Jiddisch, ein (vergessenes) Stück deutscher Kultur?

Spätestens seit der Serie “Unorthodox” haben gefühlt alle mal Jiddisch gehört. Jannick erzählt uns, wie das Jiddische entstanden ist, und wie es ihm heute ergeht.

 

Es fasziniert mich, wenn ich neue Dinge über Sachen lerne, die ich schon seit sehr Langem kenne. Vor allem in der Sprache bin ich immer wieder erstaunt, was für offensichtliche Zusammenhänge zwischen Wörtern liegen, die im alltäglichen Gebrauch meist übersehen werden. Zum Beispiel kommen die Wörter „Gymnast“ und „Gymnasiast“ natürlich beide von dem griechischen Wort „gymnásion“, also einem Ort, an dem Sport betrieben wird.

Solche Fremdwörter, aus dem Lateinischen, Griechischen, Französischen oder Englischen, also aus der romanischen und germanischen Sprachfamilie, kann man oft schon dem Klang nach ihrem Ursprung zuordnen. Es gibt im Deutschen aber Wörter, wie z.B. Ganove, Tohuwabohu oder den Ausspruch „Hals und Beinbruch“*, die aus einer ganz anderen Sprachfamilie stammen. Diese Familie ist die der semitischen Sprachen, und die Sprachen selbst sind Hebräisch und Aramäisch. Es sind die beiden wichtigen religiösen Sprachen der Juden, welche im Mittelalter von immigrierenden Juden nach Europa gebracht wurden. In der Vermischung mit den damaligen deutschen Dialekten, entstand schließlich das Jiddische, was die Sprache der aschkenasischen Juden ist (bzw. war). Bevor ich hier aber weiter darüber rede, müssen ein paar Dinge geklärt werden:

Wer sind die aschkenasischen Juden und warum heißen sie so?

Aschkenas ist in der Hebräischen Bibel – auch Tanach genannt – der Name eines Königreichs, das nördlich von Israel liegt. Nachdem die Juden 135 n.Chr. von den Römern aus Palästina vertrieben wurden, emigrierten sie in verschiedene Teile der Welt; unter anderem nach Europa. Auch, wenn ihnen dabei bestimmt klar war, dass dies nicht die Länder waren, die im Tanach erwähnt werden, gaben sie ihnen Namen, die sie aus ihrer Bibel kannten: Frankreich bekam den Hebräischen Namen Zarfát, Spanien wurde zu Ssefarád (Daher auch die sefardischen Juden) und Deutschland zu Aschkenás. Zuerst waren die „Aschkenasim“ also nichts anderes als die Juden in Deutschland.

Die ersten davon gab es ab dem 9. Jhd. n.Chr. Die Sprachen, die sie mitgebracht hatten, vermischten sich mit den damaligen deutschen Dialekten. Darunter waren aber nicht nur Hebräisch und Aramäisch, die die Juden im Laufe ihrer religiösen Bildung weiterhin lernten, sondern es waren auch Teile aus romanischen und slawischen Sprachen dabei, da die Juden aus westlicher, südlicher und östlicher Richtung in das heilige römische Reich immigriert waren. Diese Teile, oder Komponenten, wie sie fachsprachlich bezeichnet werden, sind zusammen mit dem Deutschen die Grundlage der jiddischen Sprache.

Allerdings hat nicht nur Deutsch Jiddisch beeinflusst, sondern Jiddisch auch Deutsch. Viele Wörter in unserer Alltagssprache kamen aus dem Hebräischen über Jiddisch in unseren Wortschatz. Das Kaff, als Bezeichnung für ein kleines Dorf, kommt von hebr. „kĕfạr“ = Dorf. Der Knast kommt von hebr. gĕnạs, was sowas wie Geldbuße oder gerichtliche Strafe bedeutet. Das Wort mies kommt von hebr. mĕ’is, was einfach nur schlecht bedeutet. Tatsächlich könnte ich mir den ganzen Tag Listen von diesen Wörtern anschauen. Ich finde da gehen einem immer wieder die Augen auf.

Andersherum geht es mir aber ähnlich: Heutzutage wird Jiddisch von Menschen gesprochen, die sich hauptsächlich außerhalb von Deutschland aufhalten. Aufgrund des hohen deutschen Anteils, versteht man davon als Deutsch-Sprecher aber eine ganze Menge und so kriegt man einen kleinen Einblick in eine andere Kultur, der viel kleiner wäre, wenn man nichts von der Sprache verstehen würde. Vor allem, wenn es in einem Video Untertitel gibt und man sich innerhalb des Deutschen gut in Dialekte reinhören kann, kann man oft eine ganze Menge mitnehmen. Das ist so ähnlich wie beim Niederländischen.

An dieser Stelle möchte ich deshalb ein kleines Experiment mit euch machen: In dem Buch „Jiddisch. Geschichte und Kultur einer Weltsprache“ sind Passagen aus jiddischen Texten in lateinischen Buchstaben (normalerweise benutzt man hebräische) zusammen mit einer deutschen Übersetzung abgedruckt. Eine davon hab ich für euch kopiert. Versucht erstmal den jiddischen Teil zu lesen – am besten laut, dann geht das besser – und zu schauen, was ihr davon versteht. Mit dem deutschen Teil könnt ihr dann kontrollieren, wie richtig ihr gelegen habt.

 

Aus „Físchke der krúmer“ („Fischke der Lahme“) von Schólem-Jánkew Abramowitsch:

[…] épeß a bíld-scheine panoráme: félder geschprénkelte mit blíende rétschke waijß wi schnej
lebn gélb-gìldene razemárene paßn fun wejz un mát-grìnleche, hójch-gewàkßene kukurúseß; a
schéjner gríner tol, badékt fun béjde sajtn mit wédldech níß-bèjmer; untn flejzt a taichl, rein, klor
wi krischtol, in welchn es tukn sich di schtraln fun der sun un baléjgn es mit fínkeldike gíldene
flíterlech. Di schof und di ki af der pásche dortn séen fun der wajtnß ojß wi túnkele, rójte,
geflékte píntelech.

[…] ein bildschönes Panorama: Felder, gesprenkelt mit blühendem schneeweißen Buchweizen,
neben gelb-goldenen Mohairstreifen aus Weizen und mattgrünen, hochgewachsenen
Maisstauden. Ein schönes grünes Tal, an beiden Seiten mit Wäldchen aus Nussbäumen
bewachsen. Unten fließt ein Bach, hell, klar wie Kristall, in den die Sonnenstrahlen eintauchen
und ihn mit funkelndem Goldflitter überziehen. Die Schafe und Kühe dort auf der Weide sehen
von Ferne aus wie dunkle und rote Tupfer.

 

Also ich finde, den Grundsinn kann da man schon verstehen. Und das ist ja schonmal was. Aber man versteht eben auch nicht alles, denn es handelt sich natürlich trotzdem um eine eigene Sprache.

Wie die meisten von euch sicher aus dem Geschichtsunterricht wissen, wurden Juden im mittelalterlichen Deutschland diskriminiert und über lange Zeit verfolgt. Über die Zeit gab es Gesetze, Verschwörungsmythen und Pogrome, die dafür sorgten, dass ihre Stellung im Reich sehr schlecht war. Das war natürlich nicht immer und überall der Fall, sonst hätte sich das Jiddische so nicht entwickeln können. Aber trotzdem siedelten im späten Mittelalter immer mehr Juden nach Osteuropa um, bis schließlich die Mehrheit der Aschkenasim dort lebte. Spätestens ab diesem Zeitpunkt waren aschkenasische Juden nicht mehr nur die Juden in Deutschland, sondern auch die in Osteuropa.

Trotz der neuen Sprachen, die die Aschkenasim umgaben, verloren die Juden die deutschen
Komponenten ihrer Sprache nicht. Im polnisch-litauischen Großreich, das teilweise von der Ostsee bis zum schwarzen Meer reichte (krass, oder?) sprachen die unterschiedlichen Bevölkerungsschichten teilweise unterschiedliche Sprachen und deshalb konnte man sich nicht so wie bei den deutschen Dialekten an eine Sprache assimilieren. Allerdings nahmen sie weitere Wörter der slawischen Komponente in ihren Wortschatz auf. Die Aschkenasim wurden dort eine eigene Mittelschicht und die verschiedenen Dialekte, durch die sie geprägt waren, vermischten sich zum Ostjiddischen.

Es gab danach natürlich noch viele weitere wichtige historische Entwicklungen, aber jetzt, da die Entstehung der Sprache skizziert ist, will ich euch auch nicht zu sehr mit Geschichte langweilen. Es sei nur zur heutigen Situation noch etwas gesagt: In der Moderne haben viele Entwicklungen, aber besonders die Politik der Sowjetunion und die grausamen Verbrechen des NS-Regimes dafür gesorgt, dass die Zahl der Jiddisch-Sprecher drastisch zurückging. In Israel setzte sich das moderne Hebräisch als Landessprache durch und besiegte damit das Jiddische als mögliche Alternative. Heute wird die Sprache hauptsächlich von orthodoxen und ultraothodoxen aschkenasischen Juden in Israel und Amerika gesprochen. Durch sie wurde Jiddisch bis jetzt am Leben gehalten. Die wichtige Stellung, die die jiddische Sprache aber als einendes Band der Aschkenasim einmal hatte, ist inzwischen verloren gegangen und lebt bei den meisten nur in traditionellen Begriffen weiter.

Wenn ihr jetzt noch mehr Lust auf Jiddisch habt, dann kann ich euch dieses Video empfehlen, in dem ein paar Leute ein jiddisches Lied singen und dabei den Spaß ihres Lebens haben. Da verstehen ich nicht so viel, aber ich bekomme immer gute Laune, wenn ich es sehe.

Falls ihr noch mehr über Wörter im Deutschen aus dem Jiddischen lernen möchtet, könnt ihr
diese Liste vom MDR angucken:

https://www.mdr.de/religion/juedisches-leben/kleines-jiddisches-woerterbuch-100.html

Wenn ihr aber noch weiter ins Thema einsteigen möchtet, kann ich euch das bereits erwähnte Buch „Jiddisch. Geschichte und Kultur einer Weltsprache“ von Marion Aptroot und Roland Gruschka empfehlen. Ich möchte mich außerdem an dieser Stelle sehr herzlich bei Rebekka Denz von der Uni Bamberg für ihre Literaturempfehlung und das Hinweisen auf ein paar wissenschaftliche Ungenauigkeiten bedanken.

 

* Dabei handelt es sich um eine nicht gänzlich bestätigte Theorie.

 

von Jannick Tröbs

Beitragsbild: Bild von Ben Burton auf Pixabay