Liebesbrief an Silvester.

Unsere Autorin Joana schließt heute unsere Selfcare-Week zwischen den Jahren ab. Sie findet Silvester wundervoll, gerade weil sie keine Erwartungen an diesen Tag stellt.  Aber lest selbst.

 

Hallo Silvester,

Silvester nennt man dich bei uns; man benennt dich nach einem Papst. Im Englischen nennt man dich New Year’s Eve, im Niederländischen Oud en Nieuw. Das ist ein bisschen kompliziert beim Reden, aber macht mehr Sinn.
Du kommst am Ende des Jahres mit deinen Tagen, die Tage um dich herum, die erstmal so sinnlos wirken; du bist der Tag, von dem alle etwas erwarten; nach dem Essenskoma, nach dem Nichtstun, nach der Langeweile. Die Leute; sie wollen einen Kuss, ein Festessen, ein ganzes Feuerwerk. Doch ich mag dich auch so, ganz genauso wie du bist.
Schon früher warst du für mich ein Tag, an dem ich nicht viel erwartete; ich sah Dinner for One und mit Oma das Silvesterstadl. Ohne Scherz, ich kenne mich dank dir in der Volksmusik wahrscheinlich besser aus, als mir lieb ist und eigentlich hättest du zu einem Fest werden müssen, das ich hasse, das ich hasse, weil du nie einen Zauber bekommen hast bei mir. Nie so wie bei Weihnachten.
Aber mit jedem Jahr in dem du kamst und gingst, eröffnetest du mir mehr und mehr Möglichkeiten. Du hast mir deine Hand gereicht und mir gezeigt, dass du mein Tag werden willst; mein ganz eigener Tag. Ich kann mich in dir zurückziehen und muss trotzdem nicht alleine sein; du bist Langeweile und Ereignis zugleich. Und vor allem zeigst du mir, welche Menschen bleiben; welche Menschen geblieben sind. Du zeigst mir jedes Jahr die gleichen.
Und während andere in ihrem Essens- und Alkoholdelirium hängen, gehe ich, warm eingepackt, in Jogginghose auf die Straße; ignoriere deinen Lärm, deine Lautheit; und begrüße deine Nachfolgerin. Neujahr. Ohne Erwartungen.

 

Von Joana Hammerer