Plastikfasten – eine Abrechnung

Warum in der Fastenzeit auf Fleisch, Schokolade oder Fernsehen verzichten? Warum nicht mal etwas ausprobieren, das außer der eigenen Gesundheit auch noch der Allgemeinheit gut tut?

Während ich das hier schreibe, köchelt gerade auf dem Herd fröhlich mein Fertiggericht aus der Tüte vor sich hin. Meine Mama ist aber auch ein Schatz, wenn sie versucht, durch regelmäßige Notrationen im Plastikbeutel mein Überleben in der ‘Ferne’ zu sichern. Eigentlich breche ich damit gerade mein Fasten, aber auf der anderen Seite habe ich als notorische Konzertgängerin und Kräuterhexe nach dem letzten Monat auch kein Geld mehr. Man muss halt Prioritäten setzen.

 

Aber können wir uns diese ‘Prioritäten’ heute noch erlauben?

Als jahrelanger Berufshippie stoße ich immer wieder an meine eigenen ethischen und moralischen Grenzen, schaffe es aber gleichzeitig auch, diese aus reiner Bequemlichkeit und Egoismus immer wieder bis aufs Äußerste zu dehnen. Daher habe ich jetzt – angeregt von Carla und diversen Zeitungsartikeln – meine Aufmerksamkeit auf ein Gebiet gelenkt, in dem man durchaus sieht, wie viel Schaden man anrichtet. Und das als einzelne Person.

Vor vier Wochen habe ich nämlich mit dem Plastikfasten angefangen.

Vor ungefähr 150 Jahren kamen die ersten Kunststoffe auf und wurden als Innovation gefeiert. Und heute? Nicht mehr wegzudenken. Es überschwemmt uns und wir wehren uns nicht. Wie könnten wir auch? Plastik ist ein Zivilisationsbaustein. Was wären wir nur ohne das Mikroplastik in unserem Duschgel, ohne die Weichmacher in unseren PET-Flaschen, ohne die vielen Plastikschnipsel, die sich so gut in den Lebensprozess unserer Flora und Fauna integrieren lassen? … Moment mal.

Jedes Mal, wenn ich den prall gefüllten gelben Sack an die Straße stelle, sehe ich Bilder vor mir. Die Schildkröte, die im Plastikring aufgewachsen ist und nun Modelmaße hat, den Vogel, der am Plastik verhungerte und die kleinkontinentale Plastikinsel, die im Nordpazifik treibt und mit ihresgleichen eigentlich nur 30% des Meeresmülls ausmacht. Der Rest liegt friedlich auf dem Meeresgrund. Für das nächste halbe Jahrtausend.

 

Müllland Nummer Eins? Deutschland!

Diese Bilder, die jeder von uns schon mal gesehen hat, die schon fast klischeehaft wirken, wobei sie doch so verheerend echt sind. Aber ich will nicht mehr blind sein im Angesicht von ökologischem und geistigem Zerfall – im Angesicht von 200 Millionen Tonnen Plastik jedes Jahr. Und dabei ist Deutschland Europas Müllland Nummer Eins. Keiner sonst produziert jährlich so viel Verpackungsabfall wie wir (nämlich mehr als 213 kg pro Person).

Natürlich müsste ich nach diesen Worten jetzt eigentlich in den Wald ziehen und mir meine Hütte aus Lehm bauen. Aber auch, wenn das in Zukunft nicht allzu abwegig ist, habe ich momentan andere Dinge mit meinem Leben vor. Ich weiß auch, dass es eine Menge engagierter Menschen da draußen gibt, die an umweltverträglichen Plastikalternativen arbeiten, aber noch sind wir einfach nicht so weit.

Also zurück zum Thema.

(Übrigens, wer diesen Text nicht ganz lesen will, kann auch runterscrollen. Dort habe ich für alle Interessierten ein paar Links und Tipps aufgelistet!)

 

Wie also genau läuft das jetzt eigentlich, das mit dem Plastikfasten?

Kurz gesagt: Die Idee dahinter ist, 40 Tage lang nichts aus Plastik zu kaufen. Da fängt die Problematik an – wie weit fasse ich den Begriff? Um 100% konsequent zu sein, müsste ich mir statt meiner elektrischen Zahnbürste eine aus Bambus kaufen, dürfte meine Brotdosen und anderes Tupperzeugs nicht mehr benutzen, müsste mein Shampoo aus der Flasche stehen lassen. Und dürfte das meiste aus meinem Kleiderschrank nicht mehr tragen. Alles möglich, aber auch alles mit Geld verbunden und in meinen Augen unnötige Anschaffungen, solange ich noch Ressourcen habe.

Ich habe noch Vorräte an diversen haltbaren Grundnahrungsmitteln im Schrank stehen. Von diesen zehre ich zwar immer noch, aber eigentlich macht es mir das zu einfach. Eigentlich will ich die Herausforderung. Eigentlich … bin ich enttäuscht.

Ich bin enttäuscht von den Bio-Fairtrade-Bananen, die im Vergleich zu den pestizidbeladenen Bananen aus moderner Sklavenhaltung noch extra in Plastik eingepackt sind. Haben Bananen nicht eine natürliche Schutzhülle? Und warum kann ich dann meinen Apfel trotzdem einfach in die Hand nehmen und drehen und wenden – dass er auch ja perfekt ist? Schließlich wirkt sich äußere Schönheit auf die inneren Werte aus, weiß man doch.

Vor allem aber bin ich enttäuscht von meiner eigenen Schwäche und Scheinheiligkeit.

Zum Glück ist plastikfrei gesund leben gar nicht schwer! Wurzeln (fischköppisch für Karotten), Pilze, Kartoffeln, Zwiebeln – wenn man nicht gerade bei Aldi einkauft, wo sicherheitshalber erstmal alles in Plastik eingepackt ist (Lauch im Dreierpack, warum ist da vorher keiner drauf gekommen?!) – ist plastikfrei bunt zu kochen so einfach! Warum schaut man nicht mal wieder auf dem Wochenmarkt vorbei oder kauft beim Opa, der im Sommer einmal die Woche hier an der Straße neben seinem kleinen Anhänger steht, unterm Sonnenschirm Zeitung liest und die Kartoffeln vom Hof seines Sohnes verkauft?

 

Wenn der Bauer des Vertrauens nicht nebenan ist

Klar, auch diese kleinen Selbstbedienungsstände auf Vertrauensbasis an Straßenrändern oder ‘Regiomaten‘ (eine wunderbare Erfindung übrigens), die mir zuhause auf dem Land so oft begegnen, sind nicht überall Realität. Aber trotzdem – alles so nicht möglich in einer Großstadt? Ich widerspreche! Vor allem frisches Obst und Gemüse findet man überall, man muss nur suchen. Von wiederverwendbaren Beuteln dafür mal ganz zu schweigen. Fleisch und Käse kann man sich (wenn man nicht gerade einen Bauern des Vertrauens nebenan hat) an der Theke auch in eigene Behälter füllen lassen – diese dürfen nur aus hygienischen Gründen nicht hinter die Theke.

Schwierig wird es dann wirklich bei Reis, Linsen oder anderem Getreide, welches unverständlicherweise überall in Plastik, oder in sinnfreier Bequemlichkeit in Kochbeuteln fertig portioniert verpackt ist. Da darf man sich dann die Phthalate als Bonus gleich mit rauskochen. Gleiches gilt für Nudeln, wenn’s mal schnell gehen soll. Ein sinnvoller Kompromiss wären hier große Verpackungen, wie zum Beispiel ein 10kg-Reissack.

Absolut klasse und noch viel zu selten gesehen sind daher die verpackungsfreien Läden wie der ‘ZeroHero’ in Nürnberg (Eröffnung steht noch bevor), oder auch der OHNE-Laden in München. Dort lässt man sich einfach seine mitgebrachten Behälter wiegen, kriegt einen kleinen Aufkleber drauf für die Zukunft und kann sich dann fröhlich alles abfüllen. Die sind aber leider noch so rar, da muss man vorerst selbst aktiv werden.

 

Hafermilch im Tetrapack? Selber melken!

An dieser Stelle kommt dann der Küchentroll in mir zum Vorschein. Für mein Müsli brauche ich schließlich irgendeine Flüssigkeit. Daher heißt es jetzt für mich: Der Hafer muss selbst gemolken werden! Der Vorteil beim Selbermachen: Es ist einfach so viel günstiger (und echt lecker). Der Nachteil: Zuckerzusatz und Haltbarkeit. Aber das ist eine andere Geschichte. Brot backe ich ab jetzt auch selbst oder kaufe mal wieder beim Bäcker.

Klar macht Nahrungsbeschaffung zwar einen Großteil des alltäglichen Plastikkonsums aus, aber was ist mit dem weniger offensichtlichen Plastik? Abgesehen davon, dass man Kleidung sehr gut gebraucht kaufen kann und sie damit bereits ‘vom Markt’ ist, gibt es zahlreiche Hersteller, die sich um hippe und bequeme, aber vor allem ökologisch nachhaltige (Fußbe-) Kleidung kümmern. Nur Leute wie ich, die gerne und viel in etwas ausgefalleneren schwarzen Fetzen durch die Gegend wuseln, sind hier oft noch unterversorgt.

Wie aber läuft das mit der Hygiene? Wie oben bereits erwähnt, gibt es Zahnbürsten aus nachwachsenden Rohstoffen (1; siehe Linkliste unten). Auf Tampons sollte man wegen der Pestizide in der Baumwolle sowieso verzichten (Menstruationstassen sind hier das Stichwort) und Binden kann man sich selbst nähen oder auch zum mehrfachen Gebrauch kaufen. Das ist nicht eklig, das ist natürlich und bei mindestens 60°C in der Wäsche auch total unbedenklich.

Putzen, Waschen und Abspülen geht wunderbar mit Natron und Zitonensäure. Meine Toilette habe ich übrigens mit Essig, Backpulver und einem Rest Cola geputzt – klingt komisch, ist aber so. Und funktioniert. Für die Keimfreiheit hat jeder ordentliche Haushalt übrigens mindestens eine Flasche 70%iges rumstehen. (2; siehe Linkliste unten)

 

Ausrutscher und das obligatorische Sandkorn im Auge

Den eigentlichen ersten Tag des Fastens (1. März) habe ich verschoben, da noch Döner auf dem Speiseplan stand und ich das ‘Vleisch’ dafür brauchte. Daher habe ich offiziell erst am 2. März mit dem Fasten angefangen. So viel schonmal zu meiner Konsequenz.

Bewusste Ausnahmen hatte ich bis jetzt drei – wenn man die Grauzone der Geschenke und anderer Leute Einkauf weglässt. (Mein Freund ‘fastet’ nicht und war dann nämlich schnell mal bei Aldi.) In diesen Momenten habe ich mir dann wirklich beide Augen fest zugehalten und mein Gewissen geknebelt.

An Tag 5 musste ich etwas backen, wofür ich Margarine und gemahlene Mandeln brauchte und kurz darauf habe ich ein besonderes Schwarzsalz gefunden, welches ich schon länger gesucht hatte. Die Plastiktüte hab ich mir dann auch verziehen.

Letzte Woche brauchte ich dann für ein Gruppenfrühstück ein fixes Mitbringsel und habe mich dann aus Zeitmangel für ‘Rührtofu’ entschieden (um gleich mal besagtes Salz anzuwenden) – da hatte ich dann auf einmal drei Packungen von dem Zeug rumliegen. Ist es wenigstens was geworden? Natürlich nicht. Bedröppelt habe ich dann ein Glas Marmelade eingepackt.

Ausrutscher hatte ich, wie befürchtet, schon mehrere. Einmal habe ich mich über einen Tubenroller so weggefreut, dass ich meine Vorsätze komplett vergessen habe. Kurz danach habe ich mir seit langem mal wieder was zum Schminken gekauft – aufgefallen ist es mir erst, als ich durch die Tür raus bin. Blöd gelaufen.

Auf einem Konzert habe ich mir irgendwann zwei Kassetten gekauft, ohne drüber nachzudenken. Aber bei Musik hört der Spaß sowieso für mich auf!

Zuletzt habe ich vor kurzem eine Packung Aufbackbrezeln mitgenommen und habe entrüstet feststellen müssen, dass auch die in Plastik eingepackt sind. Muss das wirklich sein? Einem Apfelstrudel geht es doch auch gut in seiner Pappschachtel!

 

Fazit

Jetzt, am Ende dieses Textes ist der Teller leer, die Pfanne auch (‘2 Portionen’, immer diese Komiker im Verpackungsdesign. Habt ihr meine Familie mal essen sehen?) und mein Schrank um eine Plastikverpackung erleichtert.

Carla ist der Meinung, dass sie im Weichspülmodus fastet, aber wenn ich auf mein regelmäßiges Versagen schaue, bin ich diejenige, die sich ziemlich mies fühlt. Natürlich geht es nicht darum, irgendwelche Regeln strikt einzuhalten, sondern nur darum, sein Konsumverhalten zu reflektieren und zu verbessern. Aber für mich ist das hier eine wenn-schon denn- schon Situation und ich möchte die Grenzen des Möglichen erkundigen.

Es gibt tausende Alternativen und ich kenne natürlich nicht jeden kleinen Hersteller oder jedes plastikfreie Produkt auf dem Markt. Aber diese zu entdecken ist jedes Mal ein kleiner Freudenhüpfer für mein Ökoherz. Noch habe ich ein paar Tage vor mir, aber ich weiß, dass ich weitermachen werde, denn es fühlt sich unheimlich gut an, wenn der Müll eines Monats in ein Einmachglas passt.

Aber da ich schon in einem Metallvogel durch die Weltgeschichte geflattert bin und das auch noch öfter tun werde, ist meine Ökobilanz eh für den A**** (laut dieser einen App gehen 2,1 Erden drauf) und mir kann alles egal sein, weil wir sowieso alle dem Untergang geweiht sind. Oder so.

 

von Lena Thiessen

 

Generell empfehlenswert ist die Webseite von Utopia – dort findet man alles mögliche rund um das Thema Nachhaltigkeit und Umwelt: www.utopia.de

Es gibt eine Facebookgruppe zu diesem Thema, super zum Anregen (lassen) und Austauschen! https://www.facebook.com/groups/plastikfreileben

Der oben erwähnte, noch nicht eröffnete Unverpacktladen in Nürnberg: ZeroHero

(1) Zwei Alternativen zur Plastikzahnbürste:
http://maxgreen.info/shopneu/

https://www.careelite.de/holz-zahnbuerste-naturborsten

(2) Ein toller Blog zum Thema alternative Putzmittel: https://keinplastikfuerdietonne.wordpress.com/category/putz-spulmittel-seife/

Anmerkung: Das verwendete Vorschaubild ist unter der Creative Commons Attribution 1.0 Generic Lizens lizensiert und stammt vom Autor Fruggo aus der Wikimediadatenbank (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Vuilnis.JPG).

2 Gedanken zu „Plastikfasten – eine Abrechnung

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