Neulich bin ich Straßenbahn gefahren. Ich sitze gemütlich da und schaue aus dem Fenster als ich hinter mir eine junge Frau aufgeregt sagen höre: „Ja, finden sie das nicht verletzend?“. Eine andere Frau entgegnet: „Lassen sie die Dame doch in Ihren Erinnerungen schwelgen. Sie hat so viel mitgemacht, davon kann sich jeder noch was draufpacken. Psychisch kranke Menschen sollte man einfach in Ruhe lassen“.

 

Gemeint ist eine alte Dame, die sich in der Straßenbahn lautstark gegen Ausländer auslässt und fordert, die Polizei sollte doch alle auf einmal aus dem Land werfen. Außerdem zweifelt sie die Menschenwürde dieser Leute an. Die Frau, die die Alte verteidigt, scheint diese nicht zu kennen, trotzdem fordert sie vehement, sie doch einfach weiterreden zu lassen und hört ihr nickend zu.

Die aufgebrachte junge Frau verstummt und flüstert dafür mit ihrer Sitznachbarin: „Das hat doch nichts mit in Erinnerungen schwelgen zu tun, wenn man so über andere redet. Das einzige, was die will, ist alle in ihrer Umgebung zu verletzen. Das ist purer Hass, die ist nicht verrückt.“

Die Alte setzt ihre Hassrede fort, so dass jeder im Umkreis ihre Worte klar und deutlich verstehen kann. Die Leute blicken nach vorne, in ihre Handys oder zu Boden. Man kann es zwar nicht sehen, aber ich bin mir sicher: Den meisten Anwesenden hier bereiten diese Aussagen kein Wohlergehen. Ich rufe laut: „Jetzt halten Sie doch einfach mal den Mund. Das kann man sich echt nicht mitanhören“.

Wieder fängt die Frau gegenüber der Alten an: „Lassen Sie sie doch. Sie ist psychisch krank. Warum beschimpfen Sie jemanden, der krank ist. Sie kann doch nichts dafür. Sie können sich ja wegsetzen“. Ich antworte ihr, dass ich nicht allein mit meiner Meinung bin und ich ganz bestimmt nicht wegen einer Frau, die sich nicht zu benehmen weiß, extra meinen Platz verlassen werde.

Einige Leute in meiner Nähe stimmen mir zu und fangen selbst an, mit der Verteidigerin der Alten zu diskutieren. Während die Alte weiter vor sich hinmurmelt und bei ihren Beleidigungen jetzt mich anguckt, holt ihre fragwürdige Beschützerin immer mehr unpassende Argumente hervor. Ihre Generation habe dieses Land aufgebaut und meine Rente würde ich nur wegen der geleisteten Arbeit dieser Frau erhalten.

Ich muss aussteigen. „So ein Schwachsinn“, denke ich, und füge noch an, dass meine Oma, die ich sehr geliebt habe, absolut homophob war und ich trotz aller Liebe immer wieder versucht habe, sie davon zu überzeugen, dass die Partnerwahl doch jedem seine eigene Sache ist. Die Diskussion scheint auch ohne mich weiterzugehen.

Ich habe ein schlechtes Gewissen. Ist es wirklich okay mit einer alten, wehrlosen Dame einen Streit anzufangen? Hat es überhaupt einen Sinn? Ich bin mir sicher, dass sie durch mein Einreden keinen Sinneswandel haben wird.

Ich erinnere mich an einen Abend mit sechzehn, als ich mal versuchte, vor einem Club ein paar herumlungernde Nazis davon zu überzeugen, dass Hitler scheiße war. Die machten sexistische Bemerkungen und wollten meine männliche Begleitung verprügeln. Gott sei Dank kam es nicht dazu.

Die meisten Menschen lassen sich in ihrer Überzeugung eben nur schwer umstimmen und schon gar nicht von Fremden. Lohnen sich dann diese vielen hartnäckigen Diskussionen mit starrsinnigen Menschen auf Facebook überhaupt? Ich denke eigentlich nicht. Aber trotzdem: Verbale und körperliche Gewalt gegen Minderheiten will ich nicht ohne Wenn und Aber über mich ergehen lassen.

Vor einiger Zeit las ich über einen homosexuellen, arabischen Jungen, der in einer Münchner U-Bahn tätlich angegriffen wurde, weil er darum gebeten hatte, dass ein paar Fußball-Hooligans leiser sein sollten. Niemand hatte ihm geholfen. Was wäre gewesen, wenn ein paar Hooligans in meiner Bahn so gesprochen hätten? Vermutlich wären die Fahrgäste noch viel eher verstummt. Oder sie hätten nicht einmal versucht, etwas dagegen zu sagen. Aus Angst. Vielleicht ist das richtig so. Vielleicht muss man manchmal zur eigenen Sicherheit die Wut runterschlucken und verstummen.

Aber Verstummen treffen wir nicht nur in solchen Ausnahmesituationen.

In den unteren Schichten ist die Wahlbeteiligung am geringsten und Sozialleistungen werden kontinuierlich zurückgeschraubt. Obwohl diese Leute es am nötigsten haben, sich zu solidarisieren und gemeinsam für ihre Interessen einzustehen, tun sie es nicht. Das Vertrauen in die Machthaber und der Glaube an Veränderung sind kaum vorhanden. Ich finde, dass das nicht richtig ist.

Wahlen und politische Willensbildung sind ein Weg, sich unter geordneten und sicheren Bedingungen eine Stimme zu verschaffen und vielleicht eines Tages etwas zu verändern. Kein zweihundertster Kommentar unter dem neusten Tagesschau-Post, sondern nur diese kleine aber immerhin legale und ungefährliche Möglichkeit der politischen Beteiligung kann wirklich etwas bewirken.

Ich hoffe, dass auf diesem Weg irgendwann mehr alte Damen und Herren in der Straßenbahn sitzen, die nicht über ihre Mitmenschen fluchen, sondern um es mit den Worten einer Opernball-Besucherin zu sagen: „feine Leute sind, da sie ein bisschen auf andere Rücksicht nehmen“.

 

Von Johanna Ernst