Münchhausen und der Skeptizismus

Wir nehmen vieles in unserem Leben als gegeben hin und glauben an Wissen und Wahrheit – selbst die Philosophie tut das meist. Eine Strömung allerdings gibt den Glauben an das Wissen auf. Unser Chefredakteur Eric Hartmann hat sie in der Printausgabe Wintersemester 17/18 (“Realität”) beschrieben:

 

In unserem Alltag nehmen wir die Sachen gerne so hin, wie wir glauben, dass sie sind. Wir hinterfragen nicht weiter. Eine eigene Erfahrung ist Evidenz genug und wir schrecken auch nicht vor Verallgemeinerungen zurück. Wir glauben, was im Fernsehn gesagt wird und wissenschaftliche Erkenntnisse sind wie der heilige Gral, an dem wir uns festklammern – die sind zwar meist schon überholt, wenn sie aus den Fachdiskussionen der scientific community rausschwappen und die normalen Menschen erreichen, aber wen stört das wirklich?!

Anders als in unserem Alltag sieht das allerdings die Philosophie – besser gesagt: Eine prominente Strömung der Philosophie, die bis in die Antike zurückreicht. Die Rede ist vom sogenannten Skeptizismus. Die Kernthese ist recht einfach: Wir können nichts wissen. Egal, wie lange wir nachdenken. Egal, wie genau wir forschen. Egal, wie viel Aufwand wir investieren: Wir können nie sicher sein, dass unser „Wissen“ wirklich wahr ist. Weil es keine Sicherheit gibt, dass unser „Wissen“ wahr ist, gibt der Skeptizismus den Begriff des Wissens komplett auf.

Wer diese Position zum ersten Mal hört, wird sich wohl fragen, wieso dem so sein sollte. Schließlich können wir heute architektonische Meisterleistungen vollbringen, zum Mond fliegen und Atome spalten. Das klingt doch nicht schlecht. Der Skeptizismus wäre aber natürlich keine philosophische Strömung, wenn er sich über derartige Einwände nicht mit einem wunderbar theoretischen Argument hinwegsetzen könnte. Es handelt sich um das sogenannte Münchhausen-Trilemma.

Das Münchhausen-Trilemma führt von einer sehr simplen und plausiblen Prämisse in eine Situation, in der es drei Möglichkeiten zur Auswahl gibt, die aber alle inakzeptabel wirken. Es lässt sich wie folgt formulieren:

Es ist sehr plausibel, dass jede Aussage, die wir tätigen, begründet werden muss, um mehr als eine bloße Behauptung zu sein. Um zu zeigen, dass eine Aussage wahr ist, müssen wir also Begründungen für diese Aussage anführen, die die getätigte Aussage stützen. Dieses Prinzip nennt man das Prinzip des hinreichenden Grundes, da wir eine Aussage dann als wahr akzeptieren (sollten), wenn wir hinreichende Gründe haben, diese Aussage für wahr zu halten.

Aber warum sollten wir an dieser Stelle aufhören? Ist nicht die Begründung der ursprünglichen Aussage in gleichem Maße begründungsbedürftig? Und wie steht es mit der Begründung der Begründung? Und mit der Begründung der Begründung der Begründung?

Das erste Problem besteht also darin, dass wir nicht mehr mit den Begründungen aufhören können. Wir müssen immer weiter begründen, wenn wir das Prinzip des zureichenden Grundes anwenden. Man spricht hier von einem infiniten Regress.

Kluge Köpfe könnten sich denken, dass es ja aber auch andere Möglichkeiten gibt – zwei an der Zahl. Diese beiden Möglichkeiten stellen auf den ersten Blick Möglichkeiten dar, den infiniten Regress abzuwenden. Auf den zweiten Blick allerdings zeigt sich, dass diese beiden Möglichkeiten ebenfalls höchst problematisch sind. Es handelt sich um den logischen Zirkel und den dogmatischen Abbruch.

Beim logischen Zirkel hören wir einfach irgendwann auf, neue Begründungen heranzuziehen und ziehen stattdessen Aussagen heran, die wir davor schon getätigt haben. Wir begründen beispielsweise A durch B, B durch C, C durch D und D wiederum durch B. Es bildet sich also eine in sich abgeschlossene Argumentationsstruktur.

Das Problem dabei ist, dass die Argumentation eben zirkulär ist: Wenn man D durch B erklärt und D wiederum zur Erklärung von B beiträgt, dann stützen sich B und D gleichermaßen auf die jeweils andere Aussage. Eigentlich erklärt man durch eine derartige Struktur gar nichts, denn die Erklärung hat keinen Mehrwert. Ich kann mir viel mehr weder bei B noch bei D sicher sein, ob sie wirklich wahr sind. Der logische Zirkel ist also keine akzeptable Lösung des Trilemmas.

Die dritte und letzte Möglichkeit ist der dogmatische Abbruch. Beim dogmatischen Abbruch wird der infinite Regress schlicht und einfach abgebrochen. Wir erklären vielleicht Aussage A durch Aussage B und B durch C und C durch D, aber bei D wird es uns zu blöd. Wir lassen das Ganze einfach sein und sagen, D bedürfe keiner weiteren Erklärung.

Diese Position wird in der Philosophie recht häufig vertreten. Die letzte Behauptung, die wir nicht weiter begründen, bezeichnet man auch als archimedischen Punkt: Wenn es nur eine einzige Aussage gibt, die nicht in Frage zu stellen ist, dann kann darauf das gesamte Wissen aufgebaut werden und wir können mit Sicherheit davon ausgehen, dass es wahr ist. Man denke da nur an den berühmten Ansatz Descartes „Ich denke, also bin ich“, der genau so einen archimedischen Punkt darstellt, auf dem Descartes sein ganzes Weltbild aufbaut. Dem Namensgeber Archimedes wird nachgesagt, er hätte einmal behauptet, dass er die ganze Welt aus den Angeln heben könne, wenn man ihm nur einen einzigen festen Punkt gebe, an dem er seinen Hebel ansetzen könne.

Warum aber ist dieser Abbruch dogmatisch und was ist so schlimm daran? Nun, da wir einfach aufhören zu begründen, haben wir keine guten Gründe, die dafür sprechen, dass wir an diesem Punkt aufhören können. Der Abbruch erfolgt ohne Begründung und wird einzig und allein durch die Behauptung legitimiert, dass diese letzte Aussage (in unserem Beispiel D) nicht weiter begründet werden müsse, weil sie ja augenscheinlich wahr sei.

Auf augenscheinlichen Wahrheiten kann man aber leider kein Wissen aufbauen. Der Abbruch ist dogmatisch, weil er Sicherheit erschafft, indem er aufhört, nach weiteren Begründungen zu fragen. Der resultierende Dogmatismus gibt also Wahrheit zu Gunsten von Sicherheit auf. Auch das kann keine befriedigende Lösung sein.

Da alle drei Möglichkeiten keine befriedigenden Lösungen darstellen, kommen die Skeptiker zu dem Schluss, dass wir den Begriff des Wissens selbst und jeden Glauben daran, dass wir Wahrheit erkennen können, aufgeben müssen. Halb erschlagen von kruden Gedankengängen alter Männer denkt sich der/die wert/e Leser*in jetzt vielleicht, dass dieses Ergebnis aber nicht sonderlich zufriedenstellend ist. Irgendwie ist uns mit der skeptischen Position nicht wohl. Wir haben den Glauben an das wahre und wahrhafte, sichere Wissen irgendwie lieb gewonnen.

Aber die Philosophie wäre ja schließlich nicht die Philosophie, wenn die Debatte an dieser Stelle aufhören würde. Vielleicht ist Zirkularität gar nicht so schlimm, wenn der Zirkel nur komplex genug ist und ein kohärentes Netzwerk sich gegenseitig stützender Aussagen bildet? Vielleicht ist ja auch gar nicht jeder Abbruch dogmatisch – wer weiß?! Vielleicht sollten wir auch einfach das Prinzip des zureichenden Grundes aufgeben – schließlich hat uns das überhaupt erst in den Schlamassel rein geführt…

Das letzte Wort in dieser Sache ist also bei Weitem nicht gesprochen. Aber vielleicht lohnt es sich für uns, wenn wir begreifen, dass Wissen und Wahrheit große Wörter sind. Große Wörter, denen wir im Alltag häufig nicht gerecht werden. Wörter, denen wir auch nicht gerecht werden, wenn wir irgendwelche Studien herbei googeln, um unsere Position zu „fundieren“ oder wir verallgemeinerte Aussagen über Mitmenschen machen, weil wir ja schon so viele Erfahrungen mit diesen oder jenen gemacht haben. Was wir mitnehmen können ist ein bisschen mehr Sensibilität dafür, wie relativ unser Wissen und wie klein unser Horizont doch ist.

 

Von Eric Hartmann

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der Printausgabe Wintersemester 17/18 “Realität”.