Die Facetten von Asexualität: Ein Interview

Sexualität interessierte mich schon immer brennend. Als Kind klaute ich die BRAVOs meiner Schwester, um die Körper der Nackten zu inspizieren, in der Pubertät mussten mir Freund*innen, die ihr erstes Mal bereits hatten, so detailliert wie nur möglich darüber berichten und auch jetzt, mit 22 Jahren, braucht es nur ein paar Gläser Wein, bis ich auf dieses so vielfältige Thema zu sprechen komme.

 

So oder so ähnlich muss es auch auf ebenjener Party gewesen sein, als ich Fabian* kennengelernt habe. Wir redeten ein bisschen um den heißen Brei herum, bis er schließlich ganz nüchtern (artikulatorisch gesehen) preisgab, dass er asexuell sei. Wir tauschten Nummern für ein Interview aus, damit ich sowohl meine, als auch eure Neugier befriedigen kann.
Hier ist es:

 

V: Also Fabian, stell dich doch mal vor.

Ich bin Fabian, 33 Jahre alt und arbeite in Nürnberg im Medienbereich.

 

V: Wann und wie hast du gemerkt, dass du asexuell bist?

Wirklich sicher bin ich mir darüber erst seit 2 Jahren. Damals hat sich, sagen wir mal eine „Verliebtheit“ zu einer Frau bei mir angebahnt. Irgendwann bin ich an einem Punkt angelangt, an dem ich merkte, dass es für mich in dieser Sache nicht wirklich weiter geht. Dann hab’ ich mich natürlich gefragt, ob es an mir liegt oder ich irgendetwas nicht ausstrahle, gerade was Sexualität angeht. Als ich dann länger über diese Situation nachgedacht habe und vor allem auch meine bisherigen Erlebnisse diesbezüglich reflektiert habe, stellte ich mir die Frage, ob es vielleicht einfach an meiner sexuellen Orientierung liegt. Daraufhin habe ich mich im Internet informiert und gemerkt, dass ich nicht homosexuell bin, da ich mich doch eher zu Frauen hinzugezogen fühle. Irgendwann bin ich dann auf das Thema Asexualität gestoßen und hab mir im Aven-Forum ein paar Artikel durchgelesen und gemerkt, dass es das ist. Es hat Klick gemacht und auf einmal viele Situationen und Fragen in meinem Leben geklärt.

 

V: Wenn du dich zu Frauen hingezogen fühlst, aber asexuell bist, dann bist du aber nicht aromantisch (1), oder?

Genau. Also Nähe an sich ist mir schon wichtig. Ich bin vom Charakter her ein sehr sozialer Mensch und sehr gerne unter Leuten oder mit Freunden unterwegs. Dazu gehört ja körperliche Nähe, welche allgemein für den Menschen total wichtig ist. Während Nähe zu wollen für andere auch sexuelle Anziehung bedeutet, ist es das für mich gar nicht. Eine gute Freundschaft und ein Gefühl von Vertrautheit, das ist für mich Nähe und die reicht mir auch.

 

V: Hast du dann überhaupt Interesse an einer Beziehung zu einer Frau?

Ja, an sich schon. Hauptsächlich aufgrund der Nähe und Vertrautheit, die eine Beziehung mit sich bringt. Nähe in der Hinsicht, dass man sich voll und ganz aufeinander verlassen kann und sich zu 100 % aufeinander einlässt und versteht, noch mehr als es in einer Freundschaft der Fall ist. Danach sehne ich mich schon, also eine Frau zu finden, mit der ich das Teilen kann und damit auch einen besonderen Menschen im Leben an meiner Seite zu haben.

 

V: Also kannst du dir auch vorstellen, mal eine Familie zu Gründen?

Es wäre schon schön, Kinder zu haben. Dahingehend betrachtet würde ich sogar sagen, dass Sex, um Kinder zu zeugen, schon gehen würde – auch wenn sich das furchtbar konservativ anhört. (lacht)
Aber das kommt ja auch auf die Beziehung an, die ich führen würde. Und an sich gibt es natürlich noch andere Formen, um Kinder zu bekommen, Adoption zum Beispiel. Ich finde es einen tollen Gedanken, einem Kind eine Familie zu bieten und sich komplett für diesen Menschen zu verantworten, egal ob es sich um eigene oder adoptierte Kinder handelt.

 

V: Im Aven-Forum gibt es unter anderem Kontaktanzeigen für asexuelle Menschen. Hast du vor direkt nach einer ebenfalls asexuellen Frau zu suchen?

Da tu ich mich ehrlich gesagt noch etwas schwer, obwohl es einige Sachen von Anfang an klar stellen würde. Ich glaube auch, dass man Kompromisse finden kann, wenn man offen miteinander redet. Dadurch kann man Formen einer Beziehung finden, die beide befriedigen, ohne, dass beide asexuell sind.

 

V: Was für Formen könnten das sein? So eine Art offene Beziehung, in der dann einzig deine Freundin mit anderen Menschen schläft?

Darüber hab ich schon länger nachgedacht. Ich denke mal, wenn für die Partnerin Sex – im Gegensatz zu mir – extrem wichtig ist, dann ist eine Beziehung an sich schwierig. Aber ich würde auch nicht wollen, dass sie bewusst auf etwas verzichtet, nur weil ich es ihr nicht geben kann, und dass daraus Frust entsteht. So gesehen könnte ich mir sogar eine Art von offener Beziehung vorstellen. Solange meine Partnerin weiß, was sie an mir hat und dies auch mehr schätzt als den Sex.

 

V: Eigentlich wollte ich eine gute Überleitung finden, doch ganz direkt gefragt: Hattest du schon Sex? Wenn ja, wie fandest du es?

Ja, ich hatte schon Sex, aber noch nicht all zu oft. Aber mir persönlich hat das nie viel gegeben. Dadurch hab ich einfach gemerkt, dass diese Art von Nähe mir nichts gibt bzw. nichts bringt.

 

V: Hat dich der Sex dann dahingehend befriedigt, dass du gekommen bist?

Ja, das schon. Aber für mich war es nie das Besondere, was so viele Menschen daraus machen. Dieses Gefühl, dass man das braucht und auch immer wieder fühlen will, hat sich bei mir irgendwie nie entwickelt.

 

V: Wie sieht es mit Selbstbefriedigung aus?

Das schon. Aber eher wegen dem entspannenden Gefühl, das es mir gibt. Also wenn, dann ist es für mich einfach eine Art Stressabbau, damit ich kurzzeitig Entspannung fühle.

 

V: Konsumierst du dazu dann Pornografie?

Ja, manchmal schon. Und da glaube ich, richte ich mich nach Ästhetik und Qualität. Amateurfilmchen sind nichts für mich. Ich versetzte mich ja nicht in die Personen hinein die ich da sehe, wie es wahrscheinlich die meisten machen. Ich betrachte die Situation einfach nur, schaue also schönen Menschen beim Sex zu, mehr nicht.

 

V: Ist es dir eigentlich unangenehm, so offen mit mir über dieses Thema zu reden?

Tatsächlich weniger als gedacht. Es ist ja wichtig über solche Themen zu sprechen, auch für mich, selbst wenn es mir während des Interviews manchmal schwer gefallen ist, meine Gefühle richtig in Worte zu fassen und eine klare Linie zu finden.

 

V: Wissen eigentlich deine Freunde über deine Asexualität Bescheid?

Ja, einige schon. Erst habe ich es nur meinen engsten Freunden und Freundinnen anvertraut. Die haben auch alle – Gott sei Dank – positiv reagiert. Nur ein Kumpel war etwas irritiert und hat mich gefragt, ob es nicht einfach an meiner fehlenden Erfahrung liegt und gefragt, ob meine Aversion nicht andere Gründe haben könnte. Aber an sich behalte ich das meistens für mich selbst, weil ich keine Lust habe, mich dauernd zu erklären.

 

V: Lässt du dich auch aus diesem Grund von mir interviewen?

Auf jeden Fall! Ich hoffe, dass ich die Unsicherheit, die Menschen bezüglich Asexualität haben, etwas abbauen kann. Die Leute sollen verstehen, dass man Asexualität nicht mit Frigidität oder komplettem Desinteresse an Sexualität oder Nähe gleichsetzen kann. Körperlich ist bei mir alles in Ordnung, ich empfinde auch sexuelles Verlangen, muss dieses aber nicht unbedingt ausleben.
Wenn ich mit diesem Interview ein paar Menschen verdeutlichen kann, dass es von Asexualität total viele Facetten gibt, dann hab ich mein Ziel erreicht, dafür stell’ ich mich wirklich gerne zur Verfügung.

 

V: Fühlst du dich schlecht repräsentiert? In Amerika ist es völlig normal, dass asexuelle Menschen bei Gay-Pride-Paraden eigene Wägen haben, während Asexuelle in Deutschland selbst bei Christopher-Street-Days noch recht wenig repräsentiert werden.

Also ich brauch keinen eigenen Wagen, aber ich würde mich natürlich freuen, wenn sich der Queer-Begriff dahingehend auch öffnen würde. An sich sollte dieses Thema einfach allgemein mehr Beachtung finden, gerade in unserer übersexualisierten Welt gehen die vielen Facetten der Asexualität total unter.

 

* Name von der Redaktion geändert

1 Ein*e Aromantiker*in ist eine Person, die sich wenig bis gar nicht romantisch zu anderen hingezogen fühlt bzw. die kein Verlangen nach romantischer Interaktion empfindet.

 

Das Interview führte Christoph Wusaly