Eine Woche Online-Theater – ein Resümee.

Die Bühnen in Deutschland bleiben leer, deshalb bieten viele Theater Online-Alternativen an. Ein Kommentar.

 

Es ist eine schwierige Zeit für alle, eine besondere Nerven- und Zerreißprobe für die Weltbevölkerung, für die Politik, Wirtschaft, und allen voran für das Gesundheitssystem und alle Ärzt*innen und Pfleger*innen. Die haben sich einen fetten Applaus verdient.

Eigentlich hätte es im März von meiner Seite noch zwei oder drei Rezensionen von Theaterstücken geben sollen. Aber auch die Kulturbranche in Deutschland schwimmt gerade in Ungewissheit. Alles ist abgesagt oder verschoben, keiner kann sicher sein, wann es weitergeht. Wie es weitergeht. Der Spielbetrieb auf bayerischen Bühnen ist vorerst eingestellt –  bis zum 19. April, aber die Prognose scheint nicht gerade rosig.

Deswegen bieten zahlreiche Theater jetzt Online-Angebote zur Überbrückung. Das Theater Erlangen und das Staatstheater Nürnberg posten täglich kurze Videos von und mit Mitgliedern aus ihren Ensembles, anderswo in Deutschland bieten Theater Online-Lesungen, Blogs und Podcasts (u. a. das Residenztheater München, das Schauspiel Köln, das Thalia Theater Hamburg und das Schauspielhaus Bochum).

Manche zeigen auch Mitschnitte von Generalproben und Aufführungen – zum Beispiel die sonst mit Rezensionen und Artikeln gefüllte Webseite nachtkritik.de. Die Schaubühne Berlin holt außer aktuellen Aufführungen auch noch welche aus ihrem Archiv hervor. Und die Kammerspiele München boten am gestrigen Dienstag eine Live-Cam-Performance ihres Stücks „Yung Faust“ als Streaming-Experiment an, um das den Aufzeichnungen abspenstige Element des Unmittelbaren wieder hinzuzufügen. Die Schauspieler*innen konnten sich dabei ab und zu selbst das Lachen nicht verkneifen, wahrscheinlich, weil sie die Situation genauso neu und befremdlich fanden wie einige ihrer Zuschauer*innen.

Eben. Befremdlich.

Ich habe jetzt etwa eineinhalb Wochen lang immer wieder abends online Theater…geschaut? Konsumiert?

Gut ist, dass ich ausschalten kann, wenn es mir nicht gefällt, und da das Angebot wächst, kann ich mir einfach was Neues aussuchen. Ich kann auch vor- oder zurückspulen, pausieren und auf die Toilette gehen, wann ich will, und leiser stellen, falls mir mal eine*r zu laut schreit (war insbesondere bei „Hamlet“ in der Regie von Christopher Rüping an den Kammerspielen München ein Segen). Ich kann sogar, wenn ich Lust habe, zwei Stücke direkt hintereinander sehen. Ich muss nicht zwei oder drei Mal kontrollieren, ob ich mein Handy auch wirklich ausgeschaltet habe und muss nach Vorstellungsende nicht ewig an der Garderobe anstehen, um meine Jacke abzuholen. Und ich kann, ohne dafür etwas auszugeben, in einen Zug steigen und in einer anderen Stadt nächtigen zu müssen, Theater aus ganz Deutschland anschauen.

Aber erleben kann ich es nicht.

Da sind keine Aufregung und Vorfreude, wenn ich auf einen Play-Knopf drücke. Eher so ein… mildes Interesse. Ich habe kein Ticket in der Hand, und keine*r steht an den Türen zum Einlass, der oder die es kontrolliert und mir viel Spaß bei der Vorstellung wünscht.

Da ist kein angeregtes Gemurmel im Zuschauer*innenraum (auch wenn manchmal auf den Aufzeichnungen welches zu hören ist), das antizipatorisch verstummt, wenn die Lichter langsam ausgehen. Da ist keine momentane Dunkelheit, kein kollektives Atemanhalten, bevor das erste Wort fällt, der erste Schritt widerhallt oder die erste Note eines Liedes erklingt.

Ich kann mich nicht in der Pause mit meiner Begleitung unterhalten, oder heimlich ein bisschen den Gesprächen der anderen Besucher*innen lauschen, falls ich allein gekommen bin. Und ich kann nicht gemeinsam mit allen anderen Zuschauer*innen und Schauspieler*innen emotional auf das Ende hinarbeiten, wo der Applaus dann den Schlusspunkt zu diesem Erlebnis setzt und den Doppelpunkt für eine gedankliche Nachwirkung.

Wenn ich jetzt zu Hause vor meinem Laptop sitze, fehlt mir dieser Sog, den die Betrachtung der Geschehnisse auf der Bühne auslöst. Er ist nur bei ein paar der Stücke entstanden, die ich mir angeschaut habe. Vielleicht schleicht sich hier meine Gewohnheit ein, wie bei Netflix auch Theater „suchten“ zu wollen.

Vielleicht versperrt mir auch meine Ruhe- und Rastlosigkeit den Zugang zu den Stücken – eine Ruhelosigkeit, die auch schon vor der Ausgangsbeschränkung existiert hat, und die ich im Zuschauerraum sonst nie verspüre. Denn dort ergreift mich eine besondere Art von Konzentration, die mir ein Bildschirm verweigert. Die Stücke wirken auch nicht so stark nach, führen nicht zu so einer intensiven Beschäftigung mit ihren Inhalten, sobald der virtuelle Vorhang gefallen ist.

Ja, natürlich. Eine Aufzeichnung ist nie vergleichbar mit dem Leibhaftigen. Die zwei vergleichen zu wollen, ist, wie Äpfel und Birnen nebeneinander zu halten und sich darüber zu beschweren, dass sie vollkommen unterschiedlich aussehen, obwohl beides Obst ist.

Ich möchte das Online-Theater überhaupt nicht schlecht reden. Wie im „echten“ Leben auch gibt es Angebote, die mir gefallen haben, und welche, die mir nicht gefallen haben. In jedem Fall habe ich schon mein Wissen und meine Kenntnis über deutschsprachige Theateraufführungen erweitert, was auch nicht schaden kann. Und zweifellos wird sich da auch noch ‘was tun, um wieder „live“ zu gehen; es werden sich neue, besser geeignete Formate und Möglichkeiten entwickeln, die uns auch zukünftig, nach Corona, nur bereichern können.

Aber Theater ist und bleibt für mich ein (Gemeinschafts)Erlebnis, das sich nicht zu Hause vor dem Bildschirm replizieren lässt. Für den Moment heißt das für mich: Geduld! Für den Moment heißt es für die Theater: Die Zuschauer*innen bei der Stange halten und zeigen, dass man da ist. Dass man weitermacht. Auf neuen Wegen. Und hoffentlich bald wieder auf der Bühne.

 

Bild und Text: Svenja Plannerer