl sich dies in den letzten Jahren zu ändern begann. Dabei hat selbst in der Alten Welt die Entomophagie, also der Verzehr von Insekten, Tradition: Im alten Rom aß man Weidenbohrer-Raupen und noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts kochte man in Frankreich eine Maikäfersuppe. Der Casu Marzu, ein überreifer Schafskäse aus Sardinien, der zusammen mit den darin lebenden Maden der Käsefliege verspeist wird, ist dafür ein weiteres Beispiel. Zu guter Letzt sei auch noch Walfleisch erwähnt, dessen Konsum vom Großteil der Weltbevölkerung stark abgelehnt wird, sich in Norwegen und Japan aber großer Beliebtheit erfreut.

Wie die meisten Tabus sind auch Nahrungstabus historisch wandelbar, sie können sich verändern, gänzlich verschwinden oder umgekehrt neu aufkommen. Wer weiß, vielleicht werden in 50 Jahren Darstellungen von Spannferkeln auf dem Grill in Deutschland einen ähnlichen Schock in den Menschen auslösen, wie heutzutage das Bild eines gegrillten Hundes; Frikadellen aus Heuschrecken wird man aber vielleicht in Schulkantinen servieren.

 

Text & Bild von Martin Scherbakov

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